Überwinterung auf Waldhonig oder Heidehonig

  • Hallo beisammen,


    in der Imkerliteratur wird immer darauf hingewiesen, daß unsere Bienen nicht auf Waldhonig oder Heidehonig überwintern sollen. Grund dafür sei der hohe Gehalt an "Ballaststoffen" in diesen Honigen. Erstaunlicherweise findet man diese Hinweise erst seit etwa 1930.


    Wie haben aber davor unsere Bienen die Winter überlebt?


    Waldtracht gibt es ja schon seit Jahrtausenden. Auch in der Heideimkerei wurde ja ein Viertel der Völker auf dem eingetragenen Honig überwintert. Andererseits sind unsere Winter ja seit längerer Zet immer weniger lang und hart. Es sollte also ein geringeres Problem sein, einen schönen Tag für den Reinigungsflug zu haben um in der Ruhe Zeit mal "was abzupumpen".


    Wer hat von euch schon - freiwillig oder auch nicht - Erfahrungen gemacht?


    Ist es nicht sogar möglich, dass wir unsere Bienen durch die Zuckerdiät die Fähigkeit aberzogen haben auf solchen Honigen zu überwintern?

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  • Hallo Reiner et all,


    laut Untersuchungen von Ruttner + ..? (muss ich nachgucken, ich habe das Büchlein zuhause) kann die Dunkle Biene, Apis mellifera mellifera, problemlos auf größeren Anteilen 'ballaststoffreichem' Honig wie Wald- und Heidehonig überwintern. Nachdem Anfang des letzten Jahrhunderts vermehrt andere Bienenrassen importiert wurden, denen diese Fähigkeit abgeht, nahmen natürlich die Probleme mit der Überwinterung auf diesen Honigen zu.


    Ich gucke gerne heute Abend mal die genaue Textstelle nach. :D


    Sonnige Grüße aus dem Rheinland (+ 12 °C)


    Hedwig
    Melli-Imkerin

  • Guten Abend


    die heute Nachmittag erwähnte Information zum Überwintern der A. mellifera mellifera findet sich in "The Dark European Honey Bee" von F. Ruttner, E. Milner, und J. E. Dews, herausgegeben von der BIBBA, der britischen Imker-Organisation, ISBN 0-905369-08-4 für alle, die's genau wissen wollen. Dieses Büchlein berichtet ausführlicher über die Mellis als das Kapitel in Ruttners "Naturgeschichte der Bienen".


    Ein britischer Großimker (R. O. B. Manley), der in den 20er und 30er Jahren Ligustica hielt, gab erstmals die Empfehlung, nach der Heidetracht Zucker zu füttern, um 'Durchfall' vorzubeugen, und beschrieb, dass die einheimische Dunkle an lange fluglose Phasen mit einer ballaststoffreichen Nahrung (Heidehonig) angepasst ist, während die fremdländischen Bienen eine ballaststofffreie Diat benötigen.


    Ist eigentlich ganz logisch, oder? A. m. m. hat sich im Laufe von Tausenden von Jahren an die vorherschenden Trachten angepasst: Wald- bzw. Heidehonig. Wie hätte sie überleben können, wenn sie das (leckere) Zeug nicht vertragen würde? :wink:


    Hedwig

  • Hallöchen,


    das mit der Mellifera ist mir bekannt. Wenn ich nun jedoch auf die Südrassen wie z.B die ganzen Balkanstämme (Carnica, Macedonica, Cecropia usw.) schaue, stelle ich fest, dass diese ebenso seit Jahrtausenden mit Waldtracht zu tun haben. Bis nach Nordgriechenland hin ist die Waldtracht auch heute noch ein bedeutender Faktor.


    In D war es ja Freudenstein der die Zuckerfütterung propagiert hat. Sein kleines Rähmchenmass hatte seinen Ursprung ja in dem Bestreben, möglichst den ganzen Honig aus dem Brutraum heraus zu bekommen. Seit dieser Zeit etwa kommt dann auch der Hinweis "Waldhonig ncht zu Überwinterung" .


    Deshalb meine Frage nach Erfahrungen. Es kann eigentlich nicht sein, dass unsere Bienen VON NATUR HER Waldhonig als Winterfutter nicht vertragen. Könnte das ein weiteres Zuchtziel sein?

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  • Hallo Reiner und alle,


    Carnica-Bienen auf reiner Waldtracht zu überwintern ist tödlich.
    Ich habe es vor 5 Jahren selber gesehen. Zwei Imker in unserem
    Gebiet kamen im Herbst ins Krankenhaus und haben die Bienen
    auf der Waldtracht überwintern lassen (richtig schöner schwarzer
    Honig).
    Alle Völker haben das Frühjahr nicht überlebt und sind an Ruhr
    eingegangen. Es sah grausam aus.
    Mein Tip:
    Sollte es während der Einfütterung noch Waldtracht geben - was auf
    jeden Fall vorkommen kann - immer mit kleinen Mengen (1,5 Liter
    Zuckerwasser) zwischenfüttern, damit der eingetragene Honig gemischt
    wird und im zeitigen Frühjahr Futterwaben tauschen.
    Man kann nur immer dazulernen.


    Eine gute Überwinterung wünscht Martin.

  • Hallo zusammen,


    unsere heutigen Bienen könnens nicht (mehr), weil seit der "Erfindung" der Zuckerfütterung in der Zucht auf diese Fähigkeit kein Wert gelegt wurde.
    Es gab andere Fähigkeiten und Eigenschaften, welche für den Menschen "wichtiger" waren als die Überwinterungsfähigkeit auf Waldhonig.
    Ohne den Züchtern (also eigentlich jeden) unter uns nahezutreten oder deren Leistungen schmälern zu wollen..
    das haben wir uns selber verbockt.
    So wichtig eine Auslese auf erwünschte Eigenschaften auch sein mag,
    es wäre überheblich, zu glauben, mit einer Auslese AUSSCHLIEßLICH auf bestimmte Zuchtziele täten wir der Bienenpopulation und uns einen Gefallen.
    Genau das ist aber in der Vergangenheit passiert.
    Der Mensch in seiner Beschränktheit erkennt halt nur einen Bruchteil der Zusammenhänge der Natur als solche.
    Eine Auslese geschieht aber immer nur anhand unseres aktuellen Kenntnisstandes und unserer Vorstellungen von einer "idealen" Biene.
    Daß die heutige Biene trotz ihres "Wildtiercharakters" in Europa ein von den Menschen geformtes Wesen ist, liegt nahe.
    Unter heutigen Gegebenheiten könnte die heutige Biene ohne menschliches Zutun gar nicht mehr in "freier Wildbahn" überleben.
    Daß ihr diese Eigenschaft (größtenteils) abhanden gekommen ist, liegt an uns, und jetzt gehts nicht mehr ohne uns, wie bei anderen Nutztieren auch.
    Das ist eine große Verantwortung und ich bin froh, daß es in diesem Forum Leute gibt, die sich dessen bewußt sind.
    Jetzt habe ich genügend philosophiert, aber im Winter habe ich halt dafür Zeit.
    Ich bin jedenfalls für jede Maßnahme, die unsere Bienen befähigt, mit möglichst wenig imkerliches Zutun zurechtzukommen.


    "Laß es dir von den Bienen sagen"

  • Erwin schrieb:

    Eine Auslese geschieht aber immer nur anhand unseres aktuellen Kenntnisstandes und unserer Vorstellungen von einer "idealen" Biene.
    Daß die heutige Biene trotz ihres "Wildtiercharakters" in Europa ein von den Menschen geformtes Wesen ist, liegt nahe.
    "Laß es dir von den Bienen sagen"


    Hallo Erwin,


    ich möchte noch hinzufügen, es wäre vielleicht nicht ein neues ZUCHTZIEL sondern eher ein weiteres ZUCHTMERKMAL.


    Mit meinen Kollegen versuchen wir eine Biene zu finden/selektieren, die eine extensive Haltung mit wenig Eingriffen bei guten wirtschaftlichen Erträgen ermöglicht. Ansätze dazu sind immer wieder sichtbar, es geht halt darum diese zu festigen. Die Bienen sagen uns schon wie sie es gerne haben wollen. Wir haben aber offensichtlich teilweise verlernt hinzuhören.


    Hat noch jemand Erfahrungen gemacht oder evtl. noch von Erfahrungen gehört aus der Zeit VOR der Einführung der Zuckerfütterung?

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    nur nicht beim bee-space

  • Hallo Hedwig,
    Deine Ausführungen sind plausiebel. Dennoch sollten wir die Veränderungen in Wald und Flur nicht außer acht lassen. Wo wir es heute mit Monokulturen zu tun haben, die von vielen Imkern gezielt angewandert werden, fand unsere heimische Biene vor einigen hundert Jahren noch eine traumhafte Trachtvielfalt vor. Der Wintervorrat setzte sich aus aus einer Nektarmischung zusammen, die in der Regel "keine" Probleme bereitete. Das galt sicher noch eher für die wirklich noch frei lebende Honigbiene.
    Heute sieht das in den meisten Landstrichen anderst aus. Monokulturen wohin das Auge blicket. Danach staubige Ackerlandschaften wenn keine Zwischenfrucht gesät wird.
    Wenn dann im Spätsommer Zementhonig in großen Mengen eingelagert wird, kann das in harten Wintern zum Problem werden.


    Also nicht nur die Biene, sondern auch die Trachtgrundlagen wurden extrem verändert. Die meisten unserer ökologischen Probleme sind von uns Menschen hausgemacht.


    Veränderungen lassen sich nur langsam dort erreichen, wo sich Naturfreunde finden, die mit sehr viel Energie und Überzeugungskraft gegen den Strom schwimmen.


    Herzliche Grüße aus dem nasskalten Goslar am Harz :wink:


    Harzbiene

  • Hallo miteinander,


    ich habe mit Interesse Euren Austausch über die Überwinterung auf Wald-/Heidehonig gelesen. So ein erfahrener Imker bin ich leider nicht.
     
    Folgendes ist mir bei Einwintern passiert: Ende August / Anfang September hatte ich etwa die Hälfte des Winterfutters (Zucker) eingefüttert, dann waren die Waben total voll. Ich habe denn nichts mehr eingefüttert. Eine Trachtquelle war nicht auszumachen und Wald gibts bei uns nicht. Es war allerdings ein dunkler Honig, der eingetragen wurde. Ich habe dann nichts mehr gemacht und bin nun gespannt, welche Überraschung ich im Frühjahr erlebe. Es wäre natürlich traurig, wenn ich die Völker (6) einbüßen würde.


    Besteht eventuell im Frühjahr noch ein Möglichkeit. (Waben raus, Honig rein -Futtertasche)??