Mütterliche Dominanz

  • Hallo Ihr Züchter,


    woher kommt die angebliche mütterliche Dominanz bei der Vererbung? Unter "www.buckfast.de" findet man in "Die Vermehrung und Zucht der Honigbiene" die Angabe von 62%. Wer hat das mal wie gemessen?
    Erst einmal ist das nicht nachvollziehbar: eine Jungweisel hat 50% ihrer Gene von der Mutter und 50% vom Vater. Oder ist mit der Dominanz die Vererbung neben den Chromosomen gemeint? Vom Menschen (allen Säugern?) ist z.B. bekannt, daß die Mitochondrien fast ausnahmslos von der Mutter übernommen werden.
    Vermutlich hat die obige Behauptung eine ganz andere Ursache. Eine Biene hat mehr weibliche als männliche Vorfahren, da Drohnen eben keine Väter haben. Bei vielen Generationen sind es 61,8% (der Grenzwert der Fibonacci-Reihe, er stimmt verblüffend mit den oben angegebenen 62% überein). Das hat aber nichts mit der Vererbung von Generation zu Generation zu tun.
    Mein Fazit: keine weibliche Dominanz bei der chromosomalen Verebung. Die Auswahl der Drohnen lohnt sich also.


    Viele Grüße, Thomas

  • Lieber Thomas,


    wissenschaftliche Erkenntnisse sind bei den Imkern leider meistens nicht erwünscht, deshalb behaupten so viele, um ihre private Religion bzw. Vereinsphilosophie aufrecht zu halten.


    Gruss Friedhelm

  • Hallo Thomas,


    wo habe ich das in unserer Homepage versteckt? Ich habs momentan nicht gefunden, peinlich, wo ich doch das eigentlich "manegen" sollte...


    Wie dem auch sei, das mit dieser Fibonacci-Reihe triffts und der Wert von 62% scheint einfach unwissenschaftlich aufgerundet zu sein. Du bist anscheinend mit der Materie vertraut, bei Armbruster gibts es das Ganze auf Bienen angewandt:


    http://www.fundp.ac.be/~jvandy…br/LA1919/part1112de.html

    42

    ganz sicher

    nur nicht beim bee-space

  • Hallo Reiner,


    unter dem Punkt "Zucht" hast Du das versteckt.
    Von Armbruster habe ich das auch her, nicht selbst entdeckt.
    Ich vermute eben nur, daß die Feststellung "62% der Vorfahren sind weiblich" zu der falschen Behauptung von der weiblichen Dominanz geführt haben. Das Erbgut, das der Drohn mitbringt (welches wiederum von seiner Mutter stammt) nimmt gleichberechtigt teil. Man muß sich von der Vorstellung lösen, daß "weibliches" oder "männliches" verebt werde. Für die Vererbung gibt es eben zwei gleichberechtigte _Wege_, den weiblichen und den männlichen. Die beiden Wege unterscheiden sich aber immens hinsichtliches des Selektionsdruckes, dem sie unterliegen: beim Männlichen herscht das "Alles oder Nichts-Prinzip" vor, während ein lebensfähiges Weibchen i.d.R. immer Nachkommen hat.


    Viele Grüße, Thomas


  • Hallo Thomas, Reiner und übrige interessierte Züchter,


    beim Stöbern im Forum ist mir hier die "mütterliche Dominanz" aufgefallen,
    die ich vor einiger Zeit schon in GOLZ' Manifest der Basiszucht fand
    ( http://basiszucht.uwboard.com/texte/basiszucht.htm ): 

    Zitat

    Die Basiszucht stützt sich nicht auf eine bestimmte Rasse. Unter der heutigen Zivilisation ist eine Vermischung der Bestände unvermeidlich. Die Basiszucht ist aber durchaus in der Lage, einen gewählten Typ zu erhalten. Das hat jahrzehntelange Praxis bewiesen. Darin erweist sich die mütterliche Dominanz.


    In der Vererbungslehre wird der Ausdruck "mütterliche Dominanz" meines Wissens überhaupt nicht gebraucht.
    Dafür aber zwei ähnliche Begriffe, nämlich


    1)
    die mütterliche Vererbung
    ,


    entweder
    - a) mit den Erbanlagen (Gene) auf den mütterlichen Geschlechtschromosomen 
    (zB. beim Menschen die X-chromosomale Vererbung der Bluter-Krankheit und der Rot-Grün-Sehschwäche).
    Da die Bienen keine Geschlechtschromosomen haben,
    ihre ca. zwei Dutzend Geschlechtsfaktoren sind auf verschiedenen Chromosomen verteilt ( http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-forschak/27058.html ),
    kommt diese Vererbungsart bei ihnen nicht vor.


    Oder
    - b) mit der schon von Thomas angesprochenen Vererbung über die mütterlichen Mitochondrien,
    die es auch bei der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung wohl im ganzen Tierreich und damit ebenso bei den Bienen gibt.
    Nach meinem Kenntnisstand codieren die mitochondrialen Gene nur für bestimmte Proteine (= Eiweiße) des Stoffwechsels; und das auch nur in Zusammenarbeit mit Zell-Produkten, die von den chromosomalen Erbanlagen stammen und in die Mitochondrien einwandern.
    Höchstens 5 % der in den Mitochondrien vorkommenden Eiweiße wurden auch hier gebildet; also:
    Nichts mit der 62-%-Dominanz ! 
    (NB: Dieser Erbgang folgt nicht den Mendelregeln.)

    2)
    der mütterliche Effekt,
    bei dem das Aussehen (= Phänotyp) der Tochtergeneration immer den Erbanlagen (= Genotyp) der Mutter entspricht.
     


    Schlammschnecken sind hier das Paradebeispiel:
    Mütter mit der Erbanlage für rechte Schalenwindung haben nur Nachkommen mit wieder Rechtswindung.
    Einem Teil dieser Rechtswinder-Nachkommen kann (nach den Mendel-Regeln) die Rechts-Erbanlage fehlen;
    diese sind dann (Rechts-)Mütter mit Links-Genen, alle ihre Kinder werden Linkswinder, auch wenn die Väter reinerbige Rechtswinder sind.
    (NB: Dieser Effekt ist kein Widerspruch zu Mendel.
    Erklärung: Die Windungsrichtung wird schon in der Mutter (in einem frühen Stadium der Eibildung) im Ei-Zell-Plasma festgelegt,
    also außerhalb des Ei-Zellkerns. Die Gene im Zellkern werden erst später nach der Befruchtung wirksam.)
     


    Bei der "mütterliche Dominanz" im Sinne von GOLZ
    (und evtl. anderen Autoren, bei "www.buckfast.de" finde ich die "mütterliche Dominanz" nicht,)
     
    könnte es sich durchaus um den mütterlichen Effekt handeln.
    Das dürfte aber schwer zu beweisen sein, denn die Eigenschaften seines in "jahrzehntelanger Praxis" aus-"gewählten Typs" werden sicher durch zahlreiche Gene bestimmt.
    Bei den Schnecken war dies einfacher, denn nur ein einziges (alleles) Genpaar ist an der Windungsrichtung beteiligt.


    Fazit:


    1) Bestätigung für die Ansicht von Thomas in seinen beiden Beiträgen oben
    (nur mit seinem letzten Satz kann ich nichts anfangen :cry::wink: )


    2) Es war gut, falls Reiner die "mütterliche Dominanz" inzwischen bei "www.buckfast.de" rausgenommem hat.


    3) Wolfgang Golz würde ich empfehlen, das Wort "Dominanz" durch "Effekt" zu ersetzen oder evtl. den letzten kleinen Satz im Zitat zu streichen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Frieder


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    Der Bienenstaat gleicht einem Zauberbrunnen;
    je mehr man daraus schöpft, desto reicher fließt er (K.v.Frisch)


    Es irrt der Mensch, solang er strebt (J.W.v.G.)