Wesensgemäße Imkerei

  • Und wieso ist es ethisch okay, einen ganzen Schwarm ins Verderben zu schicken, aber einen Fitzel unbelebten Flügel eines Individuums zu schneiden nicht? Welche Maßstäbe legst Du da an?

    Der Vergleich, den Du da ziehst, spricht für sich (nicht für Dich): Während Du beim Flügelschnitt ein Tier beschneidest, also als Mensch aktiv eingreifst, "schickt" kein Imker irgendwie einen Schwarm los. Das entzieht sich (noch) der Macht des Imkers.

    Natürlich kann der Imker Schwärme verhindern oder einfangen ... zumindest es versuchen. Aber wenn das nicht klappt, hat er nicht einen Schwarm "geschickt"; und dann gar "ins Verderben" - das war mir jetzt zuviel Polemik und zu wenig Sachlichkeit.

    Seit 2005 Sächsischer* Hobby-Imker mit ca. 10 Völkern in DNM

    * sie summen weicher als die nicht-sächsischen Bienen

  • Und wie siehst Du das Kastrieren von Katzen und Hunden? Alles verdammenswert unethisch?

    Oder - um bei den Bienen zu bleiben - das Drohnenschneiden? Das darf?

    Nächstes Imkerforumstreffen am 26-28.3.2021 im Jagdhof Kleinheiligkreuz bei Fulda!

  • Und wieso ist es ethisch okay, einen ganzen Schwarm ins Verderben zu schicken, aber einen Fitzel unbelebten Flügel eines Individuums zu schneiden nicht? Welche Maßstäbe legst Du da an?

    Der Vergleich, den Du da ziehst, spricht für sich (nicht für Dich): Während Du beim Flügelschnitt ein Tier beschneidest, also als Mensch aktiv eingreifst, "schickt" kein Imker irgendwie einen Schwarm los. Das entzieht sich (noch) der Macht des Imkers.

    Ist das so, ja?

    Imkern im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und resignativer Reife

  • rase, wenn Du schon Schwärme aus einem Volk losgeschickt hast ... oder von jemanden weißt, der das kann, nehme ich alles zurück. Ich kann das nicht...


    Und falls kikibee mich meint: Ich habe nirgends erwähnt, was ich für ethisch oder unethisch halte. Ich habe den Vergleich von rase kritisiert, weil ich ihn nicht stimmig finde.

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  • Rase hat es selbst gesagt, auch das ist die berühmte Schuld, die man sich auflädt. Der Eine versucht dies zu minimieren, der Andere tut, was er für nötig hält und wieder ein Anderer macht einen Eingriff nach dem anderen bis zum Gehtnichtmehr. Jetzt kann man sich hinstellen und argumentieren daß, wenn er damit Erfolg hat, es ja nicht schlimm sein kann, was allerdings auch das Argument eines Schweinemästers sein könnte. Aber auch ich verstehe, daß es einen Unterschied macht, ob man von der Imkerei leben muß, evtl. eine ganze Familie versorgt oder ob man aus Spaß an der Freude, es als Hobby betreibt. Und wenn es Freude machen und Spaß bringen soll, kann man ja auch mal die Schuld nicht so ausblenden. Zudem ist das mit der Schuld relativ. Da hat jeder eine andere Ansicht und das geht von: Es ist besser für die Bienen bis zum Vorwurf der Massentierhaltung. Mehr relativ geht wohl kaum. Vielleicht läßt sich das alles auch Gegenrechnung in der Art: Ja, ich mache dies, dafür mache ich aber auch die TBE, was den Völkern und dem Honig oder dem Wachs einiges erspart. Vielleicht stellt ja mal jemand einen Punktekatalog auf mit einer entsprechenden Punktzahl für entsprechende Handlungen. Und am Ende entscheidet das Carma, was passieren muß um das Alles auszugleichen.

    Viele liebe Grüße

    Wolfgang

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis größer als in der Theorie, also theoretisch.

  • rase, wenn Du schon Schwärme aus einem Volk losgeschickt hast ... oder von jemanden weißt, der das kann, nehme ich alles zurück. Ich kann das nicht...

    Ich kann's zumindest verhindern. Wenn ich's zulasse, ist es also Tun durch Unterlassung.

    Imkern im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und resignativer Reife

  • Aber mit dem Flügelschnitt verhindert man Schwärme ja nicht, man verzögert im Zweifel - zumindest laut meiner Forumsrecherche. Das Flügelschneiden ist also kein fundamentaler Bestandteil. Und es gibt eben noch andere Möglichkeiten bezüglich der "Schwärmerei", die evt. wichtiger sind, wie Kontrolle und Genetik.


    Wenn du hundert Völker hast und dir die Verzögerung beim Zeitmanagement hilft, ok, aber die Vorgehensweise ist eben nicht obligatorisch.


    PS: Das Drohnenschneiden ist ebenso umstritten - macht Gerdes z.B. nicht, ich habe es auch nicht vor, weil ich die Gründe dagegen gut nachvollziehen kann.


    PPS: Meinen Hund würde ich niemals kastrieren, bei herrenlosen Tieren oder Outdoor-Katzen mag das was anderes sein.

    "Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen." Mark Twain

  • PPS: Meinen Hund würde ich niemals kastrieren, bei herrenlosen Tieren oder Outdoor-Katzen mag das was anderes sein.

    Aber ohne Aufsicht außerhalb Deines Grundstücks streunen lässt Du Deinen Hund auch nicht. Also entweder eingesperrt, in Rufweite oder an der Leine. Leider alles keine Option bei den Bienen.


    Ich stelle mal in den Raum, der Flügelschnitt eines Drohns (oder sogar aller Drohnen eines Volkes) wäre höchstens halb so verwerflich.


    Grüße von Kikibee, die keine Drohnenbrut umbringt, aber bei einigen ihr wichtigen Königinnen selbige per Flügelschnitt in ihrem Aktionsradius beschränkt. Zusätzlich zur regelmäßigen Kontrolle.

    Nächstes Imkerforumstreffen am 26-28.3.2021 im Jagdhof Kleinheiligkreuz bei Fulda!

  • Wenn man aus (einzeltier-)ethischer Sicht argumentieren wollte, wäre das beschneiden jeglicher Bienen problematisch, oder auch das Abdrücken der Königin, wobei das Abdrücken ja verhindert das ein andere Königin umgebracht wird. :/


    Jeder nach seiner Facon! Es ging mir darum, dass man gewisse Dinge nicht als absolutes Gesetz hinstellt.


    Und eigentlich ging es mal darum, dass Öko/Demeter-Imkerei keine Lichtjahre von anderer Imkerei entfernt ist, aber den Punkt ziehe ich wohl besser zurück.^^

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  • Wer den Maßstab der Ethik und Moral an die Bienenhaltung legt, der müsste dies ebenso wenn nicht noch bewusster an sein Verhalten im menschlichen Umfeld tun. Wenigen gelingt dies wirklich, selbst Heilige fehlten hier. Also rate ich über sich selbst nachzudenken bevor man andere belehren will. VG Jörg

  • Die Frage ist doch vielmehr, was hilft den Bienen mehr. Ein Schwarm im Baum, der unerreichbar ist und mit leider doch relativer Sicherheit im Laufe der nächsten Jahre stirbt. Oder ein Schwarm, der erreichbar am Boden sitzt und eingesammelt wird und dadurch besssere Chancen für ein Überleben hat?


    rase hat da im Übrigen recht, Schwärme kann man vermeiden als Imker. Wer einen Schwarm hat, hat vorher einiges übersehen. Ein Schwarm passiert nicht aus heiterem Himmel heraus.


    Wer also Moral und Ethik sucht, muss sich mit der Zeitachse der Völker beschäftigen. Eine kurzfristige "bienenfreundliche" Lösung die Flügel der Königin nicht zu schneiden oder Drohnenbrut zu schneiden oder oder oder.... hat in der Zukunft des Volkes vielleicht weniger "bienenfreundliche" Auswirkungen auf das Volk.

    Standardbeispiel Varroabehandlung: Ja, richtig durchgeführte AS Behandlungen schädigen zu einem Teil das Volk, aber die akute Schädigung kann im weiteren zeitlichen Verlauf das Überleben des Volkes sichern. Ethisch die Frage, ob eine absichtliche Schädigung des Volkes gerechtfertigt ist, ein nur mögliches Weiterleben des Volkes zu ermöglichen.

    Beim Menschen wurde diese Frage mit Ja beantwortet. Jedoch hat der Patient immer die letzte Entscheidungsgewalt. Aber wer würde den möglichen Tod in Kauf nehmen, wenn es auch eine zwar schmerzhafte, aber relativ sichere Methode gibt, dass Leben zu erhalten und noch schöne Jahre zu verbringen. (Ein Volk erholt sich ja im Frühjahr und kann das Leben genießen).


    Moral: Wenn Schwärme in Deutschland zu mehr als 50 % überleben würden in der Natur, wäre die Entscheidung klar. Aber wer genau hinsieht, viele Imker haben Schwärme, absichtlich oder unabsichtlich, aber wir haben trotzdem nur wenige "wilde" Völker, die wir entdecken. Somit ist die Überlebenschance eher gering.

    Und jetzt mal hart moralisch gesprochen:

    Wer würde absichtlich ein Pferd in die "Freiheit" schicken? Ja, Pferde sind Herdentiere und irgendwann gab es auch hier mal richtige Wildpferdherden. (Heute gibt es davon eine in Deutschland) Die Haltung von Pferden ist nicht wesensgemäß meistens, Stallhaltung, oder umzäunte Wiese.... wie tiergerecht ist das?

    Das Pferd würde in unserer Umwelt auf Zäune und Autos treffen und entweder eingefangen oder sterben.

  • Hallo Zusammen,

    was rase im live-Stream mit der Schuld ansprach, habe ich so interpretiert, dass viele Menschen sich selbst als Sündenfall der Erdgeschichte betrachten. Wir Menschen

    - rotten Tiere aus,

    - verschmutzen die Umwelt,

    - verbrauchen Ressourcen,

    - usw.

    Aus diesem Schulkomplex heraus, der übrigens dem christlichem Konzept der Erbsünde sehr verwandt ist, wird versucht, wieder etwas gut zu machen. "Wesensgemäße" Imkerei ist dazu ein Sündenerlass-Ritual. Ich persönlich halte diesen Begriff tatsächlich für einen religiösen Begriff und nicht für eine handwerkliche Methode, Bienen zu halten. All' die Definitionen laufen darauf hinaus, dass man entweder das Metaphysische hinter der Antropophosie aktzeptiert oder nicht, und das ist für mich keine sachliche Diskussion über das Wohl und Wehe der Bienen.

    Was mich aber am meisten stört, ist der Anspruch moralischer Überlegenheit, der mit diesem Begriff einhergeht. Jeder der nicht so imkert, muss ja "nicht wesensgemäß" arbeiten, oder? Es ist genau diese moralische Überheblichkeit, die ebenfalls ein Merkmal religiöser Gruppen ist. Die Antroposophie ist eine totalitäre Philosophie, dass sollte man nicht beschönigen. Sie nimmt für sich in Anspruch kraft metaphysischer Eingebung in fast allen Lebensbereichen "Recht zu haben". Das heißt nicht, dass jeder "Waldorfer" ein Fanatiker ist, aber es geht hier ja um Begriffe und Konzepte und da sollte man schon Klartext reden.

    Aus diesem Grund habe ich auch keinen Anlass, diesbezüglich tolerant zu sein. Warum sollte ich gegenüber einem, der mich aus religiösen Gründen implizit als Bienenquäler betrachtet, tolerant sein?

    Puh, dass war jetzt etwas emotional, was?

    Um die 15 Carnica Völker auf 2 Standorte verteilt: Bochum (Hohenheimer) und Schmallenberger Sauerland (Segeberger).
    Bisher DNM, aber im Umbau auf DNM 1,5.