Wärmehaushalt und moderne Betriebsweise

  • Hallo,


    im Thread http://www.imkerforum.de/viewtopic.php?t=4230 wurde der Wärmeverlust bei Erweiterung von oben diskutiert.


    Die Erweiterung von oben kann nur schrittweise geschehen - ich kann nicht sofort drei Zargen oben drauf stellen. Doch auch schon das Volumen einer Zarge, auch einer Halbzarge, vervielfacht den zu erwärmenden Raum bis zur Brut. Und der muß neu erwärmt werden, um die Brut zu schützen. Das ist die eine Sache.


    Neue Kontrollen sind notwendig, um abzuschätzen, ob weiterer Raum notwendig ist. Oder gar, um das Schwärmen zu verhindern. Manche gehen im Mai jede Woche einmal an ihre Bienen (!).


    Weiterer Wärmeverlust ist die Folge. Mit jedem Öffnen!


    Eine Aufgabe der Drohnen neben der Fortpflanzung ist die Erhaltung der Stockwärme.


    1+1=?


    Mehr Wärmeverluste=mehr Drohnen? Haben viele Imker deswegen Last mit einem unnatürlichen Überschuß an Drohnen?


    Mehr Drohnen=mehr Varroa?


    Mehr Varroa=mehr Drohnenbrutschneiden=mehr Beute öffnen?


    Ein Teufelskreis?


    Bernhard Heuvel

  • Finde das ein spannendes Thema zu dem ich mir noch keine richtige Meinung bilden konnte.


    Mich hat gewundert, daß meine Damen in der zweiräumigen Überwinterung unten gesessen haben und auch dort zuerst mit der Brut angefangen haben.
    Dachte eigentlich auch: Wärme steigt nach oben als werden die wohl zuächst die obere Zarge besetzen und auch dort zuerst brüten. Wäre schön gewesen, dann hätte ich die untere Zarge mit den "ollen Kamellen" einfach wegnehmen können.
    Aber den Gefallen tun sie mir nun nicht - sie fingen unten mit der Brut an und dehnten das Brutnest dann erst in die obere Zarge aus. Liegt das alleine an dem unten eingelagerten Pollen?


    Nun sind diese Segeberger bei meiner momentanen Aufstellung auch recht sonnenverwöhnt und ev. generell recht warm - womöglich spielt daher der Wärmehaushalt nicht ganz die große Rolle bei dieser Entscheidung...


    Melanie

  • Zitat

    Eine Aufgabe der Drohnen neben der Fortpflanzung ist die Erhaltung der Stockwärme.


    Ohja! Ich hab es letztes Jahr (und noch öfters ;-) )hier schon geschrieben, als das Wetter im Mai so grottig war, waren bei den niedrigen Temperaturen fast nur Drohnen auf der Brut sitzend, die Mädels waren alle unterwegs.
    Und mein Drohnenanteil lag tw. bei 25% im Mai, bis sie meinten, sie hätten genug und die Drohnenzellen mit Honig zumachten.
    Sie tragen übrigens auch nicht wenig zur Honigtrocknung bei, wenn man ihnen denn die Möglichkeit dazu gibt.


    Zitat

    Aber den Gefallen tun sie mir nun nicht - sie fingen unten mit der Brut an und dehnten das Brutnest dann erst in die obere Zarge aus. Liegt das alleine an dem unten eingelagerten Pollen?


    Nein, Melanie, sie wissen nur sehr genau, wieviel Platz sie haben und regeln das Brutvolumen darauf ein.
    Grundsätzlich hat im Frühjahr Brut Vorrang, weil sie ja schwärmen wollen.
    Erst danach kümmert man sich um die Vorräte für den nächsten Winter, sprich das Brutvolumen wird dann über die eingetragene Honigmenge soweit reguliert, daß sie im Verhältnis zu den überwinternden Bienen ausreicht.
    Die Höhle im Baum wird nun mal nicht von allein größer....
    Denk wie eine Biene! :wink: 
    Die weiß nichts von Erweiterungs- und Honigraumzargen, die sieht nur, wieviel Platz JETZT da ist und stellt sich darauf an.
    Alles andere wäre tödlich.[/quote]

    "Meet me in a land of hope and dreams"
    Bruce Springsteen

  • Hymenoptera schrieb:

    Nun sind diese Segeberger [schnipp]...


    Hallo Melanie,


    sehr interessant! Ich habe heute zwei Segeberger geöffnet (habe die aus einer Auflösung übernommen) und auch die Brut größtenteils unten gefunden!


    Wie kann das? Ist die Segeberger eventuell zu warm? Oder einfach zu stickig - kein Sauerstoff für die Brut? Ich finde diese Beuten wirken wie ne Tupperdose - luftdicht. Wie sich eine Biene als lebendes Wesen darin wohlfühlen soll... schließlich atmet und dünstet so ein Bienentier.


    Viele Grüße vom Niederrhein,


    Bernhard Heuvel

  • BernhardHeuvel schrieb:

    Wie kann das? Ist die Segeberger eventuell zu warm? Oder einfach zu stickig - kein Sauerstoff für die Brut? Ich finde diese Beuten wirken wie ne Tupperdose - luftdicht. Bernhard Heuvel


    Hallo Bernhard,
    Schundau lesen, das erweitert den Horizont für die Betreibsweise mit dieser Beute ungemein!

  • Hallo FX,


    Du bist aber früh unterwegs! :D


    Im Internet habe ich leider nichts zu Werner Schundau gefunden - außer einem Buch. Ich werde mir das Buch (ist ja nicht so teuer) zum Geburtstag schenken lassen.


    So wie ich es jetzt sehe, ist jede Beute ein Werkzeug, daß verstanden werden will, bevor es benutzt wird. Mit einem Hammer in der Hand sehen eben alle Probleme aus wie ein Nagel :wink:


    Kannst Du dir denn erklären, warum die Brut in der unteren Zarge war?


    Bernhard Heuvel

  • BernhardHeuvel schrieb:

    Kannst Du dir denn erklären, warum die Brut in der unteren Zarge war?


    ...weil die Bienen sich nicht immer an die "Bücherweisheiten" halten. :wink: 
    Es ist nun mal so, dass die Mehrheit der Völker das Brutnest oben anlegen und nach unten ziehen. Aber es gibt welche, die machen das genau umgekehrt. Und wenn man die Völker über die Jahre beobachtet, da gibt es welche, die fangen immer oben mit dem Brutnest an und andere immer von unten und es gibt welche ,die wechseln im Laufe der Jahre....


    Es ist also nur eine Wahrscheinlichkeit und keine Konstante, dass die Bienen mit der Brut oben anfangen.

    "Moral ohne Sachverstand ist naiv und manchmal sogar gefährlich"

  • G. Wustmann schrieb:

    ...weil die Bienen sich nicht immer an die "Bücherweisheiten" halten. :wink: 
    Es ist nun mal so, dass die Mehrheit der Völker das Brutnest oben anlegen und nach unten ziehen. Aber es gibt welche, die machen das genau umgekehrt.


    Also als reine Bücherweisheit kann man das nicht abtun. Wenn die Mehrzahl der Völker oben ihre Brut anlegt und manche nicht, dann wird das Gründe haben. Die Segeberger ist dem Anschein nach (habe nicht damit geimkert) sehr gut isoliert. Das war das Erste, was mir ins Auge sprang.


    Die Brut sitzt im Frühjahr oben. Im Laufe des Jahres arbeitet sich die Brut nach unten, überkopf wird Honig angesiedelt. Im Winter arbeiten sich die Bienen durch den Honig wieder nach oben. Soweit die Theorie. Bisher konnte ich das in der Praxis ganz gut nachvollziehen.


    Interessant für mich war, daß die Waben überhalb der Brut in der Segeberger größtenteils leer waren. Wenn die Waben voll wären, würde ich sagen: Vorräte für den Winter waren zuviel, daß die sich garnicht bis ganz nach oben hocharbeiten konnten. *mampf*


    Aber so? An Zufälle mag ich bei der hochorganisierten und witschaftenden Biene nicht recht glauben.


    Aber ich werde mir mal die Lektüre von Schundau zu Rate ziehen.


    Bernhard Heuvel

  • [quote='BernhardHeuvel
    Also als reine Bücherweisheit kann man das nicht abtun. Wenn die Mehrzahl der Völker oben ihre Brut anlegt und manche nicht, dann wird das Gründe haben. [/quote]



    ...jetzt wird's philosophisch. :wink:


    Nein, es wird keine Gründe geben ,warum die Bienen ihr Brutnest anders anlegen.
    Es kann auch Zufall sein. Willkürverhalten ist auch im Insektenreich vorhanden. Ich werde mal nach alten Arbeiten meines ehemaligen Chefs kramen, der das sehr gut beschrieben hat. (Mal sehen ,wie lange ich brauche, bis ich sie finde). :(

    "Moral ohne Sachverstand ist naiv und manchmal sogar gefährlich"

  • Also für meinen Fall hatte ich mir noch Erklärungen wie folgende bereit gelegt:


    - Das Alter der Waben: Die unteren sind insgesamt älter, oben waren allesamt Neubauten aus dem letzten Jahr. Heisst ja immer, daß die Königin nicht so gerne in Neubauten legt.


    - Nähe zum Pollen: Die obere Zarge war natürlich hauptsächlich Futtervorrat; der Pollen lag unten an den Seiten - schlichtweg kürzere Wege zwischen Pollen und Brut?


    Naja, mal sehen, wie das jetzt weitergeht - alles sehr spannend und ich werde da bestimmt noch öfters reinschauen und rätseln...


    Melanie

  • BernhardHeuvel schrieb:

    Im Internet habe ich leider nichts zu Werner Schundau gefunden - außer einem Buch. Ich werde mir das Buch (ist ja nicht so teuer) zum Geburtstag schenken lassen.
    Kannst Du dir denn erklären, warum die Brut in der unteren Zarge war?
    Bernhard Heuvel


    Berharnd, das Buch ist Klasse, wenn es auch schon aus den 80 er Jahren ist, aber es hat immer noch seine Gültigkeit.


    Ich habe meine Segeberger (leider in der prallen Sonne) mit offenem Gitterboden und Deckelflugloch, das genau dieser Schundau beschreibt und auch empfiehlt in Betrieb und kann nicht sagen, dass dies eine Tupperdose ist, im Gegenteil ich ziehe die Segerberger jeder Holzbeute vor.
    Warum sollte das Volk nicht die Brut in der unteren Zarge haben? Meinen Beobachtungen zufolge ist dies eine Charakterie bestimmter Völker. Bei mir sind zwischen > 99% Obenbrüter im Frühjahr und nur gelegentlich habe ich einen "Untenbrüter" egal ob in meinen Holz doer Segeberger. Zum Bruthöhepunkt benutzen die Völker dann schon zwei Zargen.
     
    PS: Frühmorgens ist die Welt am schönsten :lol::lol:

  • honigmayerhofer schrieb:

    Warum sollte das Volk nicht die Brut in der unteren Zarge haben? Meinen Beobachtungen zufolge ist dies eine Charakterie bestimmter Völker. Bei mir sind zwischen > 99% Obenbrüter im Frühjahr und nur gelegentlich habe ich einen "Untenbrüter" egal ob in meinen Holz doer Segeberger.


    ...genau! Das deckt sich auch mit meinen Beobachtungen. Und wenn man dann noch schaut, ob sie vom Flugloch weg oder zum Flugloch zu das Brutnest ausdehnen, gibt es auch wieder Unterschiede.


    Aber um auf die "philosophische Frage" zurückzukommen: Ich glaube, man muß das unterschiedliche Verhalten bei der Anlage des Brutnestes im Frühjahr unter folgenden Gesichtspunkten betrachten:


    http://www.zum.de/ki/Willensfreiheit.htm


    Eine brilliante Arbeit über Willensfreiheit bei Tieren ist:


    Heisenberg, M. (1983): Initiale Aktivität und Willkürverhalten bei Tieren. Naturwissenschaften 70, 70-78

    "Moral ohne Sachverstand ist naiv und manchmal sogar gefährlich"

  • :lol: Hallo, Gerold,
    klasse Links! Danke dafür!
    Zu dem ersten würde ich aber noch Hawkings Universum in der Nußschale empfehlen, er hat da auch einige hochinteressante Ansätze drin; nur kenn ich leider keinen Autor, der diese Ansätze mal öffentlich ausgearbeitet hätte. Wäre aber mehrere Doktorarbeiten wert...

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