Jährliche Wabenhygiene - ein Irrweg?

  • Die Monatsbetrachtungen in der diesjährigen Bienenpflege werden von Jürgen Binder verfasst. In der Ausgabe 09/2020 schreibt er, eine dauernde Erneuerung des Wabenwerkes verschlechtert die hygienischen Verhältnisse im Brutraum und wirke gesundheitsschwächend. Laut seinen Ausführungen bezeichnet er die jährliche Erneuerung des Wabenbaus als Irrweg.

    Seine Argumentation basiert darauf, dass die dunkle Farbe nicht von Schmutz oder Kotresten stammt, sondern von der Oxidation des organischen Materials der Verpuppungshülle, welche Phenole enthalte die antiseptisch wirken.


    Bisher kenne ich es als gute imkerliche Praxis die Bienen auf „hellen Waben“ (= maximal dunkel, aber noch nicht schwarz) zu führen. Umso mehr haben mich seine Ausführungen erstaunt,


    Gibt es zu der Theorie von Jürgen Binder irgendwelche fundierten Publikationen?

  • Gibt es zu der Theorie von Jürgen Binder irgendwelche fundierten Publikationen?

    Die kenne ich jetzt nicht, nur praktische Erfahrungen meinerseits. Der "Reinheitswahn" bei der sog. Wabenpflege ist m.E. oft übertrieben. Schon nach einer Brutsaison werden Waben dunkel, da sie ja auch immer wieder propolisiert werden. Dieses "Antibiotikum" des Biens schützt die Waben und die Larven. Ich hebe dunkle Waben für die Bildung von Ablegern gerne auf, weil Königinnen bevorzugt solche Waben bestiften. Die irren sich wohl nicht...


    Solche Ableger oder auch Sammelbrutableger aus TBE sitzen hier auf Waben, die 2 bis 3 Brutjahre hinter sich haben. Davon wurden meine Völker weder krank noch "faulbrütig" o.ä.


    In der freien Natur erneuert auch keiner jährlich die Waben, auch nicht die Wachsmotte.

  • Die Begründung verstehe ich so, dass die Oxydation nach seiner Vorstellung Phenole frei werden läßt.

    Das mag bakterizid(?) wirken, soll aber für die Haut des Imkers nicht so toll sein - also Anfassen führt zu Hautreizungen??


    Ich habe nach dem Stichwort "Oxidation des organischen Materials" gegoogelt - bin nicht "schlau" geworden.

    Seine wissenschaftlich anmutende Begründung habe ich in der Diss. und anderen Veröffentlichungen nicht "belegt" gefunden.


    Ich mach das auch so, wie es viele machen: erscheinen mir Waben dreckig, kommen sie raus - meist die zwei- oder drei-jährigen Brutwaben...klinisch rein ist es im Brutraum auf den Waben optisch nicht.

  • Wird wohl wie so oft die Wahrheit in der Mitte liegen.

    Meiner Erfahrung nach werden unbebrütete Waben nach Sommersonnenwende nur ungern bebrütet. Da muss schon gar nix anderes da sein, oder ordentlich Tracht.


    Grüße Ralf

  • Und schon wird gestritten und gleichzeitig in gewisserweise zugegeben, dass man es nicht weiß.

    Wissenschaftlich hin oder her. überlasst es doch mal probeweise den Bienen. Man muss ja nicht alle Völker in dem "zu erwartenden Dreck" untergehen lassen, aber ein Volk kann man für den Test einsetzen.

    In meinen Kästen sind Waben, die auch 3 oder 4 jahre im BR sind.

    Meine Beobachtung ist die, dass frische Waben für NICHTS eine Garantie sind. Bisher war alles dabei: Geschwärmt, vermilbt, schwach geworden, kaum Honig gebracht trotz Stärke, ...

    Und mein imkerliches Vorbild hatte nicht nur (sehr) dunkle Waben in den BR, auch die Innenseiten der Kisten waren sehr dunkel. Und er war einer der Besten.

    Es wird in jedem Jahr Frühling, nur wann?

  • Da brauch ich weder Wissenschaft noch Test: Eine vernünftige Bauerneuerung ist angebracht.

    Früher galt die Regel: Wenn man gegen die Sonne die Hand hinter der Wabe nicht sehen kann, wird die eingeschmolzen.

    Soweit lasse ich das heute nicht mehr kommen, die Wachsausbeute ist mit herkömmlicher Technik bei ganz schwarzen Waben eh nicht mehr so gut.

    Grüße Ralf

  • Moin zusammen!

    keinimker , es wird gar nicht gestritten oder orakelt, das ist ja wohl ein ganz normaler Austausch. Selbstverständlich ist jede Nutzung einer Zelle einhergehend mit "Benutzungsspuren". Wabenhygiene ist aber für das Volk und den Imker wichtig, schafft es doch neues Wachs für Mittelwände, verranzte Waben kommen raus, Pollenbretter gehen in den Schmelzer und und und.

    Hauptgrund im BR zum Tauschen ist aber wohl bei den meisten die Varroabekämpfung ohne Chemie im Rahmen der TBE. Da bleibt eben keine große Möglichkeit. Aber damit kann man prima leben wie ich finde. Mit der Großwabe im angepassten BR sind die Waben aber schnell wieder im "Used-Look". Helle Waben können aber ja problemlos aus den Brutsammlern nach Auslaufen der letzten Brut wiederverwendet werden, da sind ja immer welche bei.

    Das die Gesamtphysis nachhaltig durch neuen Wabenbau leidet, halte ich aber für ein Gerücht!

    LG Rudi

  • Guten morgen Zusammen,


    Ich habe das Gefühl das Thema Bauerneuerung bzw. helle vs. dunkle Waben ist wie BMW vs. Audi, Eigenheim vs. Mietshaus, Pepsi vs. Cola, Fleisch vs. vegetarisch...

    Die Diskussionen kommen regelmäßig hoch, und regelmäßig wird kontrovers diskutiert und nach Studien geschrien.


    Gibt es denn auf der anderen Seite belastbare Studien, dass dunkle Waben schlecht für das Bienenvolk sind? Vermutlich ja, da nachgewiesen wurde das einige Varroazide, Pflanzenschutzmittel & Co fettlöslich sind und sich somit im Laufe der Zeit im Wachs anreichern (könnten). Aber passiert das bereits nach einer Saison? Oder nach 2? Oder erst nach 10? Ja - kommt darauf an...

    ... es kommt auf den Imker & sein Umgang mit Medikamenten und Varroazide (ja / nein / wenig / viel) an ...

    ... es kommt auf das Umfeld an (extensive Landwirtschaft, hoher Pestizideinsatz oder Bienen mitten im Naturschutzgebiet?) ...

    und wahrscheinlich gibt's noch duzende weitere Faktoren die einen Einfluss darauf nehmen.


    Ich persönlich bin junger Imker im ersten Bienenjahr, kann daher auf keine lange Erfahrung zurückgreifen. Aber auf Grund der aktuellen Ausnahmesituation (Corona & Co) hatte ich viel Zeit mich in die Thematik einzuarbeiten und meine persönliche Betriebsweise mit Hilfe von vielen Büchern, Schulungsvideos, Youtube & Foren für mich festzulegen.


    Die Betriebsweise sieht in diesem Bereich für mich vor, dass ich weder ständig die Waben erneuere noch diese die nächsten 5-10 Jahre in der Beute lasse... ich versuche eine kontinuierliche Bauerneuerung zu etablieren bei der jede Saison 1-2 Waben getauscht werden, die neuen Waben werden dabei immer an die gleiche Position in der Beute gesetzt. In der Folge "wandern" die Waben von links nach rechts - und die rechteste Wabe wird dann immer entnommen und eingeschmolzen.

    Auf anreichernde Varroazide verzichten wir genau so konsequent wie auf AS. Ob das Richtig ist? Wir werden sehen. Ob das gute imkerliche Praxis ist? Die Einen werden jetzt nicken - die Anderen mit dem Kopf schütteln. Aber ich bin mir sicher - im nächsten Jahr wird's Honig geben & der wird sicherlich schmecken :-)


    Mein persönliches Fazit: Zu viel Wechsel ist nichts, zu wenig Wechsel ist nichts... für mich liegt die Wahrheit dazwischen. Und wo das sein wird werden mir die Bienen schon zeigen.


    Viele Grüße,

    Markus

  • Hallo Rudi-W,

    „Pollenbretter“ habe ich noch nie rausgenommen und auch nicht eingeschmolzen.

    Nach dem Frühjahrsaufbau ist alles verbraucht. Und wenn, dann bekommen die die Ableger als Honig-/Pollenwabe.

    Es wird in jedem Jahr Frühling, nur wann?

  • nicht zu vergessen- arbeite ich schon mit eignem Wachskreislauf (mit Altwachs raus zu Kerzen...) oder muß ich Mittelwände kaufen.


    Zuviel Aktionismus schadet und kostet dem Bien viel Kraft- alle 1-2 Jahre neu ist ausreichend.

    TBE mache ich nicht wegen neuer Waben, sondern ergibt sich als Nebeneffekt der Schwarmvorbeuge oder als Anti-Varroa- Maßnahme im Trachtverlauf. Den Bautrieb können sie im Honigraum austoben.

  • Wenn man als Imker gut seine Völker beobachtet, dann sollte man obige Frage selber beantworten können.

    Jedenfalls konnte ich noch nie einen Zusammenhang zwischen Volksgesundheit/stärke und Alter des Wabenwerkes feststellen.

    Und wer mal das Wabenwerk von "wilden Baum- und Dachkastenvölkern" gesehen hat, der weiß, dass in freier Natur manches Wabenwerk topschwarz sein kann.

    "Damit ein Skeptiker geboren wird, müssen tausend Gläubige wüten." [Cioran]

  • Da sich im Brutraumwachs alles dauerhaft anreichert, was z.B. an fettlöslichen Umweltgiften mit dem Pollen temporär eingelagert wird, plus Viren in Puppenhäutchen etc., scheint eine Wabenhygiene mit Augenmaß schon sinnvoll. Aber mit Empfehlungen von Augenmaß bekommt man keine Aufmerksamkeit. Deswegen schiedet der Mann ja angeblich auch schon im November.

    Imkern im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und resignativer Reife

  • Was unter dem wohlklingenden und zumindest gutgemeinten Begriff "Wabenhygiene" proklamiert und betrieben wird, hat mit Wabenhygiene aus der Sicht der Bienen nur bedingt etwas zu tun!

    Heller Wabenbau begeistert vielleicht den Imker.... nicht immer aber die Bienen!

  • Und wer mal das Wabenwerk von "wilden Baum- und Dachkastenvölkern" gesehen hat, der weiß, dass in freier Natur manches Wabenwerk topschwarz sein kann.

    Bauerneuerung ist bei wild lebenden Völkern natürlich der Ausnahmefall. Die Bienen bauen ihre Waben ja nicht zurück. Das erledigen Wachsmotten - aber erst nach dem Untergang eines Volkes.

    Andererseits ist zu bedenken, dass die natürliche Hygiene im Volk (die sich nicht nur auf den Wabenbau bezieht) eine notwendige Folge aus dem mehrjährigen Bestehen des Bienenstocks ist. Er wäre sonst ein Eldorado für Bakterien, Pilze, Viren und Parasiten.

    Die Bienen arbeiten mit Propolis u.a. gegen ein Problem an, dass sich erst aus einem mehrjährigen Wabenbau ergibt. So gesehen (das ist jetzt ein logischer, kein empirischer Befund) werden die Waben nicht zwingend besser, wenn sie altern. Sie werden nur von den Bienen dafür optimiert.

    I never loose - either I win or I learn (Nelson Mandela)