Notfallzulassung für Neonics

  • Die Anzahl der Pfirsichblattläuse ist nicht so wirklich wichtig. Da reichen wenige als Virenüberträger. Ob und welche das sind, sieht man ihnen von außen nicht an. Leider.

    Imkern im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und resignativer Reife

  • Selbst für die COVID-19 Impfstoffen haben unsere Politiker auf eine ordentliche Zulassung bestanden und gemacht und keine Notfallzulassung. Warum/was ist an einem Rübenbeizmittel ein größerer Notfall?

    (Muss ich noch sagen das ich stocksauer bin wenn ich sowas lesen muss, oder wurde das schon klar?) ;-(

  • Hallo Clas,


    tut mir leid, ich wollte dir mit meinem Beitrag nict zu nahe treten :)

    Bei Thiamethoxam mit der Abbaurate zu argumentieren, ist aber nur dann redlich, wenn man erwähnt, dass der Metabolismus über Clothianidin geht, und dieses deutlich länger persistent und wirksamer ist.

    Das war mir nicht bewusst, danke für den Hinweis. Ich muss zugeben, ich hab da nicht weiter nachgeschaut was für Metabolite entstehen. In aller Regel wird der Wirkstoff durch die Metabolisation deaktiviert. Ich hab nun mal in die oben verlinkte Studie zu den Halbwertszeiten im Boden geschaut, ob und wie das dort berücksichtigt wurde (auch hier muss ich gestehen, nur den Abstract gelesen zu haben, sonst dauert so ein Beitrag Stunden :whistling:)


    Little or no publicly available data exist regarding the route of degradation of thiamethoxam in soil. However, thiamethoxam is known to degrade in laboratory aerobic soil studies, and to form the metabolite CGA 322704, commonly known as clothianidin, another neonicotinoid insecticide.5 However, the majority of the degradation products are non‐insecticidally active, and in these field trials the levels of CGA322704 observed are too low for kinetic evaluation of the rates of formation and decline (all of the CGA322704 residue data are presented in the supporting information).

    Hier wurde also tatsächlich auch nach Clothianidin geschaut, allerdings kaum etwas gefunden.


    Ein Blick in die EFSA Conclusion zeigt ähnliches:

    Due to the very similar toxicity profile expressed by the active substance thiamethoxam and its metabolite clothianidin, residue values of the two compounds were always summed within each sample before proceeding with further data elaborations.

    Auch hier wird dieser Wert also berücksichtigt. Für die Ermittlung der NOEC/EC-Werte spielt die Metabolisierung keine Rolle, da es wurscht ist ob der Parent oder der Metabolit den Effekt verursacht. Der Hinweis auf die Metaboliserung ist also ein sehr bererechtigter, ändert aber nichts an der Aussage dieser Daten.


    Zitat

    Weiter scheint mir ein Beispielcollembole über die Reproduktionsrate nicht wirklich Aussagen über Verhalten, Interaktion und Lebenserfolge komplexer sich verhaltender Artikulaten zu erlauben. Das Zusammenwirken im Ökosystem Acker steht dann gänzlich außen vor. Ähnliches gilt für die Daphnie, die immer gerne als Prüftier verwendet wird, um wasserlebende Artikulaten abzuprüfen.

    Das stimmt und stimmt auch nicht. Stimmt, denn es werden solche Effektwerte tatsächlich meist anhand einiger repärsentativer Spezies getestet. Bei hunderten, teils tausender verschiedener Arten geht das auch letztlich nicht anders. Stimmt nicht, weil auch ganze Communities untersucht werden. In sog. Mesofauna-Studien werden vor allem Collembolen, oft auch Milben und selten auch Enchyträen untersucht. Dabei werden durchaus auch Effekte auf die Gesamt-Community analysiert, nicht nur auf die jeweiligen einzelnen Arten. Hier ist eine solche Studie recht anschaulich beschrieben. Diese werden zudem oft auch mit Regenwurm-Studien kombiniert. Solche Studien laufen ein komplettes Kalenderjahr, da bekommt man schon einen recht brauchbaren Überblick.


    Zitat

    Einen Eintrag in die Vorflut mit abgeschwemmtem Boden halte ich, gerade in der Zuckerrübe, nicht für abwegig. Die Bestände schließen erst recht spät und Wassererosion habe ich auf solchen Äckern gesehen und auch Bodeneintrag in die Vorflut.

    Ausschließen würde ich nie irgendetwas, das ist sicher auch richtig. Bei Starkregen-Ereignissen kann Ausspüulung sicher auch passieren. Die Regel wird das aber nicht sein. So weit ich weiß wird der Boden nach der Rübensaat auch wieder verdichtet, damit der Samen guten Kontakt zum Boden bekommt. 'Normaler Regen' dürfte hier zu keinen größeren Mengen führen, die ausgewaschen werden. Je länger der Saatzeitpunkt her ist, desto geringer werden die Mengen zudem auch.


    Zitat

    Mein Kenntnisstand aus toxikologischen Vorträgen und Studien, die ich hörte und las, ist, dass Paracelsus zutrifft für Stoffe, die metabolisiert werden können. Bei Stoffen, die irreversibel an vitalwichtigen Strukturen andocken, Krebs erregen oder die Keimbahn schädigen gebe es die unschädliche Dosis nicht. Allenfalls gibt es eine sinkende Wahrscheinlichkeit für ernste Folgen. Hier ordnet Herr Tennekes die Neonikotinoide ein. Insofern ist diese Frage allenfalls umstritten, meine Aussage aber fachwissenschaftlich gestützt.

    Dann müssten wir alle geschädigt sein, da wir Schermetalle in uns tragen, die wir nicht metabolisieren können. Doch auch hier gibt es eine Dosis-Wiorkungsbeziehung. Bei den Neonicotinoiden lassen sich diese auch experimentell bestimmen, wie etwa in der verlinkten Studie oben.


    Wir das in der Humanmedizin aussieht, da habe ich keine Ahnung und vermag zu raten. Bei Krebs könnte ich mir durchaus vorstellen, dass es keine klassischen Dosis-Wirkungsbeziehungen gibt bzw. nicht immer und überall gibt, sondern hier die von dir genannten Wahrscheinlichkeiten eine Rolle spielen. Der Eine futtert 80 Jahre lang die verkohlte Grillwurst und nichts passiert, beim Anderen reichen eben drei Würste.


    Zitat

    Darüber hinaus habe ich Schwierigkeiten, für eine Beize, die ja Vorbeugung ist, einen Notfall einsehen zu können.

    Ich bin jetzt zu wenig im Rüben-Thema um hier sagen zu können ob ein Notfall vorliegt oder nicht. Grundsätzlich kann ich mir das aber schon vorstellen. Wir beugen überall im Leben erkennbaren Notfällen vor, warum nicht auch hier. Einen möglichen Grund nennt rase in #156 ja. Man kann aus dem Vorjahr durchaus wissen, welche Gebiete besonders gefährdet sind.


    Selbst für die COVID-19 Impfstoffen haben unsere Politiker auf eine ordentliche Zulassung bestanden und gemacht und keine Notfallzulassung. Warum/was ist an einem Rübenbeizmittel ein größerer Notfall?

    (Muss ich noch sagen das ich stocksauer bin wenn ich sowas lesen muss, oder wurde das schon klar?) ;-(

    Der Vergleich hinkt nicht nur, der ist regelrecht invalid ;) Zum Einen gibt es im anglo-amerikanischen Raum durchaus Notfallzulassungen für Impfstoffe. Zum Anderen ist Thiamethoxam im Vergleich zu den Impfstoffen sehr ausführlich untersucht. Man hat quasi viele Jahre lang eine landesweite Phase III Studie durchgeführt, um im Bild zu bleiben.


    Zudem wird niemandem von uns Thiamethoxam direkt gespritzt. Ich werde mich impfen lassen sobald es mir möglich ist (was wohl noch was dauern wird), aber da sehe ich schon nochmal einen deutlich Qualitätsunterschied zwischen einem Pestizid und einem Impfstoff.

  • Zum Anderen ist Thiamethoxam im Vergleich zu den Impfstoffen sehr ausführlich untersucht. Man hat quasi viele Jahre lang eine landesweite Phase III Studie durchgeführt, um im Bild zu bleiben.

    Na wenn dem so ist, warum dann eine Notfallzulassung, dann macht doch einfach eine ordentliche Zulassung wenn das so genau untersucht ist und wenn es dazu wirklich so viele eindeutige positive Belege gibt...

  • Na wenn dem so ist, warum dann eine Notfallzulassung, dann macht doch einfach eine ordentliche Zulassung wenn das so genau untersucht ist und wenn es dazu wirklich so viele eindeutige positive Belege gibt...

    Die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln läuft anders ab als die Zulassung von Impfstoffen. Bei Pflanzenschutzmitteln haben deutlich mehr Leute mitzureden, was den ganzen Prozess nicht ganz einfach macht.

  • Zum Anderen ist Thiamethoxam im Vergleich zu den Impfstoffen sehr ausführlich untersucht. Man hat quasi viele Jahre lang eine landesweite Phase III Studie durchgeführt, um im Bild zu bleiben.

    Na wenn dem so ist, warum dann eine Notfallzulassung, dann macht doch einfach eine ordentliche Zulassung wenn das so genau untersucht ist und wenn es dazu wirklich so viele eindeutige positive Belege gibt...

    Von einer Notfallzulassung spricht man bei Pflanzenschutzmitteln dann, wenn ein Produkt nur für eine bestimmte ha Zahl und einen bestimmten Zeitraum gegen ein ganz bestimmtes Problem vorübergehend zugelassen wird. Mit der Notfallzulassung bei Corona ist das nicht zu vergleichen auch wenns der gleiche Begriff ist, der Verwendung findet.

  • FranzXR, bist du jetzt der "Ernst" oder Spass?

    Gute Frage, zunächst bin ich dankbar das SimonNiebler mir erklärt hat was der Unterschied der Notfallzulassung zwischen Beizmitteln und Impfstoffen ist, das hatte ich nicht gewusst.

    (Mein ursprünglicher Post zum Thema war etwas sarkastisch gedacht obwohl ich noch von früheren die Auswirkungen der "Neonics" kenne, wo wir ganze Stände abräumen mussten und wo tonnenweise Honig als Sondermüll entsorgt werden musste und hoffe das nie wieder irgendwelche Mittel "leichtfertig" genehmigt werden. Ich weis auch noch sehr gut wie lange es gedauert hatte diese wieder verbieten zu lassen, das dauert wesentlich länger als das genehmigen lassen. Aber in der Zwischenzeit bin ich nur noch sauer auf unsere Politiker, die offenbar bei COVID ihren eigenen Pandemieplan nicht eingehalten haben, aber das ist ein ganz anderes Thema und nicht für dieses Forum...)

  • Hallo zusammen,


    leider wurde zumindest in Baden-Württemberg die Notfallzulassung für das Neonicotinoid Thiamethoxam erteilt:


    https://probiene.de/sondergene…noide-baden-wuerttemberg/


    https://www.bienenkunde.rlp.de/Internet/global/themen.nsf/0/5B300A625864EBCEC1257FD5002FCF0D/$FILE/Infobrief%202021_01%20Begr%C3%BC%C3%9Fung.pdf


    Das Mittel soll vor allem in Südbaden eingesetzt werden. Das ist nicht nur deshalb sehr bedauerlich, weil Neonicotinoide vor ein paar Jahren für ein großes Bienensterben in der Region verantwortlich waren. Deshalb meine Bitte, den Protest gegen den Einsatz des Mittels zu unterstützen (z. B. Landwirtschaftsministerium, Umweltministerium, Südzucker, regionale Abgeordnete).


    Danke und Gruß, Andreas