Verteidigungsbereitschaft und Langlebigkeit

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    Liebe Imkerinnen und Imker,


    ich verlasse mal meine Ecke der stillen Mitleserschaft, um einen Gedanken zur Diskussion zu stellen. Er beruht auf einigen Prämissen, die teils eher anekdotisch evident sein mögen:

    • Immer wieder liest und hört man, dass ein zunehmendes Problem die kürzere Lebensdauer der einzelnen Bienen sei. Auch bei enormem Zuchtfortschritt, was Legeleistung der Königinnen anbelangt, seien die Kisten früher eher voller gewesen. In der Regel wird das als ein Hinweis auf das durch Monokulturen lückige Trachtband sowie die Belastung durch Pflanzenschutzmittel gesehen.

    • Zuweilen gibt es die Geschichte von Völkern, die relativ gut mit der Milbe klarkommen und auch sehr viel Honig heimbringen, dann aber doch leider umgeweiselt werden müssen, da sie Stecher seien.

    • Ein einzargiges Miniplus ohne Rauch und ohne Stich zu behandeln, ist keine Kunst, ist das Volk mal so richtig stark geworden, kann das durchaus anders sein.

    • Besonders gut stechen können die alten Tanten.


    So, jetzt mal meine Idee: Kann man den Zusammenhang Verteidigungsbereitschaft und Robustheit/Sammeleifer nicht auch andersherum lesen? Wenn ich langlebige Bienen habe, ist es dann nicht logischerweise eine Konsequenz, dass da auch mehr verteidigungsbereite alte Damen am Start sind?

    Andersrum: Wenn von den Völkern, die zwar gute Ergebnisse erzielen, dann aber als Stecher erscheinen, nicht vermehrt wird - geht dann die Zucht evtl. tendenziell in eine Richtung, in der eher die geringere Lebenserwartung favorisiert wird?


    Natürlich gibt es für verschiedene Effekte mehrere Faktoren. Umweltbedingungen mögen die Lebensdauer stärker beeinflussen als Genetik, Genetik wiederum die Stechlust stärker als die Langlebigkeit. An dieser Stelle aber wäre dann die Frage: Kann man das unterscheiden? Kann man sehen lernen, wann Bienen genetisch Stecher sind und wann (vorbehaltlich der Richtigkeit der Theorie) einfach nur besonders oft biestige alte Bienen vorhanden sind? Kann man Langlebigkeit erkennen, und wenn ja, wie? Oder gibt es Gründe, die dagegen sprechen, genetisch begründete Langlebigkeit anzunehmen? Oder muss man meine Prämissen in den Bereich der Imkermythen verweisen?


    Gespannte Grüße, Clemens

  • Mein kleiner Gedankenanstoß dazu:


    Langlebigkeit kann indirekt bestimmt werden, indem man die Brutflächen und die Volksstärke im zeitlichen Verlauf bestimmt (Liebefelder Schätzmethode). Natürlich muss man dabei auch andere Rahmenbedingungen und Beurteilungskriterien berücksichtigen.


    Grüße vom Apidät

  • Wenn ich langlebige Bienen habe, ist es dann nicht logischerweise eine Konsequenz, dass da auch mehr verteidigungsbereite alte Damen am Start sind?

    Die Frage ist, ob die Zahl der "Stecherinnen" ausschlaggeben ist. Wieviel stechlustige Bienen braucht es, um die Arbeit am Volk zu erschweren?

    Mir würde es reichen, wenn es 5 sind, mich müssen keine 100 anfallen.

    Auch bei enormem Zuchtfortschritt, was Legeleistung der Königinnen anbelangt, seien die Kisten früher eher voller gewesen.

    Früher war natürlich alles besser. Wie Karl Valentin wusste, sogar die Zukunft.

    Das Argument mit den Umweltbedingungen ließe sich leicht ausräumen, wenn man den Standort berücksichtigt.

    I never loose - either I win or I learn (Nelson Mandela)

  • Die Frage ist, ob die Zahl der "Stecherinnen" ausschlaggeben ist. Wieviel stechlustige Bienen braucht es, um die Arbeit am Volk zu erschweren?

    Mir würde es reichen, wenn es 5 sind, mich müssen keine 100 anfallen.


    Nach meiner Erfahrung reicht manchmal eine.... Wollte neulich 2 Ableger füttern. Mit Futtertrog. Also eigentlich ohne Bienenkontakt. Stand nicht vor sondern nur hintern den Beuten. Dachte ich brauch da keinen Schleier.
    Da war aber dann wieder diese eine Biene, die einem hartnäckig um die Nase schwirrt. Tonlage klang schon irgendwie angepisst. Bis dahin hatte ich nur den ersten Blechdeckel entfernt, keine Ahnung was bei der los war. Waren Königinnen Ableger. Beide waren bisher eher friedlich. Und bevor ich mir ein dickes Auge einfange, habe ich mir dann doch die Jacke mit Schleier angezogen...

  • Definiere "stechlustig" und Stecher. Das dürfte je nach Imker sehr unterschiedlich ausfallen.

    Tagesform, Wetterlage, Standort, Trachtbedingungen als Einflussfaktoren dürften schon eine, nicht zu unterschätzende, Rolle spielen. Völker, mit denen ich am Anfang imkern gelernt habe, kämen mir heute nicht mehr an die Stände.

  • Ich habe da eine einfache Regel: Bei gutem Bienenflug möchte ich jederzeit an den Bienen ohne Schutz arbeiten können. Etwas Rauch und dann möchte ich nur noch in die Finger gestochen werden (weil ich versehentlich eine Biene quetsche).

    Völker, bei denen das nicht geht, werden umgeweiselt.

    I never loose - either I win or I learn (Nelson Mandela)

  • Exakt, Rase. Denn auch wenn die Beantwortung evtl. weitere Fragen nach dem Wohin nach sich zieht, geht es mir erstmal echt um die theoretische Überlegung. Mir ist bewusst, dass es auch ziemlich ins Blaue rein überlegt ist, und dass bei solchen Überlegungen Positionierungen schwer fallen mögen, darum bitte ich auch um einen Diskurs jenseits von "aber verpestet unsere Umwelt nicht mit Stecherdrohnen", der durchaus auch mal Thesen bzw. Meinungen zur Sachlage zulässt, Spekulationen erlaubt.

    Und gerade um die Schwierigkeit der Definition von stechlustig bzw. Stecher geht es dann ja auch. Denn genau da könnte imkerliche Erfahrung antworten: Gesetzt den Fall, die These stimmt - kann man einen Unterschied feststellen zwischen Völkern, die aufgrund von Langlebigkeit öfter mal stechen und solchen, die das einfach so öfter mal machen? Worauf müsste man achten?

    Es sei zusätzlich noch angemerkt, dass zumindest nach Binder der Langlebigkeit auch durch guten Wärmehaushalt sowie gutes Versorgungsverhältnis Ammenbienen/Brut (sprich im Frühjahr relativ enges Schieden mit Thermoschieden) auch Vorschub geleistet werden könne.

  • Eine zwingende Korrelation zwischen Stechlust und Langlebigkeit bedingt, dass die "alten Tanten" stechlustiger sind. Da m.E. die Stechlust genetisch stark beeinflusst wird, kann man die Folgerung alte Bienen = stechlustiger nicht ziehen. Ich meine, generell friedliche Genetik am Stand zu haben, kann ohne Schleier und Handschuhe auch mal eine TBE machen. Die älteren Bienen, erkennbar am haarlosen Zustand, machen ihren (Sammel)Job wie eh und je.


    Die Genetik ist für mich das wirksamste Element - für nahezu alle Eigenschaften. Ich habe Kö's unterschiedlichster Züchter ausprobiert. Die (genet.) "Handschrift" kann ich durchaus an den Völkern wiedererkennen.


    Und bei den momentanen Favoriten gibt es natürlich auch Verteidigungsbereite, meist aber in Zeiten, wo sie gerne unter sich sind...

  • Bienen , die sich nicht an Brut oder Sammeln abgearbeitet haben , sind relaxxter.


    wenn du die Dadantbeute mit Normbeute oder Freudenstein-Beute vergleichst, wird klar das es einfach andere Verhältnisse und Bienen waren, die damals gehalten wurde.

    Die Bienendichte ist in den kleinen Volumina höher, was bei entsprechenden Trachten bzw Völkerstärken eher zur Schwarmlust führt.

  • Das heißt also bisher, dass eher an den Prämissen meiner Überlegung gezweifelt wird: Die alten Bienen stechen nicht unbedingt mehr, und früher waren auch einfach die Kisten kleiner und schienen so voller. Könnt ihr das bestätigen? Oder gibt es da abweichende Einschätzungen?