Selektionskriterien bei der Zucht auf Varroaresistenz, Und/Oder Varroatolleranz.

  • Guten Abend zusammen.


    Ich interessiere mich für die praxisbezogenen selektionskriterien, zu diesem Thema.


    Das kontrollieren von SMR, und "recaping", ist in der Praxis doch recht aufwändig.


    HV und VSH, sind auch nicht einfach zu erkennen. (zu Recht, habe ich von "Panik VSH" gelesen.)


    Auch das untersuchen auf "grooming" (Milbenbeissen) braucht recht viel Zeit.


    Wie handhabt ihr dies in der Praxis?

    Auf was achtet ihr dabei genau.


    Mit bestem Dank, für Antworten.


    Lg sulz.

  • Hallo Sulz,


    wenn du ein Selektionskriterium auf Praxistauglichkeit prüfst, musst du immer Messaufwand, Risiko für das Bienenvolk und Aussagekraft deiner Untersuchung in Relation stellen.


    * Du kannst natürlich hingehen und einfach per Windeldiagnose/Puderzuckermethode/Alkoholauswaschung, den natürlichen Milbenfall deiner Völker protokollieren. Dies wurde über Jahre bereits praktiziert - leider mit geringem Zuchtfortschritt. (Daraus muss man folgern, dass die Aussagekraft sehr gering ist - Praxistauglichkeit????)


    * Ein anderes Beispiel für ein Messverfahren mit wenig Aufwand (und gleichzeitig extrem hoher Aussagekraft) ist der reine Überlebenstest (BOND Test). Du verzichtest komplett auf eine Varroabehandlung und schaust im Frühjahr nach, was noch lebt. Wenig Arbeit, sehr gute Aussagekraft - aber extrem hohes Risiko für deine Bienenvölker (und im Zweifel für die Bienen deiner Nachbarn) - Praxistauglichkeit???)


    * Etwas weniger Aufwand als z.B. eine Brutanalyse nach dem VSH/SMR Schema bedeutet der Nadeltest (oder auch das Einfrieren von Brutstücken mittels Trockeneis) und Auszählung des Ausräumverhaltens. Dieser Test ist unspezifischer, als die Analyse auf SMR Kennzeichen. Das kann ein Vorteil sein, weil ein solch unspezifisches Ausräumverhalten auch gegen andere Brutkrankheiten wie z.B. EFB, AFB oder Sackbrut wirkt. Da dieser Test aber eben nicht spezifisch ist, ist er für die Zucht auf Varroaresistenz allenfalls als Vortest geeignet. (Praxistauglichkeit??)


    * Die Untersuchung auf Grooming ist vermutlich auch nicht so aufwändig, wie die Brutuntersuchung auf SMR Verhalten. Auch hier gibt es durchaus Zuchterfolge, ich halte Grooming (insbesondere in Kombination mit verlängerten Brutpausen) durchaus für ein mögliches Standbein einer echten Varroaresisten. Hier kann ich die Aussagekraft nicht beurteilen, ich halte sie aber für höher, als die reine Befallsbeobachtung (Praxistauglichkeit??)


    * VSH/SMR mit oder ohne Recapping ist hoher Aufwand, oftmals erst im fortgeschrittenen Zuchtfortschritt zu beobachten (oder muss durch SDI freigestellt werden) liefert aber nach meiner Einschätzung das belastbarste Signal für eine gezielte Zuchtarbeit. Die Praxistauglichkeit ist deshalb derzeit unter den mir bekannten Verfahren am besten. Ich investiere lieber in ein insgesamt aufwändiges Mess und Zuchtverfahren und sehe dafür auch tatsächlich einen Zuchtfortschritt, als mangels Aussagekraft der Messung, weiterhin blind im Nebel herumzutasten. (Praxistauglichkeit?)


    Gruß
    Ludger


    p.s. um Überlebenstests wird man letzlich nie herumkommen, ich persönlich würde sie aber nur einsetzen, wenn ich aufgrund von Vortests das Risiko für meine Bienenvölker gesenkt habe.




    *

  • Vielen Dank Ludger, für diesen Beitrag.


    Mir kommt es vor, wie wenn du genau gewusst hast, was ich suche.

    Weitere Berichte und/oder Ergänzungen, sind mir aber trotzdem willkommen.


    lg Sulz.

  • Lieber Ludger Merkens !


    Da gibt es kaum was zu ergänzen...


    Klasse Zusammenfassung!

    :daumen:


    Vielleicht nur noch klarstellen, das der Nadeltest ein Hygienetest ist und leider wenig mit VSH oder SMR zu tun hat. Und der HYG-Test mit Verödung durch eiskalten Stickstoff ist nach meiner Meinung wenig aussagekräftig. Es ist kalte und abgestorbene Brut. Das packt nahezu jedes Volk. Auch unhygienische. Also weder für HYG, als auch für VSH und SMR nicht geeignet


    Weitere Anmerkung:


    Völker mit viel VSH sind zumindest bei mir auch sehr hoch im Hygienewert. Aber nicht umgekehrt!


    Mittels Nadeltest festgestellt ...

    :u_idea_bulb02:

    Grüße Luffi


    Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. :u_idea_bulb02:

    (Lucius Annaeus Seneca - römischer Politiker, Dichter und Philosoph - * 4 v.Chr, † 65)

  • Hallo Luffi,


    präzise - der Nadeltest ist ein reiner, unspezifischer Hygienetest - danke für die Klarstellung, falls das nicht so rübergekommen sein sollte.


    Genau deshalb, weil Völker mit viel VSH immer einen ordentlichen Hygienewert erreichen, kann man den Hygienetest als Vortest für VSH nutzen. Auch wenn man annehmen könnte, die Völker reagieren nur auf Varroa und räumen dann aus, zeigt die Erfahrung, dass eher gilt: "wenn die Völker schon im allgemeinen Hygienetest versagen, werden sie auch das Varroa spezifische Hygieneverhalten die VSH (varroa sensitive hygiene) nicht gut beherrschen." Man kann also mit dem Hygienetest schonmal eine ganze Reihe Völker aussortieren.


    Gruß
    Ludger

  • Das ist richtig!

    Voll einverstanden!


    Ich will das nur deswegen so thematisieren, weil mit diesem Hygienewert so viel falsche und irreführende Werbung gemacht wird.

    Da geht es nur um den Verkauf!


    Bis wir die Varroamilbe auf dem züchterischer Wege wirklich in den Griff kriegen wird es noch dauern. Wie lange?


    Bruder Adam brauchte 25 bis 30 Jahre - je nach Berechnung - bis 1947 um zu sagen: jetzt haben wir eine gesicherte Resistenz gegen die Tracheenmilbe.


    Wie lange arbeiten wie viele Wissenschaftler weltweit schon daran?

    :confused:

    Grüße Luffi


    Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. :u_idea_bulb02:

    (Lucius Annaeus Seneca - römischer Politiker, Dichter und Philosoph - * 4 v.Chr, † 65)

  • Mit einer Anmerkung. Dem Nadeltest wird nachgesagt, das nur eine Nadel an einer Zelle zum Einsatz kommen sollte und nach der Anwendung, vor der Wiederverwendung peinlichst gereinigt werden sollte. (hoch% Alkohol)


    Wie ich aus einigen Gesprächen über dieses Thema entnehmen konnte, zielt es dabei auf flüssige Reste der Bienenlarve ab, die an der Nadel anhaften. Bei einem erneutem Durchstich in eine verdeckelte Zelle, könnten die Flüssigkeitsreste an der Einstichstelle beim Einstechen abgestreift werden. Da Bienen ein sehr guten Geruchssinn haben, würden sie dies sofort aufspüren können, die Zellen ausräumen ohne diese speziell gesuchte hygienische Eigenschaft zu besitzen.

    Das wäre dann eine Art Konditionierung Geruch = tote Larve.


    Darum habe ich es persönlich in Ermangelung eines 50/100 poligen Stechapparates auch sein gelassen dort Nadeltests durchführen zu wollen.

    Ansonsten sehe ich das genauso wie die Vorposter als ein Indiz auf dem Weg, wenn man es denn ohne den angemerkten Seiteneffekt anwenden kann.

    Das macht es halt auch insgesamt so schwierig etwas einfaches und leichtes in der Anwendung zu haben, um zu entscheiden top oder flop.


    Liebe Grüße Bernd.

  • Hallo Bernd!

    Für das Anstechen mit der Nadel hat jemand ein Nadelkissen entwickelt.

    Es sind 50 Nadeln drauf. Wenn Du 100 Zellen anstechen willst, dann musst du eben 2 x stechen.

    Ich selbst habe 2 Nadelkissen, damit nicht das was du schreibst passiert:


    Die Bienen werden durch den "Larvensaft" auf die Zelle aufmerksam und räumen daraufhin aus.


    Ich nehme jeden Stempel nur 1 x und desinfiziere danach mit Alkohol (den Stempel... :wink:).

    Dann wird dieser Stempel trocknen lassen. In der Zwischenzeit nehme ich den 2. Stempel usw.

    Klappt ganz gut. Hatte den Prototypen in der eigenen Imkerei für den Entwickler getestet.


    Das Nadelkissen gibt es für 4,9 mm, 5,1 mm und 5,4 mm.


    http://www.pin-test.com


    Das schaut dann bei 5,1 mm Mittelwänden so aus:

    (Quelle: luffi)


    Die Homepage http://www.pin-test.com ist leider noch nicht online, soll aber die nächsten Tage online gestellt werden.


    Im Übrigen halte ich persönlich nicht viel vom Test mit Flüssigstickstoff oder eingepasster gefrorener Brut in eine Brutwabe. Diese Kälte wird von den Pflegebienen sofort als etwas wahrgenommen, was nicht passt.

    :u_idea_bulb02:

    Bilder

    Grüße Luffi


    Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. :u_idea_bulb02:

    (Lucius Annaeus Seneca - römischer Politiker, Dichter und Philosoph - * 4 v.Chr, † 65)

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  • Guten Abend Luffi.


    Danke für deinen Bericht.


    So wie ich dies verstanden habe, zeigt das Bild ein Volk eine 100% Ausräumrate, bei dem Hygienetest.


    Auf welches Kriterium, wird nun als nächstets getestet?


    lg Sulz.