Carbendazim in der Frühtracht

  • Fast ein Jahr nachdem die Probe gezogen wurde, liegt mir jetzt der Prüfbericht des Labors vor.

    In der Honigprobe wurden zwei Pestizide gefunden:


    1. Acetamiprid (0,028 mg/kg)

    Das ist ein Neonicotinoid, das u.a. im Raps zum Einsatz kommt. Das wäre also erklärlich.


    2. Carbendazim (0,009 mg/kg)

    Das ist ein Fungizid, das nach meinen Recherchen in Deutschland nicht mehr zugelassen ist.

    Der einzige verwertbare Hinweis, den ich gefunden habe, ist, dass es in Silikondichtstoffen als Pilzhemmer eingesetzt wird.

    Kann das in den Dichtungen der TO-Deckel sein?

    Wäre das Ergebnis eine Meldung ans Landwirtschaftsamt wert?


    Ergebnis: Ich darf den Honig nicht als Biohonig verkaufen. Das betrifft mehr als die Hälfte der Jahresernte (die Sommerernte war dieses Jahr sehr mäßig).


    Eine Frage an die Bioimker: Hattet Ihr auch schon Rückstandsanalysen mit solchen Folgen?

    Die Zertifizierer halten das offensichtlich sehr unterschiedlich. Das war mein drittes Jahr, im den ich zertifiziert bin, und das erste mit einer Rückstandsuntersuchung.


    Es handelte sich übrigens um Presshonig. Das dürfte sich auf den Anteil an (lipophilem) Carbendazim ausgewirkt haben.


    Wolfgang

    I never loose - either I win or I learn (Nelson Mandela)

  • Wenn das aus dem Deckel käme, das wäre ja der Hammer. Dann wären jede Menge anderer Biolebensmittel aber auch betroffen, denn die große Masse dieser Deckel dürfte schließlich nicht in den Imkereien landen, sondern im sonstigen Lebensmittelbereich unterkommen.


    Kannst ja von Glück sagen, dass die Probe so lange gedauert hat - echt, 1 Jahr?!? Ist das normal? In der Zeit dürften die meisten Imker schon den Großteil oder alles verkauft haben. Was sollen solche Proben dann eigentlich bringen, mit 1 Jahr Verzögerung?


    Gruß

    hornet

  • Es handelte sich übrigens um Presshonig. Das dürfte sich auf den Anteil an (lipophilem) Carbendazim ausgewirkt haben.

    Hm, das scheint nicht so einfach zu sein.


    1. Acetamiprid ist schwer wasser-, aber gut fettlöslich.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Acetamiprid

    Bei Boscalid ist der Unterschied vergleichsweise noch 100x extremer:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Boscalid

    Trotzdem fanden sich 2014 in einer mir bekannten Honiganalyse (Schleuderhonig) 4 mikro g/kg, im Wachs dagegen: keine detektierbaren Rückstände an Boscalid (< Bestimmungsgrenze, die bei 0,5 mg/kg liegt)!

    2. Carbendazim wird sogar als "nahezu unlöslich in Wasser" angegeben. Die Fettlöslichkeit dagegen ist sehr viel besser:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Carbendazim


    => Auf jeden Fall würde eine Rückstandsuntersuchung auch des Wachses, insbesondere des zur imkerlichen Wiederverwendung vorgesehenen Wachses, nähere Anhaltspunkte, aber auch ggf. entsprechende Konsequenzen für imkerliche Entscheidungen bringen.

    Sofern eine Wachsanalyse durchgeführt wird, wäre deren Ergebnismitteilung hier sehr zu wünschen.

  • Carbendazim wird sogar als "nahezu unlöslich in Wasser" angegeben. Die Fettlöslichkeit dagegen ist sehr viel besser:

    Ja eben. Was dafür spräche, dass es im Pollen eher vorkommt als im Honig und der Pollenantei ist in Presshonig ein Mehrfaches höher als in Schleuderhonig.


    Der Honig war Frühtracht 2016.
    Ich sehe gerade in der Zulassungsliste des BVL, dass es zwei Mittel gab, die Carbendazim enthielten

    1. Aagrano UW 2000 - Widerruf der Zulassung: 30.11.2014 - Ende der Aufbrauchsfrist: 30.11.2014

    2. HARVESAN - Widerruf der Zulassung: 30.09.2013 - Ende der Aufbrauchsfrist: 30.03.2015


    Bei beiden Mittel endete die Aufbrauchsfrist also vor einem möglichen Einsatz für die betreffende Tracht. Hatte da noch jemand Restbestände?


    Wolfgang

    I never loose - either I win or I learn (Nelson Mandela)


  • ...Zulassungsliste des BVL, dass es zwei Mittel gab, die Carbendazim enthielten

    1. Aagrano UW 2000 - Widerruf der Zulassung: 30.11.2014 - Ende der Aufbrauchsfrist: 30.11.2014

    2. HARVESAN - Widerruf der Zulassung: 30.09.2013 - Ende der Aufbrauchsfrist: 30.03.2015


    Bei beiden Mittel endete die Aufbrauchsfrist also vor einem möglichen Einsatz für die betreffende Tracht. Hatte da noch jemand Restbestände?

    Wenn es wirklich nur diese beiden Mittel gab, reicht das auf alle Fälle für einen Anfangsverdacht im juristischen Sinne -> für eine Strafanzeige oder sogar Strafantrag gegen Unbekannt mit dem ausdrücklichen Antrag, die Spritzdokumentationen aller LW-Betriebe des Flugkreises der betreffenden Völker amtlich durchsuchen zu lassen. Das ist eine scharfe und höchst effektive Ermittlungsmöglichkeit, denn die Dokumentationen müssen nicht nur taggenau die Spritzungen incl. Mittelverbrauch + handelnden Personen dokumentieren, sondern den Lagerbestand an PSM lückenlos führen incl. Entsorgungsnachweis nicht mehr zugelassener Mittel. Lücken in der Dokumentation können durchaus die Rückforderung der Fördermittel einer ganzen Förderperiode nach sich ziehen. Das ist für den LW-Betrieb u.U. existenzbedrohend.

    Dieses Thema wurde bspw. hier gestreift:

    Auskunftsanspruch über Bewirtschafter welcher Felder

  • Ich werde nächste Woche mal das Landwirtschaftsamt kontaktieren. Ich hatte mal vor Jahren einen Verdachtsfall auf Vergiftung; die waren da sehr engagiert.


    Wolfgang

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  • sondern den Lagerbestand an PSM lückenlos führen incl. Entsorgungsnachweis nicht mehr zugelassener Mittel.

    Stimmt so nicht.

    Alles was über wer, wann, was, wieviel und wo hinausgeht ist freiwillig.

    Einsicht in z.B. Einkaufsrechnungen kann nur gefordert werden wenn die Dokumentation entsprechende Auffälligkeiten zeigt.

  • Alles was über wer, wann, was, wieviel und wo hinausgeht ist freiwillig.

    Einsicht in z.B. Einkaufsrechnungen kann nur gefordert werden wenn die Dokumentation entsprechende Auffälligkeiten zeigt.

    Eben. Und in diesem konkreten Fall gibt es nicht nur Auffälligkeiten, sondern konkrete analytische Nachweise. Da müssen Ermittler von Anfang an tiefer hineinschauen als nur ins Spritzbuch. Wenn die Ermittler nicht vom Fach sind (bei polizeilichen Ermittlern ist das die Regel), dann muß man sie im eigenen Interesse fit machen, bevor potenzielle Täter abwiegeln, täuschen, Beweise vernichten oder anders entwischen können. Da müssen tunlichst zeitgleich Durchsuchungen stattfinden, um die Verdunkelungsgefahr zu minimieren usw. Für die Vermittlung von nötigen Fachkenntnissen und Anregung entsprechender Ermittlungsmaßnahmen sollte man tunlichst bereits im Strafantrag sorgen.


    I.ü. dürften in SW-Mecklenburg große Agrarbetriebe dominieren, deren Buchführung elektronisch basiert ist. Deren Eintragungen im Spritzbuch wirken sich zwingend auf die PSM-Lagerbestandsdaten aus, da ist nix mehr mit "Freiwilligkeit", dazu zwingt bereits die Software.

  • Nur nicht als Biohonig. Ich konnte keine zulässigen Höchstmengen an Rückständen für diese beiden Pestizide bei Honig finden. Das Labor hat aber keine entsprechenden Anmerkungen gemacht. Der Biozertifizierer auch nicht.


    Wolfgang

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