Beiträge von Har

    Wilde Bienenpopulation in der Nähe von Oxford gefunden

    Auf einem Areal von knapp 200ha wurden 50 wilde Bienenvölker entdeckt. Kleine varroastabile Völker, entspannte Bienen. Die Höhlen von einem Viertel der Bienenstockgröße in 15-20 m Höhe blieben bisher unbemerkt. Fluglöcher kleiner als 5cm. Zwei Völker im selben Baum. Vermutlich weitere wildlebende Populationen in UK. Urwälder sollten geschützt werden.

    ‘No one knew they existed’: wild heirs of lost British honeybee found at Blenheim
    The ‘ecotype’, thought to have been wiped out by disease and invasive species, is thriving in the estate’s ancient woodlands
    www.theguardian.com

    Wie entstehen Haustiere? Hier mal die Definition von Wikipedia:


    Domestizierung (auch Domestikation, zu lateinisch domesticus „häuslich“) oder Haustierwerdung ist ein innerartlicher Veränderungsprozess von Wildtieren oder Wildpflanzen, bei dem diese durch den Menschen über Generationen hinweg von der Wildform genetisch isoliert werden. Wildtiere werden durch Domestikation zu Haustieren.


    Bei der westlichen Honigbiene gab es keine genetische Isolation und deshalb auch keine Haustierwerdung.

    Wolf und Hund sind genetisch verschieden. Katze und Wildkatze ebenfalls. Honigbiene (wild) und Honigbiene (im Bienenkasten) unterscheiden sich genetisch kaum. Die Hausschweinzüchtung gelang, weil die Hausschweine von den Wildschweinen getrennt gehalten werden können. Im Gegensatz zu Hausschweinen können Honigbienen höchstens auf Inseln dauerhaft zu Zuchtzwecken von ihren wilden Artgenossinnen isoliert werden. Der menschliche Einfluss bestand vor allem darin, dass die natürlich regional vorkommenden Bienenrassen in andere Gegenden verbracht wurden. Mit viel gutem Willen könnte die Buckfast als menschengemachte Rasse angesehen werden.

    Varroa zeigt, dass die wildlebenden Völker eine rasche populationsgenetische Anpassung (scharfe Selektion, genetischer Flaschenhals) durchlaufen und sich eine stabile Parasit-Wirt-Beziehung einstellt. Dazu würde es auch bei den Imkervölkern kommen, wenn nicht behandelt würde. In zahlreichen Weltgegenden und auch bei einzelnen Imkereien in Deutschland kann das beobachtet werden. Die dauerhafte Behandlung verhindert das. Je stärker die Medikamentendosis erhöht wird, desto abhängiger werden die Bienen. Ein Teufelskreis. Eigentlich sollte die Behandlungspflicht in Deutschland beinhalten, dass tendenziell reduziert und nicht erhöht wird.

    Das können wir von den wilden Völkern lernen.

    Die westliche Honigbiene apis mellifera ist kein Haustier. Seeley hat amerikanische „Wild“Bienen untersucht. Die stammen von Völkern ab, die die weißen Siedler nach Amerika gebracht hatten und dort wieder auswilderten. Der Genpool der Bienen hat zu jedem Zeitpunkt auch wild lebende Völker umfasst. Im ursprünglichen Verbreitungsgebiet Afrika und Europa und Vorderasien gab und gibt es immer auch wildlebende Populationen, die im Austausch mit den Imkervölkern standen und stehen. Die in den neuen Kontinenten angekommenen Imkervölker haben sich vor Ort ebenfalls ihre wilden Habitate gesucht, so dass es immer und überall auch ein natürliches Gegengewicht zum züchterischen Einfluss des Menschen gab. Die deutsche Bienenforschung anerkennt mittlerweile auch die Existenz wildlebender Bienenvölker in Deutschland (Ein Volk pro 10 Quadratkilometer in den Verbreitungsgebieten des Schwarzspechtes). Tautz hat im Interview auf die Frage, was die Imkervölker von den wilden Völkern unterscheidet mit einem schlichten „nichts“ geantwortet.

    Wenn ich mich recht entsinne, hat Seeley die Bienen von Arnot forest erst ein paar Jahre nach Ankunft der Varroa wieder untersucht. Wie gesagt fand er zu diesem Zeitpunkt eine gesunde und varroaresistente Population vor. Durch genetische Untersuchungen fand er heraus, dass die Population zuvor einen genetischen Flaschenhals durchlaufen hatte. Dies kann nachträglich so interpretiert werden, dass es nach Eintreffen der Varroa eine scharfe Selektion mit entsprechenden Verlusten gab.

    Steht aber alles in dem Buch.

    Gruß vom Harry

    Seeleys erste Studie zu wildlebenden Bienenvölkern in Arnot
    forest erfolgte lange vor Ankunft der Varroa. Nachdem sein Bestand an
    gemanagten Imkervölkern in den 1990ern durch Varroa nahezu
    vollständig ausgelöscht worden war, fragte sich Seeley, wie es wohl
    den wildlebenden Völkern ergangen war. 2002 ging er wieder in den
    (wenige Kilometer entfernten) Arnot forest und fand den Bestand an
    wilden Honigbienenvölker unverändert – keine Varroaschäden,
    trotz Anwesenheit von Milben.


    Har

    Hallo Stefan,

    vielleicht ist es die Übersetzung von -the-lives-of-bees-the-untold-story-of-the-honey-bee-in-the-wild? Wenn ja, dann kannst du ja mal hier schauen:

    Har

    Gruß vom Harry

    Nicht Behandeln:

    In der Natur klappt es. Bei einzelnen Imkereien klappt es auch. Auf einigen Inseln klappt es. In einigen Regionen klappt es (z.B. England/Wales). KeineR weiß so recht warum. Beim Versuch der Resistenzzucht wird der Schwerpunkt auf einzelne Selektionsmerkmale gelegt. Bei natürlich entstandener Varroafestigkeit könnte es sich um ein Zusammenspiel vieler Faktoren handeln (das ist Resistenz-Zucht-technisch kaum handhabbar).

    Entscheidend ist doch, was hinten rauskommt. Vor ca. 5 Jahren habe ich aufgehört Drohnenbrut zu schneiden. Habe keinen Unterschied beim Überleben der Völker feststellen können.

    Juhani Lunden..


    https://naturebees.wordpress.com/


    … ist ein finnischer Imker, der seine Bienen seit vielen Jahren (ca. 2010) nicht mehr behandelt. Auch Juhani Lunden musste durch ein Nadelöhr mit hohen Verlusten, aber dann hat sich die Population stabilisiert und ist wieder gewachsen. Er bemüht sich sehr um Verbreiterung der Basis für behandlungsfreies Imkern. Neben der Weitergabe von Brut und Königinnen (sie finden sich u.a. auch in deutschen Buckfast Zuchtprogrammen), versucht er es aktuell mit Völkerverleih in Finnland.


    Die Milbenzahl im Wintertotenfall geht bei Juhani Lunden von Jahr zu Jahr zurück. Er glaubt, dass je stärker die Bienen das Aufkommen der Milben schon im Ansatz minimieren, sie immer entspannter und produktiver würden. Allerdings war das nicht immer so. In der ersten Phase des Nicht-Behandelns, als seine Bienen schwer mit Varroa gekämpft haben, beobachtete Lunden Phasen erhöhter Agressivität.


    Um Behandlungsfreiheit zu erreichen schlägt Lunden u.a. vor:

    Belegstellen mit varroaresistenten Drohnen bestücken

    Einzelne Imker sorgen für die Dominanz resistenter Drohnen im Gebiet ihrer Bienenhaltung

    Schaffung größerer Zonen mit Dominanz resistenter Drohnen


    Für Juhani Lunden ist die Rettung bedrohter Bienenrassen weniger wichtig als die Rettung der Gene. (Rasse sei eine menschengemachte Definition, Gene ein Produkt der Natur...)


    Der Blog ist umfangreich und dies hier ist nur eine kleine subjektive Auswahl aus seinen Texten.

    das Missverständnis ist nachzuvollziehen.


    Gattung + Artname = Art


    Apis mellifera

    Apis cerana


    sind 2 verschiedene Arten


    Oft geht es hier im Forum aber um "Rassen"

    Da sind fruchtbare Paarungen möglich und die Übergänge fließend.

    Die heißen dann bspw:


    Apis mellifera carnica

    oder

    Apis mellifera ligustica


    Verwirrend wird es bei Apis mellifera mellifera, der dunklen Biene.

    Wenn von Mellifera die Rede ist könnte es sich um die Art oder um die "Rasse" handeln.

    Sechster und letzter Teil

    Die Varroamilbe war ursprünglich ein Parasit der asiatischen Honigbiene Apis cerana (stabile, nicht tödliche Parasit-Wirt Beziehung). Zum Wirtswechsel (Übersprung auf die westliche Honigbiene) kam es, nachdem im 19. Jhdt russische Bienenvölker (Apis mellifera) nach Osten in die Primorsky Region gebracht worden waren, wo bereits Apis cerana heimisch war. Im Laufe der Zeit entwickelte sich in der Primorsky Region eine stabile Parasit-Wirt Beziehung von Varroa destructor und Apis mellifera. Leider ist nicht bekannt, wie lange dieser Anpassungsprozess gedauert hat.

    Auf Gotland (schwedische Insel) wurde an 150 Bienenvölkern in einem Feldversuch die behandlungsfreie Entwicklung der Population untersucht. Nach einem Rückgang auf 8 Völker ist die Population innerhalb von 10 Jahren wieder auf 20-30 Völker angewachsen. Als Erklärung wird unter anderem das zwischenzeitliche Öffnen und wieder Verschließen befallener Brutzellen angeführt, welches die Vermehrung der Milbe bremst und die Bienenbrut unbeschadet lässt.

    Im Arnot forest wurde durch natürliche Selektion eine Anpassung innerhalb von 10 Jahren erreicht. Untersuchungen deuten auf einen genetischen Flaschenhals hin: die heutigen Völker stammen von wenigen Königinnen ab. Maßgebliche Veränderungen des Bienengenoms wurden an 634 Stellen (!) gefunden. Die Hälfte davon betraf das Entwicklungsgeschehen der Bienen.

    Ein verändertes Verhaltensspektrum der Bienen betraf sowohl das direkte Angreifen der Milben (Abbeißen von Extremitäten) als auch das Ausräumen befallener Brut als auch das Öffnen und wieder verschließen von Brut. Seeley: not just a silver bullet. Bee keepers take note.


    Seeley führt weitere Faktoren an, die das Überleben mit Varroa beeinflussen:

    Er hat untersucht, ob Völker von Einzelaufstellung profitieren und fand eine höhere Überlebensrate bei zerstreut stehenden Völkern (Durchschnittsabstand 34m) gegenüber der normalen Aufstellung.

    Ein Versuch mit großen und kleineren Beuten zeigte, dass kleinere Beuten das Überleben erleichtern.

    Keinen Unterschied ergab hingegen ein Versuch mit kleinen Zellen.

    Die Propolishülle (bei wilden Bienen die Regel) bewirkt, dass das Immunsystem der Bienen weniger aktiv ist (sein muss) da weniger Infekte bekämpft werden müssen. Seeley vermutet, dass die dadurch freigesetzte Energie den Bienen zugute kommt. Außerdem hatten „Propolisvölker“ auch einen Überlebensvorteil gegenüber den Völkern in normalen Beuten.


    Zusammenfassung Seeleys, was wildlebende Bienenvölker von gemanagten Völkern unterscheidet, (in Stichworten):

    1. an die Region angepasste Bienen

    2. Vereinzelung der Bienenvölker

    3. kleinere Behausungen

    4. Auskleidung der Wände mit Propolis

    5. Dicke Wände

    6. Bienensitz in mehreren Metern Höhe

    7. Keine Unterdrückung des Drohnenbaus

    8. stabile Nestorganisation

    9. keine Wanderungen

    10. seltene Störungen

    11. nur regionale Krankheiten

    12. vielfältiger Pollen in der Umgebung

    13. kein Pollenersatzfutter

    14. keine Pflanzenschutzmittel

    15. keine Behandlung der Bienen gegen Krankheiten

    16. keine Honig- und Pollenentnahme

    17. kein Austausch von Waben zwischen den Völkern

    18. Deckelwachs wird von Bienen recycelt

    19. die Völker entscheiden selbst, aus welchen Zellen Königinnen gezogen werden

    20. freie Konkurrenz der Drohnen

    21. kein Drohnenbrutschneiden