Ist Zucht auf Honig-Leistung sinnvoll ?

  • Lothar schrieb:
    Mit Auslese nach einer Biene mit guter Winterfestigkeit und guten
    Überwinterungseigenschaften ist uns meiner Meinung nach mehr
    geholfen. Mit Zucht auf Leistungseigenschaften kommen wir in der
    Imkerei zu Fortschritten!


    Was sind eigentlich Leistungseigenschaften bei der Honigbiene?
    Meine Frage: ist Zucht auf Honig-Leistung beim Wesen Biene überhaupt sinnvoll?
    Wo es bei den Kühen hinführte erlebten wir es. Hochleistungskühe sind krankheitsanfälliger (braucht vermehrt Medikamente = Rückstände im Fleisch) und sie sind nicht geeignet für einen Bergbauer. Das Fleisch ist von schlechterer Qualität.
    Denken wir bei den Bienen nur noch zu sehr an unsere Honigtöpfe, leidet dadurch die Gesundheit der Bienenvölker. Kennt die Natur auch eine Auslese auf grosse Honigleistung? Wer kennt sich da aus? Welcher Züchter hat sich darüber schon ernsthaft Gedanken gemacht?

  • Hallo Hanspeter,


    meiner Meinung nach kann man. Allerdings muss diese Zucht auf Honigleistung einher gehen mit anderen definierten Zuchtzielen, also Winterfestigkeit, Krankheitsresistenz, usw usw.
    Den Vergleich mit der „ Turbokuh „ trifft dahingehend nicht zu, dass man nur Gleiches mit Gleichem vergleichen kann. Die Kuh wurde gezielt nur auf Milchleistung gezüchtet und alle anderen Nebenerscheinungen wie Krankheitsanfälligkeit usw. wurden ignoriert bzw. tolerierend in Kauf genommen. Dazu kommt dann noch, dass unser Großvieh letztendlich aus einigen wenigen Exemplaren herausgezüchtet wurde. Bestimmte Pferderassen gehen z.B. auf weniger als 10 Stammeltern zurück.
    Dagegen gesehen ist der „Genpool“ der Honigbiene riesig; auch findet ein reger Austausch zwischen den einzelnen Abstammungen statt. Welcher Imker kommt nicht aus dem Urlaub mit einer Königin in der Zigarettenschachtel oder wenigstens einer neuen Adresse nach Hause ?
    Wenn wir uns bemühen, unsere Bienen nicht nur auf Honigleistung, sondern gleichzeitig auch auf andere Zuchtziele hin zu selektieren, sind wir erst am Anfang eines langen Weges.



    Grüsse


    M.

    Grüße an alle


    Michael



    -Denken ist wie googeln. Nur krasser-

  • Liebe Imkerkollegen,
    unter
    http://www.bienen.de/navigatio…ite=../wissen/zucht_oeko/
    bzw. zum download unter
    http://www.bienen.de/wissen/zucht_oeko/zuchttechnik_oeko.pdf
    findet sich der Aufsatz von Günter Friedmann und mir zum Thema "Zuchttechnik und Zuchtauslese in der Ökologischen Bienenhaltung", den ich gerne hier mit Euch diskutieren würde.
    Ich hatte den Eindruck, es würde zu der hier geäußerten Frage passen.


    Viele Grüße


    Michael Weiler

    „Der Mensch hat das Vermögen, sich den Naturgesetzen nicht zu fügen. Ob es Recht oder Unrecht ist, von diesem Vermögen Gebrauch zu machen: das ist der wichtigste, aber auch der unaufgeklärteste Punkt unserer Moral.“
    Maurice Maeterlinck „Das Leben der Bienen“, Jena 1906, 4. Auflage, S. 21

  • Mit Leistungseigenschaften meine ich nicht nur die Honigleistung, obwohl diese sich am einfachsten messen und vergleichen lässt. Andere Leistungseigenschaften halte ich da für wichtiger, da man sie als Grundlage der Honigleistung sehen kann. Auch halte ich einige Eigenschaften für wichtig, die das Imkern erleichtern. So sehe ich Sammelfleiss und Trachtfindigkeit, sparsamer Umgang mit Vorräten als Grundlage für die Honigleistung. Gute Überwinterung, angepasste Frühjahrsentwicklung und Schwarmträgheit erleichtern einen die Arbeit mit den Bienen. Sanftmut macht es zur Freude. Wenn dazu noch eine gewisse Robustheit und Gesundheit kommt, mache ich mir um die Farbe der Bienen keine Gedanken mehr. Klingt nach viel, was ich von einer Biene verlange, die in meinen Kästen fliegen darf/soll, aber ich bin ein eher fauler Mensch und möchte die Bienen auch genießen, das Hobby soll nicht überhand nehmen, man hat ja noch andere Dinge zu tun. Volle Honigtöpfe wünscht Lothar

    Solange Menschen denken, das Tiere nichts fühlen,
    müssen Tiere fühlen, das Menschen nicht denken.

  • Hallo Lothar,
    Hallo Hanspeter,


    wenn die Fragestellung gelautet hätte, ist Zucht auf Honigleistung allein sinnvollhätte ich mit einem klaren nein antworten müssen.
    Aber alle die Leistungseigenschaften, die du angesprochen hast, müssen gleichberechtigt daneben stehen. Sonst kommen wir irgendwann in die berühmte Sackgasse.
    Allerdings ist mir da bei der heutigen Züchtergeneration nicht bange, ganz egal, welche Abstammung sie züchterisch zu bearbeiten trachten.



    Grüsse aus Mettlach



    M.

    Grüße an alle


    Michael



    -Denken ist wie googeln. Nur krasser-

  • Hallo,


    ja so seh' ich es auch. Die Honigleistung ist ja eigentlich das Ergebnis der guten Eigenschaften einer Biene. Ohne ordentliche Winterfestigkeit und Frühjahrsentwicklung kann ein Volk keinen guten Honigertag bringen. Ein krankes Volk wir auch nicht so viel Sammelfreude bringen, wie ein gesundes. Dazu kommt noch die Langlebigkeit der Bienen in Relation zu der Fruchtbarkeit, wobei sich hier die beiden Faktoren in ihrer Wirkug ausgleichen, addieren oder subtrahieren können. Und was raus kommt ist die Honigleistung, also eine Summe der Eigenschaften des Volkes, wobei natürlich solch betriebstechnische Eigenschaften wie Wabensitz oder Sanftmut keine Rolle spielen.

    42

    ganz sicher

    nur nicht beim bee-space

  • Darf man die Zuchtkriterien Schwarmtrieb und Aggressivität bei der Völkerauswahl für die Zucht oder auch in der kleinen Hobbie-Imkerei z.B. zur Bildung von Brut-Ableger zu sehr unterdrücken?
    Der Schwarmtrieb ist ein natürlicher Vermehrungstrieb, welcher vom Volk ausgelebt werden will.
    Sind nicht gerade die unliebsamen Stecher unter den Völkern auch jene mit hoher Honigleistung. Ich stelle mir auch die Frage sind sehr sanftmütige Völker auch „sanftmütig" gegenüber Feinde wie Räuber, Wespen, Pilze, Bakterien und Viren, also abwehrträg oder krankheitsanfälliger?
    Umgekehrt können wir weder Schwarmteufel noch stechlustige Bienenvölker in der Imkerei brauchen
    Wäre hier wohl der Mittelweg anzustreben?
    Dazu noch eine andere Frage: Gäbe es die Varroa nicht, mit welchen Eigenschaften würde ein wildes (ohne imkerische Pflege) Volk am ehesten überleben?

  • Lieber Hanspeter,


    einige Beobachtungen im Bezug auf Schwärme geben mir immer zu denken, was deren Überlebensfähigkeit betrifft.
    Wir haben hier immer mal wieder Mai-Schwärme gehabt, die auf Leerrähmchen eingeschlagen wurden in einem ausreichend großen Raum (vergleichbar z.B. 7 Dadantwaben) und dann an einem Standort standen, auf dem gute Wirtschaftsvölker bis aus der Sommertracht gut Erträge brachten.
    Die Schwärme entwickelten sich meist gut, bauten die Rähmchen gut mit Waben aus, legten große Brutflächen an und waren Anfang August starke Völker.
    Eines fehlte aber im August: Ein ausreichender Honigvorrat.
    Die Frage daraus: fehlt solchen Völkern die Fähigkeit, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wabenbau, Brutentwicklung und Vorratsbildung zu erreichen? Oder weshalb dieser Zustand?
    Die Fähigkeit, dieses Verhältnis zu erreichen wäre eine Voraussetzung für Ihre gestellte Frage nach der Überlebensfähigkeit von "wilden" Völkern.
    Was wäre heute Zuchtziel in dieser Hinsicht?


    Viele Grüße


    Michael Weiler

    „Der Mensch hat das Vermögen, sich den Naturgesetzen nicht zu fügen. Ob es Recht oder Unrecht ist, von diesem Vermögen Gebrauch zu machen: das ist der wichtigste, aber auch der unaufgeklärteste Punkt unserer Moral.“
    Maurice Maeterlinck „Das Leben der Bienen“, Jena 1906, 4. Auflage, S. 21

  • Hallo Hanspeter,


    sind die Stecher vielleicht in der Honigleistung am besten, weil der Imker sie meistens in Ruhe läßt?? Eine ungestörte Entwicklung und damit Volksharmonie trägt immer zu besseren Ergebnissen bei. Eine Koppelung der Vererbungsmerkmale Honigleistung an Stechlust ist jedoch nicht vorhanden, es kommt aber eben vor,das auch ein stechlustiges Volk viel Honig einbringt, aber auch das Gegenteil habe ich beobachtet.


    Sehr interessant ist das Verhalten von Monticolabienen und deren Kombinationen. Sie wehren am Flugloch abgesetzte Varroamilben durch verbeißen ab und leisten so aktive Gegenwehr. Ansonsten gehören diese Völker aber zu den sanftmütigsten Vertretern der A. mellifera. Ganz sind diese Zusammenhänge jedoch noch nicht geklärt.

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    ganz sicher

    nur nicht beim bee-space

  • hallo an alle
    hallo reiner
    kannst du mir was zur Monticolabienen schreiben?
    z.b. verbreitungsgebiet ect.
    kenn ich nicht und hab auch noch nichts gelesen.
    gruß an alle peter sh

  • Hallo Peter.SH Monticola lebt in den Bergen zwischen Kenia und Tansania. Bekannt wurde sie dadurch, das Bruder Adam Versuche mit dieser Biene in Buckfast machte und sie in einige seiner Buckfastbienen-Linien einkreuzte. Die Buckfast-Anhänger können bestimmt mehr dazu sagen. Volle Honigtöpfe wünscht Lothar (habe dich neulich aus technischen Versehen beim Telegramm weggedrückt, war keine böse Absicht)

    Solange Menschen denken, das Tiere nichts fühlen,
    müssen Tiere fühlen, das Menschen nicht denken.

  • Ich auch bin der Meinung das die Honigleistung ist das Ergebniss der Eigenschaften der Bienen. Das gilt sowohl für ökologische als für konventionelle Bienenzucht.
    Honigleistung ist der Vektor in der Bienenzucht. Es gibt ja natürlich viele Zuchtkriterien, aber das wichtigste und alles entscheidende ist die Honigleistung.
    Der Vergleichung mit Kuh (Turbo-Kuh :D ) ist nicht korrekt. Die Betriebsweise ist ganz anders, weil die Biene ist mehr "naturabhängig". Auch als Organismus der Bienenvolk ist viel mehr kompliziert als eine Kuh (Entschuldigung, liebe Milcbauern :wink: ) Und natürlich auch "Genpool" wie hat schon Michael geschrieben.


    Hanspeter :"Sind nicht gerade die unliebsamen Stecher unter den Völkern auch jene mit hoher Honigleistung."
    Ich glaube nicht. Die Stechlustigkeit und Honigleistung haben kein Zusammenhang. Es gibt stechlustige Völker die bringen sehr gute Erträge und es sind sanftmütige Völker die können ebeso viel Honig sammeln. Wenn ich mich nicht irre, es ist auch wichenschaftlich bewiesen, das es besteht keine Korrelation.
    Die Agressivität von Monticola ist das Ergebnis von natürliche Selektion. In der Savanne jahrtausendeelang es war der einzige Weg sich zu behalten böse als Teufel sein, weil es war zu viele (Menchen, Tiere, Vögel) die wollten Honig billig haben. Damals es war noch kein Import von China :D


    Gutes Honigjahr für alle Deutsche Imker viel Spass beim imkern!
    Mit Grüssen aus Lettland
    Ainars

  • Wie Reiner schon schrieb:
    in etwa Honigleistung ist das Ergebnis der Eigenschaften der Biene!
    dem stimme ich komplett zu.
    Wenn Stechlustigkeit nicht verknüpft ist mit Honigleistung (als o.g Eigenschaften) sondern zufällig einhergeht damit, dann kann ich ja vor mich hin "mendeln".
    D.h: allein wegen der Stechlustigkeit so ein Volk NICHT von der Vermehrung ausschließen, wie von allen empfohlen, sondern gezielt deren Nachkommen für die weitere AUSLESE nutzen.
    Ich erzähle hier nichts Neues.
    Leider wird aber genau dieser Aspekt gerne Übersehen.
    Wenn getrennte Eigenschaften vorliegen, ist es doch die Aufgabe des Züchters, den positiven Eigenschaften eine "Chance" zu geben.
    Daher werde ich (auch) von meinen "Bösen" nachziehen, so sie den Winter überleben werden!
    Viele Grüße
    Erwin

  • Hallo Erwin, willst Du Dir das mit der Stechlustigkeit wirklich antun? Bei gleicher Honigleistung würde ich zur Nachzucht immer das sanftmütigere Volk bevorzugen. Mit sanften Bienen macht imkern einfach mehr Spaß, außerdem hat man ab und zu Nachbarn, mit denen nicht gut Kirschenessen ist. Stechlust ist nicht immer gleichzusetzen mit mehr Vitalität, auch wenn man das hin und wieder höhrt. Was glaubst Du, welche Völker besser gepflegt werden, die, die sich in Ruhe bearbeiten lassen, oder die, die ein "in die Büsche jagen"? Wenn Du mit Nachbarn wenig zu tun hast, kannst Du ja ruhig Stecher halten, so als "Wachhund" am Aussenstand, aber Du mußt auch bedenken, das Du für Deine Bienen verantwortlich bist, also auch für Schäden haftbar gemacht wirst. Dazu zählen auch Stiche! Als ich Kind war, gab es Stiche von Bienen meist in die Füße. Da hatte man selbst Schuld,warum lief man auch Barfuß durch die Wiesen? Heute sieht das anders aus, da wird gleich der nächste Imker verklagt ! Die Zeiten ändern sich, leider zum Schlechten.V.H.w. Lothar

    Solange Menschen denken, das Tiere nichts fühlen,
    müssen Tiere fühlen, das Menschen nicht denken.