Beiträge von DrAndreasHoppe

    Ich möchte hier mal einwerfen, dass man unterscheiden sollte zwischen der "normalen" Varroaresistenzzucht und den Projekten des VSH-Themenkreises. Letztere sind wissenschaftlich ausgerichtet und die Methoden sind nicht denkbar für die breit angelegte Zuchtarbeit. Allein die SMR-Auszählungen sind sehr aufwändig - allein von der Ausstattung mit Mikroskopen und der zeitliche Aufwand. Von SDI und Minibeuten ganz zu schweigen. Da sind die Bieneninstitute involviert und eine handvoll erfahrener Züchter, die hier ausgestattet und angelernt werden.


    Bei all der Begeisterung für die VSH sollte man aber ersteres nicht vergessen, die ganz normale Varroaresistenzzucht, bei der neben den üblichen Merkmalen der Leistungsprüfung Milben gezählt und mit der Nadel angestochene Zellen überprüft werden - im Vergleich zu den VSH-Brutuntersuchungen einfach und schnell zu erfassen. In dieser Zucht sind hunderte Züchter involviert, sie läuft seit etwa 15 Jahren und hat schon erstaunliche Erfolge gebracht.


    Als Hobbyimker muss man nicht gleich Züchter werden, man könnte sich eine Königin von einem dieser Züchter kaufen und vergleichen, wie praxistauglich sie unter den eigenen Bedingungen ist, z.B. ob man die Varroabehandlungen einschränken kann - und daraus seine Rückschlüsse ziehen.

    Eine Frage die mich beschäftigt ist, wie sehr muss ich bei der Beschickung von Belegstellen auf die vorhandene Linie achten?


    Die Bezeichnung der Linien ist im Prinzip überholt. Selbst bei den Sklenarzüchtern, die relativ großen Aufwand zur Pflege der Linien betreiben, haben die Bienen zu den restlichen Carnica-Bienen eine durchschnittliche Verwandtschaft, sie sind nicht wirklich isoliert.


    Das heißt aber nicht, dass gewisse Grundgedanken der Linienzucht überholt sind. Es ist auch heute noch sinnvoll, eine regional angepasste Biene zu bevorzugen. Für die genetische Vielfalt ist es wichtig, dass nicht alle Bienen von der gleichen "Hochleistungsbiene" abstammen. Bestimmte Züchter haben neben den objektiven Merkmalen Ertrag, Sanftmut, Varroa usw. noch weitere Qualitätskriterien für ihre Zuchtvölker, die im Einzelfall sehr wichtig sein können.


    Nur wird das heutzutage nicht mehr durch die Linienbezeichnungen abgedeckt - es ist komplizierter geworden. Im Stammbaum in BeeBreed kann man nachvollziehen, von welchen Züchtern die Vorfahren kamen, und kann sich dann darüber informieren, was die Bienen dieses Züchters ausmacht, was seine Zuchtziele sind.

    Die Frage nach der akzeptablen Inzucht ist auch eine Frage der Zuchtstrategie. Man kann mit Absicht hoch ingezüchtete Bienen züchten, nimmt dann aber schwächere/schlechtere Völker in Kauf. Man kann aber Inzucht so niedrig wie möglich anstreben. Üblich ist aber, sich eine Grenze der Inzucht zu setzen und andere Kriterien entscheiden zu lassen.


    Es heißt genau: Ab 15% Inzucht sind (deutlich spürbare) negative Auswirkungen auf das Volk zu erwarten - das kam bei Versuchen des Bieneninstituts Kirchhain heraus. Es ist aber keine starre Grenze - grundsätzlich gilt, je geringer die Inzucht, desto vitaler und leistungsfähiger das Volk.


    Die durchschnittliche Inzucht in der Carnica-Zucht ist im Bereich 4-5%. Wenn ein paar Belegstellen in Betracht gezogen werden, können Inzuchtwerte unter 5% realisiert werden.


    Eine Hilfe bei der Belegstellensuche ist eventuell "Verwandtschaften zwischen wichtigen Völkern der Carnica-Zucht (XLSX)", bei der auch die aktuellen Belegstellenbesetzungen einbezogen sind.

    Hallo,


    zwei Anmerkungen von meiner Seite.


    Die "kanarische Dunkle" hat nichts mit der Mellifera zu tun. Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um A.m.iberiensis, die zwar ebenfalls dunkel, aber ansonsten völlig anders ist: klein, starke Schwarmneigung, stechlustig.


    Bei den Mellifera muss man einen Unterschied zwischen den skandinavischen und den schweizer/österreichischen Zuchten machen. In Norwegen ist (nach Aussage des norwegischen Zuchtobmanns Bjorn Dahle) Wabenstetheit gar kein Zuchtziel. Das Weglaufen wird als rassetypisch angesehen und die Imker stellen sich in der Wirtschaftsweise darauf ein. Königinnen aus der norwegischen Zucht sind in Skandinavien und Norddeutschland bevorzugt.

    In der Mellifera-Zucht in Österreich und der Schweiz werden die gleichen Zuchtziele wie für die anderen Rassen verfolgt, unter anderem der für die Magazinimkerei nützliche Wabensitz. Der ist dann auch weitestgehend gut, wobei das nicht mit der Carnicazucht zu vergleichen ist, die bei der Selektion viele Jahrzehnte Vorsprung hat.


    Andreas

    Carpatica hat nach der Mehrheit der Bienenwissenschaftler nicht den Status einer eigenen Unterart, sondern ist die Bienenpopulation in Rumänien, Modawien und Teilen der Ukraine in der natürlichen Hybridisierungszone zwischen A.m.carnica und A.m.macedonica. Wissenschaftler in Rumänien sehen sie aber als eigene Unterart, und in Rumänien und Moldawien sind sie unter dem Namen A.m.carpatica gesetzlich geschützt. Die meines Wissens umfassendste genetische Untersuchung der Bienen in Rumänien ist [1], bei der die Bienen überwiegend zu einer der Unterarten, Carnica oder Macedonica, zugeordnet werden können. Ein wissenschaftlich-politischer Disput, praktisch nicht wirklich relevant.


    Es gibt Zuchtarbeit an der Universität Bukarest, aber der Großteil der Population ist züchterisch recht unbeeinflusst. Was für Gründe könnte es geben, Königinnen aus Rumänien zu importieren? Man bekommt vermutlich eine etwas wildere Carnica mit einem Einschlag Macedonica, die mit dem Klima in Rumänien gut klar kommt.



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    [1] Cristian O Coroian, Irene Muñoz, Ellen A Schlüns, Orsolya R Paniti‐Teleky, Silvio Erler, Emilia M Furdui, Liviu A Mărghitaş, Daniel S Dezmirean, Helge Schlüns, Pilar Rúa, Robin FA Moritz. "Climate rather than geography separates two European honeybee subspecies", Molecular ecology 23 (9), 2353-2361.