Gedanken zur Bienenzucht

  • Hallo,


    unter "Bienenrassen" wird ja zur Zeit heftig über Hybriden diskutiert. Ich möchte hier den Anstoß geben, einige Dinge zur Zucht klarzulegen. Vielleicht lassen sich auch Begriffe klären (Wobei es nicht auf das persönliche Verständis eines Begriffes ankomen sollte, sondern das in der Fachwelt herschende). Ich selbst bin kein Züchter, lese nur darüber.


    Mir scheint, daß ein Grund der heftiger Auseinandersetzungen zwischen Züchtern und Nichtzüchtern historisch gewachsen ist. Der Mensch züchtet seit der Jungsteinzeit. Die Individuen mit passenden Eigenschaften wurden vermehrt, die anderen eben nicht. Fremdes Erbgut wurde zufällig oder bewußt eingekreuzt. Nachdem Gregor Mendels (1822 - 1884) Erkenntnisse angewendet wurden konnten solche Methoden wie Rotationszucht, Heterosiszucht usw. entwickelt bzw. auf wissenschaftliche Basis gestellt werden.
    Nun scheint es so zu sein, daß diejenigen, die die "Hohe Schule" der Zucht betreiben auf diejenigen, die einfach nur selektieren, herabschauen und sie als "Nichtzüchter" bezeichnen.
    Ich möchte da beruhigen - jeder der seine Bienen gezielt nach bestimmten Gesichtspunkten ausliest und vermehrt betreibt Zucht (eben nach den Methoden von der Jungsteinzeit bis in das 18.Jh.)


    Viele Grüße, Thomas

  • Hallo, Thomas,
    meine Unterscheidung in "Profi" und "Hobby"-Züchter ist in gar keiner Weise abwertend gemeint!
    Ich möchte damit lediglich differenzieren, ob einer zwei-,dreihundert Zuchtköniginnen hat und deren Nachzucht beurteilen kann, bevor er entscheidet, von welchen er nachzieht, oder ob einer wie ich mit zZ. 12 Völkern vor der Frage steht, ob überhaupt, und wenn ja, von welchen er nachziehen soll.
    Eine Wertung liegt da nur in der Größe der Auswahl!
    Daß es für wirklich ernsthafte Zucht einer gewissen Mindestgröße bedarf, steht außer Frage, oder?
    Ich käme nie auf die Idee, mich als Züchter zu bezeichnen, bloß weil ich in den letzten Jahren selbst nachgezogen habe, denn dafür fehlt mir die statistische Basis...

    "Meet me in a land of hope and dreams"
    Bruce Springsteen

  • Hallo Sabine,


    die Mindestgröße, aus der ausgewählt wird, würde ich nicht so eng sehen. Selbstverständlich ist bei einer Auswahl aus einer großen Menge die Wahrscheinlichkeit für einen guten Treffer größer, jedoch hat die Sache auch einen Haken: Die neue Generation wird dann aus dem einen oder den wenigen ausgewählten Exemplaren gezogen, und zwar wieder eine große Anzahl. Damit einher geht eine genetische Verarmung (der Genpool wird auf wenige Exemplare eingeengt). Viele Züchter mit jeweils wenigen Völkern selektieren nicht so streng, haben damit eine breitere genetische Basis.
    Die genetische Verarmung moderner Hochzuchten zeigt sich ganz deutlich am Unterschied zu den Zuchtprodukten der klassischen Züchtung, den sogenannten Landsorten (bei Pflanzen) oder Landrassen. Letztere sind nicht so einheitlich wie die neuen Züchtungen (die eben nur auf ganz wenigen Exemplaren beruhen) jedoch bei Änderungen der Umweltbedingungen sehr anpassungsfähig. (Nicht umsonst griff Bruder Adam auf "wenig verzüchtete" Bienentypen zurück.)


    Grüße, Thomas


    <font size=-1>[ Diese Nachricht wurde geändert von: Thomas Hädrich am 2002-06-18 14:02 ]</font>

  • Hallo Thomas, liegt in der von Dir erwähnten Verarmung der Gene durch Auswahl weniger Zuchttiere nicht auch eine Ursache für bestimmte Krankheiten? Ich vermute einen Zusammenhang mit der Faulbrut bzw. häufigen Auftreten der Faulbrut in einigen Gegenden durch das Einschränken auf wenige Elterntiere. Ebenso sehe ich das bei der Nosema. Volle Honigtöpfe wünsht Lothar

    Solange Menschen denken, das Tiere nichts fühlen,
    müssen Tiere fühlen, das Menschen nicht denken.

  • Liebe Imkerfreunde,


    es freut mich zu lesen, daß die Landbienen über ein reichhaltigeres Genspektrum als die “Zuchtbienen” verfügen.


    Da mag es Unterschiede von Volk zu Volk und von Stand zu Stand geben. Für mich stellen sie gewissermaßen Genreservate dar, und in gewisser Weise auch “Zuchtmöglichkeiten” für Kleinimker durch Auslese.
    Da es ohnehin vielleicht nur noch Restpopulationen einiger Rassen im „Urzustand“ gibt, könnte ich mir als Nichtfachmann vorstellen, daß in den Landbienen ein Teil der einstigen Genvielfalt bewahrt werden könnte.
    Angesichts der in den Landbienen vorhandenen Genvielfalt glaube ich auch, daß sie beispielsweise hinsichtlich der Varroatoleranz zu weit mehr fähig sind, als die meisten es ihnen zutrauen möchten. Varroatoleranzeigenschaften könnten trotz des Gebrauchs chemischer Mittel parallel dazu ausgebildet worden sein. Sonst hätten bei Resistenzerscheinungen der Milben gegenüber diesen Mitteln die Völkerverluste bei oder nahe 100 % liegen müssen.


    Interessant finde ich schließlich, wie selbverständlich nun auch das Institut Hohenheim mit seinen Bienen in die Niederungen der Überlebensversuche hinabsteigt (-Überleben von Hohenheimer Bienenvölkern ohne Varroabehandlung- Klaus Hampel, Dr. Gerhard Liebig)! Ist das vielleicht der Sprung auf einen abfahrenden Zug?


    Gruß


    Baudach

  • Hallo Baudach, in der Landrasse sehe ich viel mehr vorhanden, als man Schlechtes über sie sagt. Leider gibt es bei uns keine Mellifera-beeinflusste Landbiene, zumindest ist mir keine bekannt. Die F1-Methode der Carnicazüchter hat da ganze Arbeit geleistet. Aber ohne den etwa 10%-Anteil der Landbiene an den heutigen Bienen wären diese schon längst ausgestorben. Sie besitzt nun einmal eine größere Robustheit und eine bessere Angepasstheit an unser Klima. Allein das spricht schon für Ihren Erhalt.Volle Honigtöpfe wünscht Lothar

    Solange Menschen denken, das Tiere nichts fühlen,
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  • Hallo Lothar und Baudach,


    so reizvoll der Gedanke des Bewahrens und Erhaltens von Populationen ist - es geht nicht. In der Natur gibt es nur Entwicklung, Stillstand bedeutet Tod. Jede Population entwickelt sich, entweder indem sie sich statischen Bedingungen besser anpaßt (spezialisiert) oder sich ändernden Bedingungen folgt. Die dunkle Biene von heute kann nicht mehr die von vor ein paar hundert Jahren sein. Die großen Eiche-Buchen-Wälder sind weg, Frühtrachten herrschen vor usw. Der "Erhalt" einer Art erfolgt meist nach den wenigen äußerlichen Merkmalen, die der Mensch wahrnehmen kann, die anderen ändern sich unbemerkt.
    Was ich mit der dunklen Biene machen würde? Ihr beim Überleben helfen indem ihr bei der Anpassung an unsere Kulturlandschaft einschließlich menschlicher Nähe geholfen wird. Ob man dabei ausschließlich mit den kleinen Restpopulationen arbeiten kann oder auf eine "Blutauffrischung" zurückgreifen muß, weiß ich nicht. Angst vor "Rasseunreinheit" hätte ich nicht, in der Natur gibt es nur in Ausnahmefällen strikte genetische Isolation.


    Viele Grüße, Thomas

  • Hallo Thomas, Die Arbeit und das Geld, das man in den letzten Jahrzehnten in die Zucht der Carnica gesteckt hat, hätte die vorhandene Landbiene bestimmt weit gebracht, egal wie sie aussah und wie sie sich zusammengesetz hatte. Auch die Nutzung der Frühtracht wäre ohne weiteres möglich gewesen. In einem alten Bienenbuch (von meinen "Imkergroßvater") las ich die Warnung, nur nicht von Frühbrüten nachzuziehen. Man setzte damals auf die Spättracht. Der Grund für die Abkehr von der "Nigra" zu den Carnica-Linien war wohl der größere Heterosiseffekt bei der Carnica mit Anpaarung der Landbiene. Leider ist sie durch die F1-Methode soweit verdrängt, das sie nur noch inden Genen "schlummert". Schade! Aber so haben wir die Möglichkeit, eine eigene Landbiene zu halten und zu züchten. Jeder nach seinen Gutdünken... Volle Honigtöpfe wünscht Lothar

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