Varroatolerante Bienen für jeden durch Basiszucht?

  • Hallo,


    'mal ein Blick über den Tellerrand: Der folgende Artikel wird in englischsprachigen Imkerforen gerade diskutiert. Er stammt von einem der großen staatlichen Bieneninstitute in den USA. Ich hatte gerade Zeit für eine leicht gekürzte Übersetzung. Lesen lohnt sich! Ich bin gespannt auf Eure Meinungen.



    Erzeugung varroatoleranter Honigbienen aus lokal angepaßten Beständen: Ein Rezept


    E. H. ERICKSON, L. H. HINES und A. H. ATMOWIDJOJO
    Carl Hayden Bee Research Center
    2000 E. Allen Road
    Tucson, AZ 85719
    USA



    Zusammenfassung


    Unsere frühere Forschung hat gezeigt, daß es für Imker in den südwestlichen USA relativ leicht ist, varroatolerante Honigbienenpopulationen aus ihren eigenen, lokal angepaßten Beständen zu produzieren. Die einzigen Voraussetzungen sind grundlegende imkerliche Fähigkeiten, die Möglichkeit, Königinnen zu ziehen und die wenigen varroatoleranten Völker, die sich in fast jedem Bienenstand finden. Unsere varroatolerante Population wurde in weniger als 2 Jahren entwickelt und geht jetzt in ihr sechstes Jahr. Es wird ein einfach verständliches Rezept vorgestellt, das jeder Imker nutzen kann, um varroatolerante Bestände zu produzieren. Unser Ziel ist es, Imker zu ermutigen, auch anderswo entsprechende Anstrengungen zu unternehmen, um zu bestimmen, wie allgemeingültig unsere Ergebnisse sind.



    Einleitung


    Seit 1994 sind wir mit einer Langzeitstudie beschäftigt, die bestimmen soll, ob lokal angepaßte, varroatolerante Bienenpopulationen über selektive Nachzucht und übliche Imkereipraxis ohne andere Milbenbekämpfungsmethoden entwickelt, unterhalten und ausgeweitet werden können. Die früher berichteten Ergebnisse dieser Forschung (1, 2) zeigen, daß es relativ leicht ist, varroatolerante Völker in Bienenständen zu finden und diese zu nutzen, um varroatolerante Linien zu unterhalten. Unsere varroatolerante Population hat seit annähernd 6 Jahren mit einem geringen mittleren jährlichen Befallswert von 6-7 Milben je 100 Bienen überlebt. Varroatolerante Bienen sind entscheidend für jedes integrierte Varroamanagementprogramm. Varroatoleranz bedeutet, daß Bienen und Imker mit einem geringen Grad von Varroabefall leben können, so wie sie derzeit mit einem geringen Tracheenmilbenbefall leben. Varroatoleranz beinhaltet wahrscheinlich eine Kombination von Faktoren, die zur Biologie sowohl der Bienen als auch der Milben gehören. Wir versuchten in unseren ersten Studien nicht, irgendwelche Varroatoleranzfaktoren zu identifizieren.


    Das Interesse an unserem Ansatz, varroatolerante Bienen zu produzieren und zu unterhalten, hat uns dazu geführt, andere Imker zu unserer Strategie zu ermutigen. Darüber hinaus muß die Strategie an anderen Orten geprüft werden. Wir haben daher unsere Arbeitsweise Schritt für Schritt als ein Rezept formuliert, dem jeder Imker folgen kann, um seine eigenen varroatoleranten Bienen zu erzeugen. Die einzigen Erfordernisse sind praktisches Wissen über Völkerführung und die Möglichkeit, Königinnen zu ziehen und natürlich begatten zu lassen. Wenn jemandem praktische Erfahrung in der Königinnenzucht fehlt, kann er sie entweder lernen (es ist nicht so schwer), oder sich mit einem anderen Imker zusammenschließen, der sie beherrscht. Gesteigerte Varroatoleranz sollte in zwei oder weniger Jahren erreicht und in jedem Folgejahr weiter verbessert werden. Denken Sie daran, immer detaillierte und vollständige Aufzeichnungen über jedes Ihrer Völker zu machen. Der Erfolg hängt davon ab.



    Was zu tun ist


    1.Identifizieren Sie varroatolerante Völker an den Bienenständen


    Die Methoden hierzu sind im nächsten Abschnitt beschrieben. Unsere Erfahrung legt nahe, daß zwischen 3 und 10% der Völker an jedem Bienenstand Merkmale von Varroatoleranz zeigen. Imker sollten sich bewußt sein, daß dieser Prozentsatz in unterschiedlichen Regionen verschieden sein kann. Varroatolerante Völker bleiben unbemerkt, wenn alle Völker mit Akariziden behandelt werden. Sie sollten mindestens mit insgesamt 10 varroatoleranten Völkern beginnen; je mehr, desto besser. Die varroatoleranten Völker werden identifiziert und isoliert; Sie können Ihre anderen Völker weiter behandeln, bis sie mit Königinnen aus dem Programm umgeweiselt werden können. Stellen Sie die räumliche Isolation (wie unten beschrieben) für Ihren Programmbestand sicher.


    2.Verstellen Sie alle als varroatolerant identifizierten Völker auf einen isolierten Testbienenstand. Dieser sollte mindestens 5-7 km von anderen Völkern, die gegen Varroa behandelt werden, entfernt liegen.


    Es gibt keinen Beweis, daß Drohnen aus varroaempfindlichen Völkern, die sich mit varroatoleranten Königinnen paaren, die Varroatoleranz vermindern. Trotzdem haben wir die strikte Isolation für die Begattung aufrechterhalten und glauben, daß diese Isolation von ausschlaggebender Bedeutung für den Erfolg unseres Forschungsprogramms ist.


    3.Überwachen Sie alle 3 Monate den Varroabefall in den ausgewählten Völkern.


    Es gibt mehrere Methoden dazu, siehe nächster Abschnitt.

    4.Ziehen Sie Königinnen nur von den Völkern mit dem geringsten Befall nach.


    Eliminieren Sie alle Völker mit mehr als 15 Milben je 100 Bienen aus dem Testbienenstand. Mit Fortschreiten des Programms, verringern Sie diesen Cutoff auf 10 Milben je 100 Bienen oder weniger. Ziehen Sie nie von Völkern mit Problemen wie z. B. Krankheiten, geringe Fruchtbarkeit oder inakzeptable Aggressivität nach, egal wie varroatolerant sie erscheinen.


    5.Begatten Sie alle Königinnen am isolierten Testbienenstand.


    Das geht mit allen üblichen Begattungseinheiten.


    6.Weiseln Sie die Völker in Ihren anderen Bienenständen um, sobald Königinnen aus dem Programm verfügbar sind.


    Es ist am besten, alle Völker in einem Bienenstand gleichzeitig umzuweiseln. Nach der Umweiselung werden diese Völker Kandidaten für die zukünftige Selektion auf verbesserte Varroatoleranz, daher die Notwendigkeit guter Aufzeichnungen.



    Wie es zu tun ist


    1.Varroatoleranz erkennen


    Varroatolerante Völker können durch eine oder mehrere der folgenden Techniken identifiziert werden.


    A) Nutzen Sie überlebende Völker. Manchmal bleiben Völker oder ganze Bienenstände unbeabsichtigterweise unbehandelt, oder sie wurden aufgegeben.


    B) Suchen Sie vor der Herbstbehandlung nach Völkern mit Hinweisen auf nur geringen Milbenbefall. Nutzen Sie Völker, die:
    gute Brutbilder,
    keine Arbeiterinnenpuppen in (von den Bienen) geöffneten Zellen,
    wenige Arbeiterinnenzellen mit Milbenkot,
    wenige Drohnenzellen mit Milben,
    keine Bienen mit deformierten Flügeln,
    wenige Bienen mit aufsitzenden Milben,
    einen geringen natürlichen Milbenabfall haben.


    C) Übernehmen oder kaufen Sie gern überlebende Völker von Imkern, die in Ruhestand gehen, wenn die Völker in den vergangenen 12 Monaten nicht gegen Varroa behandelt wurden.


    D) Als letzte Möglichkeit können Sie sich entscheiden, einen oder mehrere Bienenstände nicht zu behandeln und die varroaempfindlichen Völker sterben zu lassen. Die Überlebenden können als ein Teil des Selektionspools genutzt werden. Natürlich wird das für einige Imker wirtschaftlich nicht möglich sein. Andere jedoch können dieses Vorgehen als zweckmäßig erachten, besonders, wenn sie auf kleine Zellen umstellen.

    2.Völker isolieren


    Einen Bienenstand zu finden, der 5-7 km von anderen varroabehandelten Ständen entfernt ist, mag für manche, besonders kleinere Imkereien, schwierig sein. (...) Im schlimmsten Fall (...) legen Sie ein Absperrgitter zwischen die untere Zarge und den Beutenboden von behandelten Völkern, um die Drohnen am Fliegen zu hindern. Machen Sie sich keine Sorgen wegen wilder Völker. Wenn sie existieren, sind sie wahrscheinlich schon varroatolerant.


    3.Varroabefall bestimmen


    (... hier folgt eine Beschreibung der Alkoholwaschmethode)


    4.Königinnen ziehen


    (... hier folgt ein Verweis auf verschiedene einfache Königinnenzuchtmethoden)


    5.Königinnen isoliert begatten


    (... hier folgt zunächst eine Beschreibung praktischer Schritte beim kontrollierten Königinnenschlupf, zum Zeichen und zum Zusetzen)


    Stellen Sie sicher, daß die überlebenden Völker viele Drohnen haben. Wenn die Drohnenanzahl gering erscheint, können Sie sie durch die Zugabe von einer oder zwei Drohnenwaben oder Drohnenmittelwände in jedes der Völker erhöhen. (...) Dies muß vor dem Nachziehen der Königinnen geschehen und so terminiert sein, daß zur Zeit des Königinnenschlupfes reife Drohnen verfügbar sind. (...)


    6.Umweiseln


    Zunächst muß die alte Königin gefunden und getötet werden. Danach kann das Volk für 3 Tage weisellos bleiben, außer, wenn Sie mit Bienen arbeiten, die Gene von afrikanisierten Honigbienen tragen. In diesem Fall ist die Akzeptanz der neuen Königin am höchsten, wenn sie unmittelbar nach der Entweiselung (mit einem Käfig) zugesetzt wird.


    (... hier folgt eine Beschreibung von Zusetzmethoden)


    Wenn alle Völker mit Königinnen aus dem Programm umgeweiselt wurden, können Sie von Zeit zu Zeit ein Volk mit unakzeptabel hohem Varroabefall finden. Behandeln Sie dieses Volk und weiseln Sie es sofort mit einer Königin aus dem varroatoleranten Bestand um.



    Zusammenfassung


    Wir haben herausgefunden, daß die Erzeugung varroatoleranter Honigbienen relativ einfach und geradlinig möglich ist. Es mag in Ihrer Gegend nicht ebenso gut funktionieren, aber dies sollte geprüft werden. Unser Konzept basiert auf grundlegenden biologischen Prinzipien und grundlegendem Imkerhandwerk. Die Verwendung lokal angepaßter Bestände stellt sicher, daß Ihre Völker vital und produktiv sein werden. Das Ziehen von Königinnen mag von manchen Imkern als Hindernis in der Erzeugung varroatoleranter Bienen gesehen werden. Die Techniken sind jedoch nicht schwierig und die Arbeit kann für begeisterte Imker bereichernd sein. Wenn Sie sich entscheiden, keine Königinnen zu ziehen, versuchen Sie, mit einem Imker zusammenzuarbeiten, der es kann. Imkervereine sollten überlegen, in ihrer Gegend Varroatoleranzprojekte zu entwickeln. Varroatoleranz ist der erste Schritt zu einem integrierten Varroamanagementprogramm.


    Wir haben während der vergangenen zwei Jahre (1998 und 1999) praktisch alle 600 Völker einer hiesigen Imkerei mit Königinnen aus unserem oben beschriebenen, selektiven Zuchtprogramm umgeweiselt. Im Herbst 1998 wurde ein Viertel des Bestandes nicht mit Akariziden behandelt, und es gab nur wenige varroabedingte Verluste. Im Herbst 1999 wies nur jede 15. Beute signifikanten Varroaschaden auf, und nur diese wurden behandelt. Diese Völker wurden zum Teil schon umgeweiselt, der andere Teil folgt, sobald Anfang 2000 mehr Königinnen verfügbar sind. Während dies geschrieben wird (April 2000) sind die meisten Beuten gut in der Brut und zeigen wenn überhaupt, dann nur sehr wenige Varroaschäden. Dieses trotz der Belastung der Bienen durch einen sehr trockenen Sommer mit wenig Pflanzenwachstum gefolgt vom trockensten Herbst und Winter der hiesigen Geschichte.



    Verweise


    1. Erickson, E.H., Atmowidjojo, A.H. and Hines, L.
    Can we produce Varroa-tolerant honey bees in the United States?
    Amer. Bee Jour. 828-832. 1998


    2. Erickson, E.H., Atmowidjojo, A.H. and Hines, L.
    Varroa-tolerant honey bees are a reality.
    Amer. Bee Jour. 931-933. 1999


    3. Erickson, E.H.
    Fecal accumulations deposited by Varroa can be used as a simple
    field diagnostic for infestations of this honey bee parasite.
    Amer. Bee Jour. 63-64. 1996

  • Hallo, Johannes,


    allerherzlichsten Dank für diesen Service! :D 
    Soviel Mühe macht sich selten jemand!


    Und hochinteressant ist es... :lol:

    Schöne Grüße von der Weser!


    buckibiene

  • Hallo Johannes,


    vielen Dank für Deine Übersetzung.


    Aber zwei Fragen:
    Die Arbeit ist von April 2000, gibt es nichts Neueres?
    Was ist in den letzten drei Jahren von dem Programm übrig geblieben?


    Viele Grüße, Thomas

  • Hallo JOhannes,


    das Programm läuft weiterhin und wird auch vom Institut in Tucson/Arizona wohlwollend mit beobachtet. Die Verhältnisse werden wohl in den wenigsten Regionen Deutschlands so günstig sein um das Verfahren 1:1 umzusetzten. Die Anregungen sind jedoch höchst wertvoll. Im Grunde beschreibt er eine Selektion nach Eigenschaften (also Buckfastzucht :D ). Es ist ihm egal ob die toleranten Bienen afrikanisiert sind oder nicht, Hauptsache sie sind tolerant (Das alleine wäre in D zur Zeit nicht durchsetzbar) . Bemerkenswerterweise werden die Völker alle auf kleinen Zellengehalten (5 cells per Inch, d.h. 5,08mm). Sanfmütig sind nicht alle, aber einige sind ohne Schutz zu bearbeiten. Das sind alles Infos von Erik Österlund, der gerade die Leute drüben besucht hat (siehe Bio-Bee)

    42

    ganz sicher

    nur nicht beim bee-space

  • Hallo, Reiner,


    soweit ich Erik Österlund verstanden habe, weisen geschätzt nur ca. 30% der Waben bei Erickson/Hines das Zellmaß 5,08 mm auf; die anderen sind offenbar größer (aber wie groß?). Das finde ich sehr spannend im Hinblick auf die drüben ebenfalls laufende Diskussion über Zellgrößen, natürlichen Kleinzellenanteil im Naturbau, notwendigen Kleinzellenanteil bei Verwendung von Mittelwänden etc. Aber das wäre noch 'mal einen eigenen Thread hier wert...


    Bemerkenswert finde ich die erfrischend pragmatische, direkte Art, mit der dort ein solches Programm in kurzer Zeit etabliert wird, ohne Rassenbeklemmungen, ohne erhobenen Zeigefinger wegen drohender Milbeninvasion bei Nichtbehandlung und die hier sonst so üblichen Phobien.


    Und das von einem renommierten, staatlichen Bieneninstitut!


    Reiner Schwarz schrieb:

    also Buckfastzucht.


    Du weißt ja, daß Euch mein Herz gehört... :D Im Ernst: weißt Du etwas über gezielte Varroatoleranzzucht bei den amerikanischen Buckfastimkern?


    Viele Grüße, Johannes

  • Hallo,
    Du schreibst

    Zitat

    Bemerkenswert finde ich die erfrischend pragmatische, direkte Art, mit der dort ein solches Programm in kurzer Zeit etabliert wird, ohne Rassenbeklemmungen, ohne erhobenen Zeigefinger wegen drohender Milbeninvasion bei Nichtbehandlung und die hier sonst so üblichen Phobien.


    Vergiss nicht, wir imkern nicht im Australischen Outback oder den Wüsten Arizonas, wo sich die Entfernung zum Nachbarn in Tagen mißt.
    Wenn du deinen Imkernachbarn sozusagen in Sichtweite hast, mußt du wohl oder übel auch mal an den denken.
    Ansonsten stimme ich dir zu.

    Grüße an alle


    Michael



    -Denken ist wie googeln. Nur krasser-

  • Hallo Michael,


    das it ja gerade die K...e! Bei den Aussies und dem Amis hat jeder sozusagen seine eigene Belegstelle (von der Beeinflussung durch dort vorhandene Wildvölkern mal abgesehen). Bei uns ist das weitgehend illusorisch. Möglich ist das nur Imkern mit größeren Völkerzahlen, die durch geschickte Anordnung der Standplätze ihrer Völker fast eine kontrollierte Begattung ihrer Königinnen erreichen. Ist aber seeeehr selten.

    42

    ganz sicher

    nur nicht beim bee-space

  • Michael schrieb:

    Wenn du deinen Imkernachbarn sozusagen in Sichtweite hast, mußt du wohl oder übel auch mal an den denken.


    Hallo, Michael,


    ich verstehe, was Du meinst und kann das nachvollziehen. Das Dilemma, das Reiner ja schon andeutet, ist ja, daß es die Situation isolierter Bienenstände hierzulande praktisch nicht gibt - daß aber die Zucht auf Varroatoleranz ab einem bestimmten Punkt nicht mehr ohne eine absichtliche Nichtbehandlung auskommt (denke ich - aber ich bin ja kein Praktiker in der Beziehung).


    Man kann ja schwerlich die Varroatoleranzzucht nur den dünn besiedelten Staaten überlassen. Wie soll man damit umgehen?


    Viele Grüße, Johannes

  • Hallo Johannes,


    ich kann gut damit leben, den Amis und denen mit dem Kopf nach unten die Toleranzzucht zu überlassen, besser jedenfalls als meinem Nachbarn.


    Manchmal ist, an der Quelle zu sitzen, nicht direkt schön.

    Mit vielen freundlichen Grüßen
    Henry Seifert (Honig-Bienen-Kurse-Gutachten)
    Faulbrutsanierer, Königinnenverschicker, Schwarmfänger, Bienenretter, Streitschlichter, Kunstschwarmkehrer, Belegstellenwirt, Imkerpate, Probennehmer, Schadenschätzer, Ablegerbilder

  • Hallo,


    gestern habe ich einen sehr beeindruckenden Vortrag über
    Bienenhaltung ohne Varroabehandlung gehört.


    Der Vortragende John Kefuss berichtete über sein "Bond" Projekt (live and let die).
    Von ihm stammt übrigens eins der überlebenden Völker von Unije.


    Er stellte dar, daß die bisher üblichen Metriken die zur Voraussage von Varroatoleranz
    (Milbenbefall, Bruthygiene) herhalten müssen unzuverlässig seien,
    da sie letztendlich kein Maß für die Überlebensrate der Völker darstellen.


    Für ihn gibts nur eine einzige zuverlässige Aussage:
    Lebt das Volk oder ist es tot.
    Für mich ein bestechend einfacher Ansatz!


    Dann stellte er eine Methode dar, wie man sich damit einen Bestand varroatoleranter Bienen schafft.
    Sie ähnelt der von Johannes übersetzten Methode.


    Seine Völker leben z.T schon seit 10 Jahren ohne jede Behandlung!


    Wenn die o.g Methode, also Selektion, erfolgreich ist, heißt das,
    daß Varroatoleranz erblich bedingt ist.
    Amerikanische Versuche mit SMR-Bienen weisen auch darauf hin.


    Das macht erstmal Mut!
    Es ist ein gangbarer Weg.


    Für mich bleibt die Frage, warum man da nicht schon längst draufgekommen ist und Unsicherheiten.
     
    1.Die Angst, daß das "Tal der Tränen", das ich ohne Behandlung durchschreiten muß,
    in ein "Death Valley", also Totalverlust mündet, hat mich bisher davon abgehalten,
    völlig auf die Behandlung zu verzichten :roll: .
    Nennt mich ruhig Warmduscher, Schattenparker, Wars-schön-Frager oder von mir aus auch Varroabehandler
    Die Wahrscheinlichkeit für einen Totalverlust ist bei niedrigen Völkerzahlen mit daher möglicherweise
    geringer genetischer Varianz höher als bei großen Völkerzahlen.
    Für mich als Hobbyimker mit kleinen Völkerzahlen bedeutet das eine Riesen Unsicherheit!
    Ein Risk- Management kann nicht stattfinden.
    Ich und mein Über-Ich (meine Frau) sagen mir ich solle erst mal noch Völker aufbauen.


    3.Mein Untertanen-Ich sagt mir: Es ist Vorschrift, zu behandeln. Und zwar nur mit ZUGELASSENEN Mitteln.


    3.Die lieben Nachbarn würden mich vierteilen.
     
    Ach ja, noch was:
    In seiner letzten Folie schrieb John Kefuss:


    Das Problem ist nicht die Varroa, das Problem bist DU!


    Vielleicht stimmts ja...



    Grüße
    Erwin

  • Hallo, Erwin,


    genau mit denselben Fragen hab ich mich auch rumgeplagt....
    Nur halt noch mit dem Schritt der Verkleinerung dazwischen.


    Aber ich denke, langfristig wird uns nichts anderes helfen.


    Ich bin jedenfalls nicht gewillt, bis an mein Lebensende behandeln zu müssen.
    Der erste Ansatz war bei mir ja auch ziemlich erfolgreich; allerdings habe ich insgesamt 8 verschiedene Herkünfte gehabt, um eine schöne breite genetische Basis zu haben.
    Und natürlich auch keine Drohnenwaben geschnitten.. :lol:


    Und natürlich muß ich mich auch auf meine Hände setzen, und widerstehen...
    Auch wenn man mich hier als "Tierversucher" bezeichnet hat, es geht in meinen Augen nicht anders!


    Aber das ist eine Sache, die jeder für sich entscheiden muß; nach bestem Wissen und Gewissen.


    Ich denke, langfristig werden sich verstärkt Resistenzen und Adaptionen gegenüber den diversen Mitteln einstellen, und es ist niemandem geholfen, wenn dann noch viel mehr Völker sterben als bei meinem Versuch, oder?

    "Meet me in a land of hope and dreams"
    Bruce Springsteen

  • Hallo, Erwin und Sabine,


    der Vortrag von Kefuss war allererste Sahne (übrigens auf der Züchtertagung der GdeB, wo ich mich als Nichtzüchter frecherweise einfach mal hingetraut habe - ich habe es nicht bereut!)


    Ich bin absolut überzeugt, es gibt keinen anderen Weg. Nur die Traute...


    Auch bei meinen neuen Bienen werde ich im Spätsommer die Liebigdispenser vom Dachboden holen. Wohl wissend, daß ich damit das Problem nicht löse. Mittelfristig führt auch für mich kein Weg an der Nichtbehandlung vorbei. Zumal das Problem der Reinvasion nach dem letzten Winter an meinem Standort kein wirkliches Problem mehr ist, da der letzte Winter hier die Anzahl der verbleibenden Imker bis auf eine Handvoll dezimiert hat. Allerdings würde ich dann wohl mit Herkünften arbeiten wollen, die züchterisch bedingt schon eine größere Chance auf Varroaresistenz/-toleranz mitbringen.


    Interessant war auf der Tagung noch etwas. Das Wort "Zellengröße" fiel im vorletzten Vortrag am letzten Tag das erste Mal: Adolf Kieweg fragte Dr. Kefuss nach seinem Zellmaß. Weder er noch der danach sprechende Hobbyimker (11 Jahre unbehandelt, Landrasse mit starkem Melliferaeinschlag) verwendeten kleine Zellen. Die Bedeutung kleiner Zellen für die Toleranz/Resistenz (die ich nicht abstreiten will) scheint sich doch als weit geringer herauszuschälen, als bisher angenommen.


    Viele Grüße, Johannes

  • Ach, noch ein Kuriosum aus Kefuss' Vortrag:


    Bei Le Rucher d'Oc (also seiner Imkerei in Frankreich) beschleunigen sie - schon aus wirtschaftlichen Erwägungen - den Selektionsprozeß durch das Einhängen hochgradig varroabelasteter Waben in die Völker ("Bond's beschleunigter Test: Lebe oder stirb sofort"). Inzwischen haben sie ein Problem. Ihre gesamten Bestände haben ein so hohes Maß an Varroaresistenz, daß sie bei neu zu testenden Völkern zu wenig Milben haben, um eine zügige Auslese zu betreiben (Milbenlast etwa 1-2/100). Er berichtete von dem Problem, das es darstellt, in Frankreich per Annoncen etc. die nötigen Mengen vitaler Varroamilben zusammenzukratzen... Keine Ironie und kein Scherz!

  • Ich bin hoch erstaunt über die geradezu sagenhafte Berichte über Völker, die seit mehr als 10 Jahren unbehandelt sein sollen.


    Am vergangenen Samstag hat Prof. Bienefeld einen sehr interessanten Vortrag über Varroatoleranzzucht in Neustadt gehalten, dem sich sein Institut ganz gar verschrieben habe. Er machte daruaf aufmerksam, dass ihm in Deutschland gegenwärtig keine varroatolerante Linie bekannt sei. Alle Imker in Deutschland seien Aufgerufen, sich an der Selektion zu beteiligen. Dr. Otten aus Mayen, koordiniert das ganze für den südwestdeutschen Raum.


    Bienefeld wies darauf hin, daß auch die Linien der Insel Unije nicht varroatolerant seien. Der Befall sei geringer, aber ohne Behandlung können auch dieser Völker auf Dauer nicht überleben.


    Er berichtete sehr ausführlich über die Grundlagenforschung seiner Einrichtung. Unter Laborbedingungen haben sie versucht herauszufinden, wie das sog. Ausräumverhalten funktioniert. Dafür haben sie bei schon gut aufgefallenen Völkern 2000 Bienen einzeln individuell markiert, und über einen längeren Zeitraum 24 std am Tag beobachtet, um einzelne(!) Bienen zu erkennen, die als erste(!) eine befallene Zelle erkennen und mit der Ausräumung beginnen. Es waren selbst im besten Fall unter den 2000 markierten Arbeiterinnen selten mehr als zwei, die für beobachtet werden konnten.


    An den Genen dieser Einzelbienen habe man besonderes Interesse. Durch Distanz von der Königin sollen diese Bienen zur Eiablage gebracht werden, um die daraus hervorgehenden Drohnen mit Königinnen ausgesuchter Herrkunft künstlich zu besamen.


    Die Ergebnisse zeigten einen stark verringerten Varroabefall bei den Versuchsvölkern. Von Toleranz könne auch jetzt aber noch nicht gesprochen werden, ohne Behandlung würden auch diese irgendwann eingehen. Ein Anfang sei aber getan. Probleme: Vermeidung von Inzucht, und mit ca. 50 Völkern könne der Bedarf an entsprechenden Königinnen nicht breitgestellt werden.


    Daher sollen sich Imker melden, die am Großversuch teilnehmen wollen, oder diejenigen, die behaupten, sie hätten Varroatolerante Bienen am Stand.


    Viele Grüße
    Christoph