"Honig" aus Fruchtsaft?

  • Dass Bienen in seltenen Fällen Saft von aufgeplatzten Kirschen sammeln habe ich schon früher gehört und seitdem auch hin und wieder überlegt, ob man auf die Art eine Spezialität herstellen könnte. Mich hat vor allem die Unsicherheit abgehalten, wie die Bienen die Fruchtsäuren und auch andere Inhaltsstoffe vertragen.

    Ich meine mich an das Lesen einer Veröffentlichung zu erinnern, wonach die meisten Fruchtsäuren für die Verdauung der Bienen nicht gut sind. Und wann gibt es geeignete frische Früchte? - zur Lindentracht, da haben die Bienen eh zu tun, oder danach, da drängen normalerweise Varroabehandlung und Wintervorbereitungen.


    Dieses Jahr, mit dem extrem frühen Ende der Linde, wäre eigentlich ideal für Versuche in der Richtung. Ich werde es nicht schaffen, bin aber sehr interessiert an euren Erfahrungen. Falls möglich, bitte nicht nur auf das Produkt in den Waben schauen, sondern auch vorher und nachher den Zustand des Brutnestes erfassen, um mögliche Auswirkungen auf die Brut zu erkennen.


    Viele Grüße,

    Robert

  • ...und wie definiert sich ein lebendes Pflanzenteil? Einen Puls haben Pflanzen nicht. Und wenn eine abgefallene Kirsche tot ist, wie kann dann ein Baum aus ihr werden? ;)

    Vermutlich werden sich die Puristen daran hochziehen und behaupten, ein Pflanzenteil lebe nur dann noch, wenn es mit der Mutterpflanze noch organisch verbunden sei. Ich sah schon aufgeplatzte Kirschen, die hingen nach wie vor am Baum...

    Sogar ein Kirschkern lebt sogar noch, wenn er in der Erde liegt, das Fruchtfleisch um ihn herum längst verfault ist. Sonst könnten daraus im nächsten Jahr (oder auch später) keine neuen Kirschbäume enstehen. Mir fiele auch nicht ein, die übrigen Früchte und Pflanzenbestandteile, die ich so konsumiere, als "tot" zu betrachten. Die Äpfel, Pflaumen, Kirschen, Gurken, Tomaten etc. leben alle noch, ganz schön sogar. Wenn ich in den Keller zu unseren Kartoffeln aus der Herbsternte gehe, sehe ich das mittlerweile sehr deutlich...

  • In dem Buch (Roman) "The Secret Life of Bees" wird beschrieben dass Bienen roten Honig produzieren, der extrem wertvoll ist. Dieser entsteht aus Holunderbeeren. Wenn die Bienen nichts anderes finden, dann zapfen sie deise an und lagern sie als Honig ein. Wusste ich vorher auch nicht, aber das vertraue ich der Schriftstellerin.

  • Ich habe noch nie Bienen an Holunderbeeren gesehen. Und ich habe noch nie aufgeplatzte Holunderbeeren am Strauch gesehen. Im Gegenteil, in den letzten Jahren waren die Beeren oft verschrumpelt. Desweiteren empfinde ich Holunderbeeren nicht als süß.

    Gibt es wirklich Fälle, in denen Honigbienen Holundersaft sammeln?


    Ich sehe sie immer nur an heruntergefallenen Birnen. Aber das dürfte eher akuter Eigenbedarf sein, kann mir nicht vorstellen, dass da genug bei rumkommt, um eingelagert zu werden.

  • Die genannte Quelle beschreibt eine Interpretation der alten HonigVO. Die aktuelle Fassung wurde zuletzt am 5.7.2017 geändert.

    Zugegeben: Ich habe mich mit dem Thema noch nicht eingehend befaßt. Aber ich lese das in der aktuellen Fassung nicht, was Dr. Schulz einschränkend schreibt, Honig dürfe nur aus Nektar oder Honigtau stammen.

    Ob Fruchtsafthonige die Mindestwerte nach Anlage 2 HonigVO einhalten (können), weiß ich nicht.

    Stimmt, da hast du Recht. Allerdings:

    Laut Abschnitt 2 wäre Honig aus "Sekreten lebender Pflanzenteile stammt" "Honigtauhonig". Ich kann mir kaum vorstellen, dass dies im Sinne des Gesetzgebers ist. Der Gesetzgeber hat das wohl kaum beachtet, sondern wahrscheinlich aus irgend nem anderen Grund miteingefügt... Weil wohl Honigtau auf auf Pflanzenteilen zurück zurückbleibt und sich vielleicht auch wohl oder übel auch mit Harz vermischt oder dergleichen.

    Auf alle Fälle wäre es bestimmt nicht in Ordnung solchen Honig als "Honigtauhonig" zu verkaufen, auch wenn es da ein Lücke im Gesetz gibt.

  • Auf alle Fälle wäre es bestimmt nicht in Ordnung solchen Honig als "Honigtauhonig" zu verkaufen, auch wenn es da ein Lücke im Gesetz gibt.

    Als Lücke im Gesetz würde ich es nicht betrachten. Falls Bienen z.B. wirklich mal von sich aus Saft aus aufgeplatzten Kirschen am Baum sammeln, dann ist das auch tatsächlich Honig. Die Bienen haben ihn von sich aus aus Pflanzensäften gemacht, die sie gefunden und für gut befunden haben.


    Wenn der Imker Kirschen presst und das verfüttert, dann wäre das etwas anderes. Und wie man im Endeffekt von außen betrachtet beide Fälle unterscheiden soll weiß ich auch nicht.


    Es wären ja theoretisch auch andere Fälle denkbar, z.B. Schäden an einem Zuckerahornbaum, wo die Bienen auslaufenden Saft aufnehmen.

    Hm, bei der Gelegenheit: welcher minimale Zuckergehalt ist eigentlich notwendig, damit Bienen sich dafür interessieren? Bei Blütennektar liegt der Zuckergehalt je nach Pflanzenart und natürlich Umgebungsbedingungen meines Wissens nach meist zwischen 20 und 70%.

    Für Süßkirschen habe ich zum Zuckergehalt eine Angabe von 14% gefunden. Ich schätze mal, hier in meiner Region wird der Zuckergehalt deutlich niedriger sein, vermutlich werden wir deshalb hier nie von Natur aus 'Kirschsafthonig' in den Waben finden.

  • Als Lücke im Gesetz würde ich es nicht betrachten. Falls Bienen z.B. wirklich mal von sich aus Saft aus aufgeplatzten Kirschen am Baum sammeln, dann ist das auch tatsächlich Honig. Die Bienen haben ihn von sich aus aus Pflanzensäften gemacht, die sie gefunden und für gut befunden haben.

    Es ist eben insofern eine Lücke, als dass wir feststellen müssen, dass roter, nach Kirsche riechender "Honig" eben in keiner Weise als "Honigtauhonig" zu verkaufen wäre... Und das wäre die Kategorie nach Abschnitt 2, in welcher solcher Honig fallen würde.

    Wir reden ja nicht davon, dass Bienen mal eben an einzelnen Kirschen rumsaugen, sondern wenn der Fruchtanteil so sehr überwiegt, dass die Sensorik Alarm schlägt. (Farbe, Geruch, etc..) Stichwort, wie unter #5 "roter Honig".


    Wenn der Imker Kirschen presst und das verfüttert, dann wäre das etwas anderes. Und wie man im Endeffekt von außen betrachtet beide Fälle unterscheiden soll weiß ich auch nicht.

    Hmm.. jetzt musst du mir mal eben erklären, weshalb es das eine mal in Ordnung ist und das andere Mal nicht? Es ist also in Ordnung, wenn die Kirschessigfliege Kirschen befallen, die Früchte platzen lassen und die Bienen dann den Fruchtsaft holen, aber Kirschen pressen und verfüttern nicht? Wäre es dann abermals in Ordnung, Bäume absichtlich von der Kirschessigfliege befallen zu lassen oder Hagelgebiete anzuwandern?

    Der Grat ist dünn...

  • Das mit der Kirschessigfliege kann ich noch nicht so recht glauben. Diese verdammten Ausgeburten des Teufels lassen die Früchte verderben, weil ihre Maden auch Mikroorganismen im Fruchtfleisch verteilen. Ich habe Kirschessigfliegen und ihre Teufelsbrut im Garten an verschiedenen Früchten entdeckt. Geplatzte Früchte habe ich nicht gesehen, weiche, verdorbene, gärig riechende schon. Deshalb doch "Essig", oder?


    Aber Kirschen sind auch früher schon am Baum geplatzt. Dazu reicht meines Wissens nach Regenwetter zur rechten Zeit, Osmose und so...


    Ja, Anwandern von Hagelgebieten (oder Plantagen, in denen eben viele Früchte durch Regen geplatzt sind) wäre in Ordnung. Das sind natürliche Vorgänge. Wenn die Bienen das tatsächlich attraktiv finden und sogar Überschuss sammeln, dann ist das normal. Dass man Tracht durch Anwandern nutzt ist auch ok.

    Was die Überlegung mit dem absichtlichen Befallenlassen durch Kirschessigfliegen angeht: das hat keinen Einfluss darauf, ob es Honig wird oder nicht. Wenn es dir gelänge, ein Waldstück zur Honigtauproduktion zu bringen, indem du zur richtigen Zeit die richtige Sorte Rindenläuse verteilst, dann ist der daraus entstehende Honig trotzdem vollkommen in Ordnung und rechtmäßig. Was das für die Bäume bedeutet ist eine andere Frage.


    Wer Kirschessigfliegen im großen Maßstab verbreitet würde allerdings riskieren, von mir gelyncht zu werden. Ich hasse die Viecher abgrundtief.


    Hm, theoretisch könnte man mit einer Art Schneekanone künstlichen Hagel erzeugen und die Kirschen im Baum beschießen (die Schäden am Baum würden das aber unwirtschaftlich machen) oder einfach die Kirschen durch Beregnung platzen lassen, und es sollte immernoch legitim sein, das Produkt der Bienen als Honig zu verkaufen. Wenn sie den Saft tatsächlich selber am Baum sammeln.


    Man darf nur keine eigenen Verarbeitungsschritte zwischenschalten, also keine Früchte auspressen und den Saft verfüttern. Darauf bezieht sich meiner Meinung nach die Passage mit den "lebenden Pflanzenteilen"...


    Alles IMHO... werde bei Gelegenheit mal Fachleute dazu befragen, das kann aber noch ein paar Monate dauern.

  • Wer solch einen Kirsc h-"Honig" einmal gekostet hat, der braucht über die Frage ob verkehrsfähig oder nicht eigentlich nicht mehr diskutieren.

    Schmeckt nicht und sieht sch... aus.


    Gruß Eisvogel

    Man tut was man kann, hieß es früher. Heute glauben alle sie müssen tun was sie nicht können. P. Sloterdijk

  • Wer solch einen Kirsc h-"Honig" einmal gekostet hat, der braucht über die Frage ob verkehrsfähig oder nicht eigentlich nicht mehr diskutieren.

    Schmeckt nicht und sieht sch... aus.


    Gruß Eisvogel

    Tja, so verschieden können die Geschmäcker sein. Mir hat das durchaus geschmeckt und die rote Farbe finde ich noch interessant.


    Grüsse, Robert

  • Ich kann mir kaum vorstellen, dass dies im Sinne des Gesetzgebers ist. Der Gesetzgeber hat das wohl kaum beachtet, sondern wahrscheinlich aus irgend nem anderen Grund miteingefügt... Weil wohl Honigtau auf auf Pflanzenteilen zurück zurückbleibt und sich vielleicht auch wohl oder übel auch mit Harz vermischt oder dergleichen.


    Hm, dass Du Dir das kaum vorstellen kannst, ist aber nun auch hier nicht das Argument, jetzt ein Versehen in der damaligen Gesetzeslücke gefunden haben zu wollen.


    Der Gesetzgeber hat das so mitangefügt, weil auch Pflanzensäfte etc. als Trachtquelle dienen können, wenn auch selten,

    und Honigtau, der auf Pflanzenteilen zurückbleibt, ist immer noch Honigtau und kommt aus den Produzenten desselben. Dazu ist sogar die gesonderte Formulierung "... oder sich auf den lebenden Pflanzenteilen befindende Exkrete von an Pflanzen saugenden Insekten..."

    man muss den Rest dieser Beschreibung dann aber auch noch mit Hinzunehmen.


    Es heißt original:


    "Honig ist der natursüße Stoff, der von Honigbienen erzeugt wird, indem die Bienen Nektar von Pflanzen oder Sekrete lebender Pflanzenteile oder sich auf den lebenden Pflanzenteilen befindende Exkrete von an Pflanzen saugenden Insekten aufnehmen, durch Kombination mit eigenen spezifischen Stoffen umwandeln, einlagern, dehydratisieren und in den Waben des Bienenstocks speichern und reifen lassen.

    Honig besteht im Wesentlichen aus verschiedenen Zuckerarten, insbesondere aus Fructose und Glucose, sowie aus organischen Säuren, Enzymen und beim Nektarsammeln aufgenommenen festen Partikeln. Die Farbe des Honigs reicht von nahezu farblos bis dunkelbraun. Er kann von flüssiger, dickflüssiger oder teilweise bis durchgehend kristalliner Beschaffenheit sein. Die Unterschiede in Geschmack und Aroma werden von der jeweiligen botanischen Herkunft bestimmt."

    Tja,

    ich finde das sehr eindeutig ein "Ja"

    Auch wenn es ungewöhnlich ist.


    Das Endprodukt wird ungewöhnlich an Farbe und Geschmack, es ist selten, dass so etwas vorkommt.

    Der Kunde erwartet so etwas nicht, wenn er "Honig kaufen" geht. Das muss man ihm mitteilen.

    Es ist keine Täuschung und Honig ist keine Fehlbezeichnung, es wird ein entsprechender Anteil darin sein, aber es wird ja nun kein "Sortenhonig" vermutlich.


    Aufklärung, passende Bezeichung, Verkauf möglich.


    Wer das mit seinem Ehrgefühl und Gewissen nicht in Einklang bringen möchte, der verfüttert das oder setzt eben Met an

    "Wer die Leidenschaft als Jugendsünde abtut, degradiert die Vernunft zur Alterserscheinung".
    Hans Kasper