Zucht im 21. Jahrhundert

  • Hallo Johannes,Du schreibst in einem anderen Beitrag sinngemäß:


    Wenn so mancher Reinzüchter sehen würde, was die beiden an Vatervölkern für ihre Belegstelle aufstellen, würde er sich mit Grausen abwenden.?
    Viele, ja, aber lange nicht mehr alle. :)
    Und das ist auch gut so.
    Die Konsequenz, mit der Reiner und Thomas ihren Weg verfolgen, lässt mich den Hut vor ihnen ziehen. Es ist zu bewundern, wie sie gegen den herrschenden "Mainstream" angehen, allerdings zeichnete dies ja die Buckfastzüchter von Anfang an aus.
    Bruder Adam hinterließ uns Züchtern einige Ideen, die wir nicht vergessen sollten:
    -Konsequente Trennung von Wirtschaftsvölkern und Zuchtvölkern
    -Auslese, und zwar nach Leistung und vorher definiertem Zuchtziel
    -Keinerlei Hemmungen, auch scheinbar "niedriger" stehende Abstammungen mit in die Zuchtarbeit zu übernehmen und bei Eignung einzukreuzen.
    -Hintanstellen des Phänotyps, also Aussehen kommt nach Leistung


    Und zusätzlich war der Alte aus dem Kloster Buckfast nie mit dem Erreichten zufrieden. Sein Lebensmotto lautete: "Auf der Suche" und nicht "Ich habe gefunden".


    Was mich angeht, nun gut, ich war ein Anhänger der "reinen" Lehre, so wie ich sie von meinen Vorvätern gelernt hatte. Ich habe konsequent meine Linie gezogen, auf die Inseln geschickt und stand irgendwann, so vor 4,5 Jahren da, dass ich von 20 Völkern 16 Inselköniginnen hatte.
    Ja, es ging doch so weit, dass ich erstklassige, stand begattete Königinnen abgemurkst habe, nur um Inselköniginnen einzuweiseln, die gerade mal drei Eier gelegt hatten ...
    Ergebnis kannst du dir denken.
    Heute sieht es so aus, dass meine Wirtschaftsköniginnen meist stand begattet werden, wenn sie nichts taugen, werden sie umgeweiselt.
    Die Zuchtköniginnen dienen der Nachzucht und werden dann eingeweiselt, wenn sie etwas taugen.
    Gar so weit, wie die Basiszüchter, ganz auf Belegstellen zu verzichten, kann und will ich nicht gehen, weil einfach die Gefahr, durch eine reine Standbegattung unerwünschte Nebeneffekte wie z.B. Stecher zu erhalten, viel zu groß ist. Im Klartext,es ist einfach zu viel Schund auf dem Markt! (Auch unter dem Namen Carnica oder Buckfast !)
    Sicher ist dies nicht der Weisheit letzter Schluss, aber seit einigen Jahren fahre ich ganz gut so und der Erfolg(?) stellt sich auch ein.
    Du siehst, unabhängig, welche Biene wir züchten, gar sooo weit sind wir nicht mehr auseinander.
    Allerdings müssen noch viele "Reinzüchter" wegfallen, bis wir da an einem Strang ziehen.

    Grüße an alle


    Michael



    -Denken ist wie googeln. Nur krasser-

  • Hallo Michael,

    Michael schrieb:

    -Konsequente Trennung von Wirtschaftsvölkern und Zuchtvölkern


    Was mich bei dieser Vorgehensweise interessieren würde:
    Wirtschaftlichkeit ist ein wichtiges Zuchtziel. Wie soll ich die Zuchtvölker nach Wirtschaftlichkeit beurteilen, wenn ich nicht mit ihnen wirtschafte?
    Welchen Vorteil bringt die obige Trennung gegen das Verfahren, aus guten Wirtschaftsvölkern zu züchten?


    Viele Grüße, Thomas

  • Hallo Thomas,


    ich gebe zu, es klingt erstmal etwas seltsam.
    Allerdings wäre es "Perlen-vor-die Säue" geworfen, eine Königin, die eine Leistungsprüfung super absolviert hat, als Wirtschaftskönigin zu verheizen.

    Grüße an alle


    Michael



    -Denken ist wie googeln. Nur krasser-

  • Hallo, Michael,


    ich habe ja schon gespannt auf Deinen Beitrag gewartet. Hut ab, das ist toll formuliert! Und ich bin neugierig, wo wir in 10 Jahren oder in 20 mit der Zucht stehen. Ob es dann immer noch diese deutsch-österreichische Spezialität gibt, den Phänotyp als ein Hauptselektionskriterium zu betrachten?


    Zur Trennung von Zucht- und Wirtschaftsvölkern:
    Paul Jungels und Johann van den Bongard (und ich denke, viele andere B-Züchter auch) gehen so vor, daß sie sämtliche Wirtschaftsvölker jährlich mit Nachzuchten ihrer Zuchtmütter der verschiedenen Linien umweiseln. In den Wirtschaftsvölkern müssen die Königinnen dann zeigen, was sie 'draufhaben. Unter mehreren Hundert Völkern ist die Auslese nach dieser "Leistungsprüfung" so scharf, daß man die künftigen Zuchtmütter mit einer Hand zählen kann. Manchmal ist nur eine dabei. Aber die hat's dann in sich. Und sie wird in den Folgejahren dann nicht mehr als Wirtschaftskönigin genutzt! Ich glaube, daß Bruder Adam ähnlich gearbeitet hat (bin zur Zeit nicht zu Hause und habe "Meine Betriebsweise" nicht da, um nachzusehen. Vielleicht kann das jemand ergänzen.).


    Viele Grüße, Johannes

  • Hallo Michael und Johannes,


    so wird ein Schuh draus.
    Zur Leistungsprüfung gehört auch der Ertrag, den die Königin zeigen muß. Dann wird sie geschont und zur Zucht verwendet.
    Der ewige Zweifler meldet: Damit kann man Linien selektieren, die zwar stark anfangen und dann aber auch stark nachlassen könnten.


    Viele Grüße, Thomas

  • Hallo Thomas, ewiger Zweifler,
    (wirst Du nicht schon irgendwo in der Bibel als Zweifler erwähnt, ach ist ja egal. :wink: )
    Du schreibst:
    Der ewige Zweifler meldet: Damit kann man Linien selektieren, die zwar stark anfangen und dann aber auch stark nachlassen könnten.


    Stimmt. Und, nicht zu vergessen, die Selektion auf Langlebigkeit auch.
    Allerdings, die Leistungsprüfung mit großen Prüfgruppen über 2 Jahre zu erstrecken, ist äußerst mühsam. Es war mal Anfangs so angedacht, ist aber fast nicht durchzuhalten.
    Beispiel anhand meiner Hobby-Imkerei:
    ca. 10-14 Prüfvölker (für Jahr 1)
    ca. 10-14 Prüfvölker (für Jahr 2)
    ca. 15 Trachtvölker
    Dazu:- Jungvolk
    -Reinzuchtköniginnen
    - Ableger
    -usw.usw.
    Und dies ist die absolute Untergrenze, mit weniger Prüfvölkern macht die Sache kaum Sinn.
    Du siehst, man gerät da in Dimensionen, die den Rahmen einer reinen Nebenerwerbsimkerei leicht sprengen.
    Es gibt ja tatsächlich reine Prüfbetriebe; allerdings würde mir dies keinen Spass mehr machen.


    Zweifel ruhig weiter.
    Ein einziger Zweifler bringt eine Sache oft weiter als hundert Jasager.


    :wink:

    Grüße an alle


    Michael



    -Denken ist wie googeln. Nur krasser-

  • Michael schrieb:

    Stimmt. Und, nicht zu vergessen, die Selektion auf Langlebigkeit auch.

    Ist das so? Wird die Langlebigkeit nicht eigentlich nach dem Verhältnis Bienen zu Brut bestimmt (und wäre damit auch im 1. Jahr ausreichend zu beurteilen)?


    Damit kann man Linien selektieren, die zwar stark anfangen und dann aber auch stark nachlassen könnten.

    Das ist wirklich eine spannende Frage. Ich sehe Johann van den Bongard am Wochenende; das frage ich ihn auch mal. Habt Ihr dieses Problem in der Praxis schon gehabt (ich meine, auf eine Linie, nicht auf ein Volk bezogen)?


    Viele Grüße, Johannes

  • Johannes Haller schrieb:


    ... dann immer noch ... den Phänotyp als ein Hauptselektionskriterium zu betrachten ...


    Hallo Johannes,


    die Selektion, ob natürlich oder künstlich, kann nur am Phänotyp angreifen, nicht an den Genen!
    Die Eigenschaften, auf die du selektieren willst sind ebenfalls "phänotypisch" ;)


    Ohne Gentechnik :) bekommst du die von dir gewünschte Gen-Ausattung (Genotyp) nur über den Phänotyp.


    Das von dir kritisierte Verfahren beruht auf der (nicht von den Mendel-Regeln erfassten) Tatsache der Vererbung in (bei den Bienen) lediglich 16 Kopplungsgruppen,
    dh. alle Gene auf einem Chromosom werden gemeinsam vererbt (falls es nicht zu einem Kopplungsbruch kommt).


    Voraussetzung: Die Erbanlagen der leicht kontrollierbaren körperlichen Merkmale sind auch mit denjenigen der schwerer kontrollierbaren erwünschten Eigenschaften gekoppelt.


    Je kleiner die Anzahl der Kopplungsgruppen, desto wahrscheinlicher haben "diese deutsch-österreichischen Spezialisten" recht. Beim Menschen sind es immerhin 23 Kopplungsgruppen.


    Allerdings achte ich bei meinem standbegatteten Wald+Wiesen-Carnica-Mix (mit ab und zu, mehr oder weniger breiten gelben Ringen) auch nicht auf die äußerlich leicht sichtbaren Zeichen, sondern warte, bis mir ein Volk durch seine phänotypischen Leistungen und sein phänotypisches Verhalten klar macht, dass es unerwünschte Gene besitzt und ein Umweiselung ansteht.

    Mit freundlichen Grüßen
    Frieder


    ____________________


    Der Bienenstaat gleicht einem Zauberbrunnen;
    je mehr man daraus schöpft, desto reicher fließt er (K.v.Frisch)


    Es irrt der Mensch, solang er strebt (J.W.v.G.)

  • Ja, Frieder,


    da sind mir vor Begeisterung für die Eigenschaftszucht (exkl. äußerer Merkmale) die Augen etwas glasig geworden und ich habe den Begriff Phänotyp falsch gebraucht... :oops:


    Also, Richtigstellung: ich meinte nicht "Phänotyp als Selektionskriterium" sondern "äußere Merkmale als Selektionskriterium".


    Danke für den Hinweis! Und viele Grüße,


    Johannes
    (beeindruckt vom Phänotyp seines äußerlich uneinheitlichsten Volkes)

  • Hallo,


    Johann van den Bongard hat (auf einem erstklassigen Seminar zur Dadant-Betriebsweise!) noch mal etwas zur Selektion der Zuchtmütter gesagt.


    Sinngemäß:
    1. Im Schnitt bleiben bei der Prüfung der Nachzuchten in sämtlichen Wirtschaftsvölkern so 5-6 Königinnen in der engsten Wahl. Von diesen werden dann im Frühsommer bereits Probezuchten gemacht. Nur mit den Königinnen, wo diese Probezuchten erstklassige Ergebnisse versprechen, wird weiter gearbeitet; von den 5-6 bleiben danach max. 1-2 Königinnen übrig. Das ist dann aber nur der Zuchtschritt eines Leistungsjahres! Die Erstellung einer Zuchtmutter dauert im Ganzen 5-7 Jahre. Also ein enormer Aufwand. Aber mit enormen Ergebnissen.


    2. JvdB räumte ein, daß eine Prüfung über 2 Jahre statt 1 Jahr vorteilhafter wäre. Es würde aber die Selektionsbreite auf die Hälfte der Völkerzahl verringern, da sich ja immer die Hälfte im 1., die andere Hälfte im 2. Prüfungsjahr befände. Hier würden seiner Erfahrung nach die Vorteile einer 2-jährigen Prüfung die Nachteile einer schmaleren Selektionsbreite bei weitem nicht aufwiegen.


    Viele Grüße, Johannes

  • Hallo zusammen!
    Wo wir gerade beim Thema Zucht sind und der Name Johann van den Bongard hier schon ein Paar mal gefallen ist, ich habe bei ihm ein hervorragendes Seminar zur Königinnenvermehrung / mit Zuchtarspekten mitgemacht (soll im nächsten Frühling wieder stattfinden).
    Kann ich nur empfehlen! Ich verweise hier auf die Schrift eines Seminarkollegen:
     http://www.buckfastimker.de/Buckzucht.htm


    Gruß Jo

  • Notizen zur Zucht der Honigbiene nach Bruder Adam (Karl Kehrle)


    Kombinationszucht: Es wird eine Reinzucht auf der einen Seite betrieben, während auf der anderen Seite gewünschte Eigenschaften in einer separaten Linie eingekreuzt werden. Diese Eigenschaften werden zuerst in den Nachfolgenerationen geprüft, um dann bei erwiesener Festigkeit der Eigenschaften bei der Vererbung mit in die Reinzuchtlinie aufgenommen zu werden.




    Leitspruch: "Laßt die Nachzuchtprüfung und -vergleiche entscheiden."


    Die vier wichtigsten Zuchtziele laut Adam sind:


    1) Fruchtbarkeit. Sollen 9-10 Dadantwaben besetzen/bebrüten, aber keine "Fleischvölker" sein.


    2) Fleiß und Sammeltrieb.


    3) Kerngesundheit. Festigkeit gegenüber Krankheiten.


    4) Schwarmträgheit.


    Br. Adam nennt noch weitere Zuchtziele wie zum Beispiel Langlebigkeit, Art der Honigstapelung (nah/fern zum Brutnest), Reinlichkeitssinn (vermoderte Waben sind nicht zu dulden). Die Sanftmut sei leicht zu züchten/selektieren.