Notfallzulassung für Neonics

  • Also ich kaufe nur Biozucker frei von Neonics.

    Scheint ja irgendwie trotzdem zu funktionieren. Ja, das Kilo kostet 1,60 oder so. Dafür ist ist auch der Honig teurer und der Kunde fördert damit den neonicfreien Anbau.

    Und nein, ich rede nicht von Rohrzucker aus dem Regenwald, sondern von bayerischen Biorüben.

    Und genau das mach ich ab jetzt auch. Hat lange gedauert mich dazu durchzuringen. Zum einen wegen dem Preis und zum anderen wegen dem Gepantsche beim selber anrühren.

    Gibts da nicht auch schon was fertiges in Sirupform am besten im IBC?

  • Es gibt Biosirup bei Prenzyna.


    Ich habe allerdings Kanister, in die Fülle ich morgens Zucker, Wasser, etwas Honig. Ein wenig schütteln, dann ist bis Abends fast alles aufgelöst.

    Ich finde es aber auch nicht schlecht, wenn ein wenig "Zuckerschlamm" im Fütterer liegt. Dann wird der Rest nicht schlecht, wenn die Zarge nicht genau im Wasser steht.


    Bei größeren Mengen habe ich Weithalsfass mit Tauchpumpe und Wlan Steckdose, die alle 15 Minuten für ein paar Minuten läuft.

  • Moin, moin,


    das ist die Theorie.

    Das ist in der Tat sehr theoretisch. Im Grunde teile ich die Einschätzung, dass Neonics zurecht verboten wurden. Allerdings ist das hier wie überall, Pauschalisierungen führen zu falschen Ergebnissen/Aussagen. Deine Erklärungen sind alle für sich genommen nicht falsch, ergeben in der Summe aber leider ein falsches Bild der aktuell diskutierten Notfallzulassungen bei Zuckerrüben. Das ist ein bisschen so, als würde man in fünf Sätzen die komplette Imkerei erklären wollen - dann denkt der Laie, ui, toll, jetzt weiß ich Bescheid, während der Profi sich was Anderes denkt.


    Zitat

    In der Praxis wird von der Beize höchstens um die 10% aufgenommen, der Rest verbleibt im Boden und wirkt auch dort auf Artikulaten, was eine recht große Gruppe ist, die wichtige Teile des Bodenlebens stellen.

    Das kann grundsätzlich passieren. Es gibt Studien zum Thema, etwa wurde hier festgestellt, dass der Reproduktions-EC50* der beispielhaften Springschwanz-Art Folsomia Candida von Thiamethoxam (das ist die Substanz, um die es aktuell geht) bei etwa 0.23 mg Wirkstoff je kg Boden liegt. In nachfolgenden Generationen steigt der Wert an, d.h. hier scheint eine zügige Anpassung stattzufinden.


    Vergleiche ich diese Werte mit der aktuellen Notfallzulassung, dann sind die Werte fünfmal höher, als das, was bald in den Boden kommt**. Ohne Aufnahme durch Pflanzen, ohne Abbau, die diese Werte weiter reduzieren. Hier können Effekte auf einzelne Tiere in der Tat nicht ausgeschlossen werden, auf die Populationen hingegen schon. Dennoch: Schönm ist das nicht, aber keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Diese halte ich für vertretbar.


    Zitat

    Ein weiterer Teil wird mit dem Überschuss des Regenwassers in die Vorfluter gespült und wirkt dort ebenfalls giftig. Oder es steht als Pfütze auf dem Acker und kann von Insekten mit fatalen Folgen für Trinkwasser gehalten werden.

    Das ist ein großer Vorteil der hier angewandten Methode: Der Wirkstoff wird in den Boden eingearbeitet und ist deutlich weniger verfügbar als bei Spritzapplikationen. Um Ackerpfützen mache ich mir bei dieser Anwendungsart wenig Sorgen, im Gegenteil sogar. Sonst würden womöglich andere Insektizide per Spritze appliziert, welche dann deutlich größere Risiken in Pfützen & Co darstellen würden.

    Zitat

    Da überdies die Wirkstoffe sowohl sehr wirkmächtig sind, als auch deutlich langlebiger, als für die Zulassung angegeben wurde, erstrecken sich diese Wirkungen auf Jahre, und sie stehen auch für Folgekulturen zur Verfügung.

    Das stimmt. Leider sind Neonics sehr persistent und haben hohe DT501-Werte im Boden:

    Results: Field soil DT50 values normalised to 20 °C ranged between 7.1 and 92.3 days (geomean = 31.2 days; n = 18).

    Wenn wir von 120 Tagen ausgehen (statt dem Mittelwert von 31.2 aus obiger Studie), dann ist nach einem Jahr noch ungefähr ein Achtel der Wirkstoffmenge im Boden verfügbar. In der Folgekultur könnten als tatsächlich Rückstände in blühende Pflanzen gelangen.


    Daher schreibt das BVL auch folgendes vor, zudem ist in den Begleitdokumenten noch beschrieben, dass in den Folgekulturen auch blühende Unkräuter unzulässig sind:

    • Blühende Zwischenfrüchte dürfen auf der Fläche nicht ausgesät werden.
    • Als Folgekultur dürfen nur Pflanzen angebaut werden, die für Bienen nicht attraktiv sind.


    Zitat

    Da überdies die Wirkung, also das Andocken am Rezeptor, irreversibel ist, gibt es da auch keine Erholung

    Das stimmt, leider!


    Zitat

    und keine unschädlich geringe Dosis.

    Das stimmt wiederum nicht. Auch für Neonicotinoide gibt es NOECs***. Die sind nur eben unerfreulich niedrig :( Es gibt immer und von allem eine unschädliche Dosis und eine schädliche Dosis. Man kann sich auch mit Wasser vergiften, selbst mit Trinkwasser. Frei nach Paracelscus: Die Dosis macht das Gift. Das, was wir als Gifte definieren, braucht nur sehr geringe Dosen um entsprechende Wirkungen zu erzielen.


    Um den Bogen zur Imkerei zurück zu schlagen: Müsste ich mich entscheiden, ob meine Bienen an einem Feld herkömmlich behandelter Rüben oder an einem Feld Rüben mit der Notfasöllzulassung stünde, so würde ich klar letzteres wählen. Auch wenn es vielleicht paradox klingt: die hier diskutierte Neonic-Beize (der Zuckerrrüben) sehe ich als sicherer für meine Bienen an, als die Alternativen.


    1DT50 = Degradation time 50, d.h. die Zeit, nach der nur noch 50% der Substanz nachgwiesen werden kann

    *EC50 = Effect concentration 50, d.h. die Konzentration bei der die Hälfte der Versuchsorganismen Wirkung zeigt, in diesem Fall verminderte oder eingestellte Reproduktion
    ** Basierend auf 49g Wirkstoff je Hektar und der Annahme, dass 1 Kubikdezimeter = 1 kg Boden entspricht

    *** NOEC = No observed effect concentration, d.h. die Konzentration bei der keine Wirkung beobachtbar ist. Die NOECs für Thiamethoxam sind bspw. hier evaluiert worden.

    Dieser Beitrag wurde bereits 2 Mal editiert, zuletzt von Llecter () aus folgendem Grund: Typos, korrigiert, Fußnote DT50 hinzugefügt.

  • Und wenn man dann seine Bienen an einem Feld mit Bio-Zuckerrüben aufstellen würde, müsste man sich darüber gar keine Gedanken machen. Der Minderertrag von ca. 20-30% wird über den Preis ausgeglichen, mit diesem Zucker bedient man den heimischen Markt (die Nachfrage hat sich seit 2012 verdoppelt), weil der Bedarf aus Deutschland allein gar nicht gedeckt werden kann, man muss also gar nicht am Weltmarkt konkurrieren (was man ohne Subventionen auch nicht schafft) und der ganze Eiertanz löst sich in Luft auf.


    Und selbst der importierte Bio-Rohrzucker kommt in der Regel aus kleinbäuerlichen Strukturen, die nicht in Verdacht stehen den Regenwald niederzumähen.


    Das Zuckerrüben-Neonics-Problem ist ja in dem Sinne auch nur ein indirektes Thema für Imker. Diese Thematik könnte aber eine Hintertür sein, die Anwendung wieder für Mais, Raps und Co. zuzulassen.

    "Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen." Mark Twain

  • Diese Thematik könnte aber eine Hintertür sein, die Anwendung wieder für Mais, Raps und Co. zuzulassen.

    Null Chance dafür.

    Ich hoffe es! Ich verstehe die Notfallzulassung einfach nicht. Das verhindert den Anbaurückgang mittelfristig nicht.

    "Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen." Mark Twain

  • Hallo,


    Da wir abweichend bei Bio gelandet sind, auch der lange Transport von Biozucker/Sirup in Schiffen usw. macht die Produkte nicht unbedingt besser als konventionelle. Ich beziehe auch bei Rebio, nur dort werden die Rüben auch über die Landesgrenze zur Verarbeitung geschleppt, aber nur ins Nachbarland.



    Grüße Stefan

  • Moin Llecter,

    erstens war da eine sehr kurze Frage, auf die ich angerissen habe, wo die Probleme liegen können.

    Zu Deinen Einwänden und Ergänzungen:


    Bei Thiamethoxam mit der Abbaurate zu argumentieren, ist aber nur dann redlich, wenn man erwähnt, dass der Metabolismus über Clothianidin geht, und dieses deutlich länger persistent und wirksamer ist.

    Weiter scheint mir ein Beispielcollembole über die Reproduktionsrate nicht wirklich Aussagen über Verhalten, Interaktion und Lebenserfolge komplexer sich verhaltender Artikulaten zu erlauben. Das Zusammenwirken im Ökosystem Acker steht dann gänzlich außen vor. Ähnliches gilt für die Daphnie, die immer gerne als Prüftier verwendet wird, um wasserlebende Artikulaten abzuprüfen.

    Einen Eintrag in die Vorflut mit abgeschwemmtem Boden halte ich, gerade in der Zuckerrübe, nicht für abwegig. Die Bestände schließen erst recht spät und Wassererosion habe ich auf solchen Äckern gesehen und auch Bodeneintrag in die Vorflut.

    Mein Kenntnisstand aus toxikologischen Vorträgen und Studien, die ich hörte und las, ist, dass Paracelsus zutrifft für Stoffe, die metabolisiert werden können. Bei Stoffen, die irreversibel an vitalwichtigen Strukturen andocken, Krebs erregen oder die Keimbahn schädigen gebe es die unschädliche Dosis nicht. Allenfalls gibt es eine sinkende Wahrscheinlichkeit für ernste Folgen. Hier ordnet Herr Tennekes die Neonikotinoide ein. Insofern ist diese Frage allenfalls umstritten, meine Aussage aber fachwissenschaftlich gestützt.

    Darüber hinaus habe ich Schwierigkeiten, für eine Beize, die ja Vorbeugung ist, einen Notfall einsehen zu können.


    Gruß Clas

    "Ach, das Risiko...!" sagte der Bundesbeamte für Risikoabschätzung abschätzig...

  • Ich glaube das Notfall-Argument ist „Es gibt diese Saison so viele Schädlinge, wenn wir keine Beize verwenden können, können wir diese Saison keine Rüben anbauen“. Kann das sein?

    Imker seit Februar 2020
    12er DNM im Warmbau, ab 2021 10er DD