Diagnosehilfe - tote Völker

  • Es ist nicht ein Problem fehlender imkerlicher Intelligenz, sondern mangenden Fachwissens und oft unbegründeter Skepsis.

    Beispiel: Kirchhain sieht nicht umsonst bei der Varroa-Befallsdiagnose im Juni vor, die Windeln 3 Wochen lang auszuzählen. Andere - die sich viel auf ihre Fachkenntnisse einbilden, abweichende Meinungen gerne überschäumend abkanzeln und Geld mit Informations-, Aus- und Fortbildungsveranstaltungen verdienen, propagieren mit unglaublichem Selbstbewußtsein Momentaufnahmen aus 3-tägiger Auszählung nicht nur als völlig ausreichend und definieren dazu Schadschwellen unter Verweis auf jahrelange Forschung. Die raten sogar von längerfristigen Auszählintervallen ab, weil angeblich Ameisen, Ohrkneifer u.a. sonst auf den Geschmack toter Milben auf der Windel kommen und Zählergebnisse schönen würden. Solche Schönung habe ich trotz engmaschiger Zählungen (bis zu 4 x täglich) und Auslegen von geometrischen Varroaleichen-Zählmustern nicht ein einziges mal feststellen können.

  • mein Opa hat morgens und abends seine Rindviecher gezählt, aber nicht wieviel Fliegen drauf sind. Wenn man genug über Kunstschwärme oder anderen brutfreien Startern vermehrt und für brutfreie Zeiten (zum Behandeln) auch im Sommer sorgt, spart man sich die Zählerei. Nur ca 1/3 der Völker haben Gitterböden - das reicht mir als Stichprobe alle 1-2 Wochen.

  • Ich habe die Vermutung, dass das Zählen selbst schon das Problem ist. Genauer: Dass man im Sommer die Behandlung vom vermeintlichen Befallsgrad abhängig macht. Der ist durch die Gemüllkontrolle nicht verlässlich zu ermitteln, bzw. nur mit Rücksicht auf die Brutentwicklung. Die Sommerbehandlung mache ich befallsunabhängig. Gezählt wird erst im Spätherbst


    Wolfgang

    I never loose - either I win or I learn (Nelson Mandela)

  • Das mit dem Zählen seh ich ähnlich. Das wiegt zu oft in falscher Sicherheit. Dazu kommt eine Grundverwirrung ob der vielen lauten Internet- u. Geltungsimker, Unsicherheit durch fehlende gute Konzepte (die ja da sind, bloß für den Anfänge nicht so leicht zu erkennen, bzw. von den anderen zu unterscheiden). Ich unterstelle niemandem etwas Böses, aber das sind so Themen wo man sich mit Meinung ohne Wissen vielleicht etwas zurückhaltender verhalten sollte. Das tötet nämlich im echten Leben echte Völker.


    Beste Grüße,

    Ralf

    Imkern im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und resignativer Reife

  • Ich habe die Vermutung, dass das Zählen selbst schon das Problem ist. Genauer: Dass man im Sommer die Behandlung vom vermeintlichen Befallsgrad abhängig macht. Der ist durch die Gemüllkontrolle nicht verlässlich zu ermitteln, bzw. nur mit Rücksicht auf die Brutentwicklung. Die Sommerbehandlung mache ich befallsunabhängig. Gezählt wird erst im Spätherbst


    Wolfgang

    DAS kann ich genauso bestätigen. Ich habe es so gemacht, also schön immer wieder Milbenzählen im Juli / August und - da nach Gemüllkontrolle alles in Ordnung schien- auf die Sommerbehandlung verzichtet. Fatale Fehlentscheidung, denn als Anfängerin konnte ich mangels Kenntnis und Erfahrung den Befall gar nicht in Bezug zur Brutentwicklung setzen. Der erhöhte Milbenbefall ÜBER der Schadschwelle kam dann bei einem Jungvolk Ende August , sowie beim anderen im November ( # Starker Totenfall im November ). Anfängerglück sei Dank : beide haben ausgewintert - bis jetzt .

    In Zukunft für mich nur noch : Behandlung sofort im Juli. Den Stress mit Hangen und Bangen den ganzen Winter über brauche ich nicht mehr .


  • In Zukunft für mich nur noch : Behandlung sofort im Juli.

    Deshalb haben viele Gebietskörperschaften die Behandlungspflicht eingeführt, die Ausnahmen nur auf begründeten Antrag (bspw. für Toleranzzucht) zuläßt. Leider fühlen sich einige Bienenhalter dadurch bevormundet und strafen ihre rechtlichen Pflichten mit Nichtachtung - manchmal schon aus Prinzip, oft aber auch nur aus Ignoranz. Leidtragende sind zuallererst die Bienen.

    Viele dieser Allgemeinverfügungen zur Behandlungspflicht sind veraltet bzw. hinsichtlich der zwingend vorgeschriebenen Behandlungsart viel zu eng gefaßt, auch hier. Aber diese Probleme kann man mit Sachkenntnis, Augenmaß und Auslegung lösen, nicht durch Ignoranz.

  • Na ja, es werden ja immer wieder sog. befallsabhängige Konzepte in den einschlägigen Medien verbreitet...Erst messen und abhängig vom Befall handeln oder auch nicht.


    Nur muss man dann den Befall auch methodisch korrekt ermitteln. Das geht nur mit direkter Bienenkontrolle (Puderzucker oder CO2) plus Brut öffnen und deren Befall ermitteln und dann hochrechnen auf die gesamte Brut.


    Macht keiner, zuviel Aufwand; geht bei 3 Völkern aber nicht bei 30 und somit ist die Basis für das "befallsabhängige Konzept" nicht gegeben.


    Im übrigen erfährt man dann auch nur eine Momentaufnahme mit begrenzter Aussagekraft. Es zeigt sich, dass nebeneinander stehende Einheiten völlig unterschiedlichen Befall haben; man kann keine Analogschlüsse ziehen aus Stichproben.


    Ein Konzept mit gezielter Brutfreiheit so früh wie möglich nach der letzten Honigernte und entsprechender sofortiger Behandlung mit exakt einschätzbarer Dosierung dürfte wohl die vielversprechendste Methodik sein.


    Und nicht zu vergessen - Winterbehandlung ist auch (meist) Behandlung bei Brutfreiheit.


    Und das mal über Jahre konsequent durchhalten...


    Beste Grüße


    Rainer

  • Man muss sich auch die Dynamik der Entwicklung von Bienen, Brut und Milben im Hinterkopf behalten: Zuerst brüten die Bienen den Milben davon. Diese ziehen aber durchaus mit. Ab Ende Juni gehen die Bienenmasse und vor allem die Anzahl der Brutzellen zurück, während sich die Milbe (weiterhin!) exponentiell vermehrt. Ende Juli oder spätestens August stellt man dann völlig überrascht fest, dass der bisherige Eindruck komplett getäuscht hat.


    Ich verweise wieder einmal auf die Website des VDRB, die auch einen Online-Imkerkurs beinhaltet: http://www.bienen.ch/de/bildung-wissen/imkerkurs-online.html


    Im Video «Varroa unter Kontrolle» wird unter Punkt 2.6 anhand einer anschaulichen Graphik gezeigt, weshalb nicht wenige Imker im Spätsommer immer wieder eine böse Überraschung erleben. Wer diese Entwicklung im Hinterkopf hat, kann sich leicht selbst ausrechnen, wie wichtig ein möglichst radikaler Schnitt in der Milbenentwicklung spätestens im Juli ist – gezählte Milben hin oder her.

    «Wer heute die Dunkle Biene, die Carnica oder die Buckfast will, findet dieselbe Ausgangslange vor: Allein intensives Züchten und gepflegte Belegstationen entscheiden darüber, ob sich die gewünschte Rasse halten, bzw. erhalten lässt. Der Unterlassungsfall nennt sich Swissmix, hat alle erdenklichen Eigenschaften und ist vor dem Anspruch der Biodiversität wertlos» (aus: mellifera.ch-Magazin, April 2018, S. 10).

  • Also dieses "Konzept" bitte ganz schnell vergessen!

    So bringt man höchstens ewig schwächelnde Pflegefälle über die Jahre.

    Link ist tot, den hier meinte ich:

    Richtig gruselig wird es auf Seite 21.

    Da wird doch allen ernstes vom besten Verfahren, die Milbe zu bekämpfen abgeraten u.a. mit der Begründung: "fehlende Daten zur Herstellung und Haltbarkeit der Kapseln/Tabletten" :confused: Wie lange halten sich OS Tabletten frisch :confused:

    Sogar vom OS sprühen raten sie ab, weil es angeblich gegenüber der Träufelmethode keinen Vorteil hätte :confused:

    Statt dessen soll man seine Völker mit AS schwächen z.B. mit Schwammtuch oder wenn das nicht ausreichend war gar Perizin verwenden...

    Also wie gesagt, ganz schnell vergessen.

    Das hier ist ein gutes Konzept :thumbup: :

    Danke Rainer :p_flower01:

  • Hallo Rainer!


    Das mit den befallsabhängigen Konzepten funktioniert wunderbar. Unter folgenden Voraussetzungen:


    Das beste ist Zellen öffnen und den Befall zählen, dazu Alkoholauswasch-/CO2-/Puderzucker-Methode, um die phoretischen Milben auch zu wissen. Je nach Jahreszeit gibt es Schadschwellen!


    Wenn man keine Brut öffnet und damit den Befall in den Zellen nicht feststellt, dann meine ich, dass die Feststellung der phoretischen Milben mit Alkohol, Puderzucker oder CO2 unumgänglich ist.


    Nach meiner Erfahrung mit 70 kontrollierten eingewinterten Einheiten wird es ab einer phoretischen Milbenbelastung von über 1 % kritisch. Ab diesem Wert sind die tatsächlichen Befallswerte nicht mehr zuverlässig. So sind z.B. schon bei 1,2 % phoretischen Milbenbefall laut CO2-Methode bis zu 10 % Milben im Volk, vor allem natürlich unentdeckt in der Bienenbrut. Oft aber auch nur 5% Milben. Ab dieser Schadschwelle von 1 % phoretischen Befall lt. CO2-Methode behandle ich die Völker mit einer Blockbehandlung.


    Ab 3 % phoretischen Befall können bis zu 20 % Milben in den Völkern sein, bei über 5% sind es dann schon auch mal mehr und es empfiehlt sich eine sofortige Brutentnahme! Alles andere kommt Ende August zu spät!


    Also befallsabhängig funktioniert bei mir sehr gut und ich habe keine 5 % Winterverluste. Wenn man 2 weisellose und eine umgeweiselte wohl unbegattete Königin mit dazu zählt. Aber da mache ich kurzen Prozess. Was will ich um die Zeit viel herum experimentieren? Es findet sich in jeder Imkerei ein Schwächling, den man verstärken kann.


    Aber dazu sollte man natürlich sicher sein, ob ein Volk weisellos ist oder nicht.


    Wichtig ist es bei dieser befallsabhängigen Betriebsweise, dass man die Augen offen hat und sich nicht scheut, dann, wenn es keinen Spaß mehr macht zu imkern im August, September und Oktober trotzdem an die Völker zu gehen und zu zählen, was an Varroamilben da ist.


    Dazu muss man als Imker(in) den inneren Schweinehund auch immer wieder überwinden.

    Nicht nur Honig ernten!

    Und keine Ausreden!

    Die Völker danken es einem!

    Mit guter Überwinterung und damit guter Vitalität!


    Und weil ich nicht winterbehandelt habe, werde ich auch bald wieder mit dem Zählen der Varroamilben anfangen müssen. Viele scheuen sich davor, dies zu machen, weil es einfacher ist etwas mit AS/OS oder was weiß ich zu unternehmen. Aber dabei übersieht man die Perlen, die jeder Imker hat und die es vielleicht schaffen mit der Varroamilbe umzugehen, ohne Behandlung!


    Nur so meine Anmerkungen...

    :wink:

    Grüße Luffi


    Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. :u_idea_bulb02:

    (Lucius Annaeus Seneca - römischer Politiker, Dichter und Philosoph - * 4 v.Chr, † 65)

    Einmal editiert, zuletzt von luffi ()

  • Danke für Deine Kommentare. Wenn man es so macht, wie Du es schilderst, bekommt man einen Überblick!


    Ich gebe zu, dass ich das entsprechend intensiv nicht mache und würde annehmen, dass die Meisten es so nicht machen (Zeitgründe, Aufwand usw.). Als Züchter bist Du "dichter dran", kannst vieles besser deuten als unsereiner, der ganz gut zurecht kommt. Dennoch - nochmals danke für die Anregung :thumbup:.


    Was aber in die Irre führt, und das meinte ich mit den genannten Empfehlungen, ist Abwarten, wenn die sog. Windel im Juli wenig zeigt. Da wiegen sich viele in Sicherheit und Ende Sept. kommt das Dilemma zutage.


    Wer also nicht komplett auszählt (Brut und phoretische Milben), sollte m. E. ein bewährtes Schema nutzen.


    Beste Grüße


    Rainer


  • Du hast 12 Standorte mit je 5 Völker ? 8|

    Oder habe ich das falsch verstanden ?