Wolfenbüttler Kuntzsch-Zwilling

  • Hallo,
    ich interessiere mich für alternative und alte Betriebsweisen. A
    ußerdem habe ich einen Schuppen, dessen Ausrichtung und Standort ideal für ein Bienenhaus wären.


    Wie sieht der Kuntzsch-Zwilling aus?
    Hat jemand eine Kontruktionszeichnung?
    Was sind die Vor-/Nachteile?


    MfG
    Motosingle

  • Hallo


    Bernhard hat dir ja schon entsprechende Hinweise gegeben.
    Also der Kuntsch-Zwilling ist eine Doppelbeute die sehr flexibel mit 2 Völkern betrieben werden kann. Von einem Nachbau würde ich abraten, weil der Bau eher kompliziert ist. Da lohnt sich eine Suchanzeige und ich bin sicher, es gibt noch gut erhaltene Beuten. Der Nachteil ist die Hinterbehandlung, wo jede Wabe einzeln herausgenommen werden muß. Die etwas höhere Wabe aber etwas schmäler als DNM, find ich als vorteilhafter für die Haltung des Biens.

    Gruß Reinhard / Lehre mich die wunderbare Weisheit,daß ich mich irren kann.(Teresa v. Avila)

  • Hallo,
    ich interessiere mich für alternative und alte Betriebsweisen. ...


    Hhm. Sich für den kulturhistorischen Wert solcher Beuten und Betriebsweisen zu interessieren und dann wirklich Bienen in HBBs zu halten sind aber m.E. zwei Paar Schuhe.


    Meine ersten Bienen waren auch in 40 Jahre (Jahresstempel noch erkennbar!) alte Kuntzsch-Beuten, ähnlich DNM-Normbeuten.
    Wie Reinhard schon schrieb ist das Maß etwas etwas günstiger als DNM, aber trotzdem überholt. Und außer dem netten Fenstergucken, stufenweisen Erweitern der Räume und der besseren Wärmehaltigkeit der HBBs im Block gibt es wirklich keine Vorteile solcher Beuten. Und diese Vorteile sind auch in verschiedenen Magazinen ebenfalls gut gelöst.


    Was ich sagen möchte: Kuntzsch-Zwillinge sind historisch sicher wertvoll, aber den Bienen zuliebe würde ich darin nicht mehr imkern wollen!


    Gruß Jörg

  • Was ich sagen möchte: Kuntzsch-Zwillinge sind historisch sicher wertvoll, aber den Bienen zuliebe würde ich darin nicht mehr imkern wollen!

    Sehe ich genauso. Die heutigen Bienen unterscheiden sich von den Damaligen. Die Winter und die Imker auch. Die Betriebsweise mit der Beute ist jedoch durchaus interessant. Nicht zum Machen, aber zu Nachdenken.

    Mit vielen freundlichen Grüßen
    Henry Seifert (Honig-Bienen-Kurse-Gutachten)
    Faulbrutsanierer, Königinnenverschicker, Schwarmfänger, Bienenretter, Streitschlichter, Kunstschwarmkehrer, Belegstellenwirt, Imkerpate, Probennehmer, Schadenschätzer, Ablegerbilder

  • Die Antworten von Jörg K. und Henry enthalten knackige Aussagen, die leider nicht untersetzt sind.
    Es wäre nicht schlecht von den beiden, wenn hierzu auch Argumente zu lesen wäre.


    Mit bestem Dank im Voraus
    :-)

  • Es gibt nicht viele mehr, die mit Kuntzsch imkern- Kaufinteresse an Völkern oder Material war 2015 für Ku-Maß =0. So habe ich noch 5 (von 12 in 2014) in 14er Ku-Magazinen zu betreuen- war ein Test meines Vaters - zT mit Carnica & Buckis
    Wer Kuntzsch Rä/ HaRä/MW/ Ablegerk/Anbrüter sucht... vieles unbenutzt...

    ja Berlin ist so groß ;) schau mal hier- er hält dunkle/Landbiene in Kuntzsch-HB, weil die Völker kleiner sind als die Carnica/Buckfast und lässt neue Beuten bauen
    https://www.facebook.com/Biene…k-Berlin-433317350182977/
    Gruß Fred

  • Die Antworten von Jörg K. und Henry enthalten knackige Aussagen, die leider nicht untersetzt sind.
    Es wäre nicht schlecht von den beiden, wenn hierzu auch Argumente zu lesen wäre...


    Hallo mmuell37,


    ja, gern! Und willkommen hier bei den knackigen Imkerlingen!


    Hier mein knackigen Mängel. In dieser Reihenfolge sehe ich auch die Gewichtung.
    Kuntzsch: -sehr kurze Ohren, zumindest bei den Normbeuten auch schlechte (keine Schiene, wenig Platz) Rähmchenauflage; Rähmchen sind m.E. nur noch bei einem Händler zu kaufen
    HBB allgemein: -Beute nur 1BR/1HR, (ohne eigene Umbauten) nicht erweiterbar; aufwendige Kontrolle/Durchsicht; keine brauchbare Varroa-Diagnose möglich; Betriebsweise sehr eingeschränkt im Vergleich zu Magazinimkerei (Wanderung, Beuten verstellen, Brutnestkontrolle, Winterfutterkontrolle, Königin finden, wirklich allgemein komplett aufwendigere Bearbeitung, bei Räuberei wenig Möglichkeiten), Verflug bei Blockaufstellung


    Vorteile:
    - gute Warmhaltigkeit im Block, nettes Bienengucken am Fenster, einfache Ablegerbildung mit Fenster-Eineingung , oft preiswert an älteres Beutenmaterial zu bekommen.


    Und m.E. sind die Vorteile auch in Magazinen realisierbar.


    Gruß Jörg

  • Hallo mmuell37,


    das Hauptproblem: der Kuntzschzwilling ist zu klein für aktuelles Bienenmaterial. Maximal 9 BW und 12 HW ist schon sehr knapp. Damit kann man nur an einem Standort arbeiten, der keine Massentracht hat. Oder in höheren Lagen, die klimatisch nur kleinere Ernten zulassen. Aber es geht schon. Wenn das Material da ist, es nur 2-3 Völker für die Bestäubung und den eigenen Honigbedarf sein sollen.


    Der Schwarmdruck ist allerdings beträchtlich, da der Raum zu eng ist. Da hilft nur eine massive Brutentnahme oder man arbeitet tatsächlich mit Schwärmen. Kuntzsch Rähmchen und Mittelwände gibt es noch bei einigen Händlern, sonstige Ersatzteile nicht. Also braucht man einen größeren Bestand an Altmaterial und Spaß am basteln und reparieren. Eine Konstruktionszeichnung wird wohl nicht zu bekommen sein. Die wesentlichen Maße stehen im Buch von Kuntzsch. Alternativ gibt es Kataloge und Schriften von Bienen Thie in diversen Antiquariaten, die Aufbau und Betriebsweise beschreiben. Für die Arbeit mit dem Zwilling sollte man das Buch von Kuntzsch sowieso lesen, da die Betriebsweise etwas anders ist, als in anderen Hinterbehandlungskästen.


    Varroabehandlung geht mit Ameisensäure im Sommer (Nassenheider Verdunster) und Milchsäure sprühen im Winter.


    Also mehr eine Erhaltung von Kulturgut als effektives imkern. Kann aber auch nett sein.


    Viele Grüße, Dirk

  • Zunächst nächst möchte ich meinen 3 Vorredner danken, besonders Jörg und Dirk für die ausführlichen Bemerkungen. Für mich ist es interessant, wie andere den Wolfenbüttler Kuntzsch-Zwilling (WKZ) einschätzen. Es gibt ja kaum Nutzer, die damit Erfahrung haben.


    Der WKZ ist die Königklasse der HBB und ist sehr flexibel in den Anwendungsmöglichkeiten. Kuntzsch (K), ein versierter Pragmatiker, konstruierte und optimierte eine Beute, die seinen Belangen entsprach. Sein Motto: Weinig Arbeit viel Honig - Die Imkerei muss ihren Mann ernähren. Er legte Wert auf Einfachheit und Rentabilität.


    K. lebte in Nowawes, dem heutigen Babelsberg, nahe Potsdam. Die Gegend, mit einer ausgesprochenen Frühtracht, war bestimmend bei der Entwicklung (s)eines WKZ. Damit wird klar, der WKZ ist eine typische Beute für Frühtrachtgebiete und spielt hier seine Vorteile aus. Er selbst beschreibt sein Umfeld: kaltes Frühjahr, zeitige Ernte, fehlende Dauertracht.


    Das Ergebnis ist der WKZ, der genau auf dieses Umfeld angepasst ist und dazu hervorragende Eigenschaften und Einrichtungen besitzt. Diesen Hintergrund sollte man immer mitschwingen lassen, wenn man diese Beute beurteilen will. Nach dieser Präambel bin ich mir sicher, schon einige Reizpunkte gesetzt zu haben. Darum geht es mir aber nicht. Vielmehr möchte ich aus meiner Erfahrung berichten und Darstellungen justieren, die aus einer anderen Blickrichtung gesehen einen falschen Eindruck verbreiten.




    Ich versuch mal, auf Eure Argumente einzugehen. Dabei möchte ich nicht eine Vor- und Nachteilbetrachtung zwischen HBB und Magazinen anstellen. Das ist im Forum bereits ausführlich geschehen. Vielmehr möchte ich das Spezifische hervorheben, dass Ihr als Mangel empfindet.


    Gegen die kurzen Ohren der Rähmchen kann man nichts machen. Betrachtet man ein Zanderahmen mit 2,5 cm Ohrenlänge, kann man darüber locker die Wabe drehen, was mit einem Kuntzsch-Rähmchen nicht möglich ist. Bisher ist mir jedoch noch kein Rähmchen durchgefallen. Wichtig ist, die Rähmchenauflage ist praxistauglich und Schienen sind in meinen Beuten vorhanden.


    Die HBB hat einen festen Rauminhalt, somit der WKZ auch. Bei einer Frühtrachtbeute ist das nicht unbedingt entscheidend. Es ist genug Platz im HR zu Ablagerung des Honigs vorhanden und der BR mit seinen 6+3 Waben ausreichend, um bis zur Lindenblüte eine große Schar an Flugbienen zu erzeugen. Danach wird das Volk wieder nach oben gehangen, um über eine Spätsommerpflege ein ausreichend großes Wintervolk aufzubauen. Platz ist oben dazu wieder ausreichend vorhanden. Das Konzept Frühtracht geht damit auf.


    Die ‚aufwendige Kontrolle/Durchsicht’ reduziere ich durch das Ziehen des 6er Schlitten im BR. Da hab ich das Volk in aller Schönheit vor mir und kann die 6 Waben aufblättern wie Buchseiten ohne die Brutwaben in die Hand nehmen zu müssen. Die Durchsicht dauert ca. 10 min. (K.’s Motto war ja: wenig Arbeit- viel Honig). Das Verfahren ist effektiver, als bei einer normalen HBB. Wichtig ist, dass man mit dem Baurahmen arbeitet, um vorab schon über die Stimmung im Volk informiert zu sein. Das nette Fenstergucken hat also eine tiefere Bedeutung! K. zeichnete durchweg seine Königinnen, um sie besser aufzufinden. Bei mir ist das auch so, meist sitzt sie auf dem Baurahmen und kann schnell beiseite gestellt werden.


    Betrachtet man hier den Magazinbetrieb, ist das Arbeiten mit ganzen Zargen und dem ggf. ziehen einzelner Waben, deutlich vorteilhafter. Auch ist das Argument von Jörg nicht von der Hand zu weisen, dass die Varroa-Diagnose im Magazin jederzeit möglich ist. Bei mir reduziert sich das auf das Einlegen der Windel im Herbst und die Auswertung des Milbenfalls. Es ist aber ausreichend, im Frühjahr zu wissen, wie hoch der Befall ist, um dann zu behandeln, wie Dirk es beschreiben hat (inklusive fleißiges Ausschneiden des Drohnenrahmens).


    Dirk führt an, dass die Kiste einfach zu klein ist und befürchtet einen höheren Schwarmdruck.
    Hmm.
    Schwärmen ist nun mal die natürlich Fortpflanzung der Bienen. Diese Eigenschaft ist von den Genen, dem Wetter, dem Standort, der Tracht und auch von dem Raumangebot (und dem Können des Imkers) abhängig. Wir wollen jetzt nur mal das Raumangebot betrachten. Das Raumgeben zur Dämmung der Schwarmstimmung ist zweifellos wirksam.


    Da sind wir dann im Bienenjahr in Mitte Mai – Mitte Juni angekommen. Mitte Mai bin ich im WKZ noch beim Erweitern. Drohnrahmen schneiden sollte nicht vergessen werden. Dann können schon mal 1-2 Brutwaben für die Zucht entnommen werden. Wenn das nicht reicht, hilft auch kein neuer Raum mehr. Sowohl im WKZ als auch bei den Magazinen hilft dann nur die Ablegerbildung. Der Grund hierfür liegt jedoch nicht im beengten Raumgefühl des Volkes, sonder im ausgebrochenen Schwarmfieber. Schneller geht’s im WKZ mit dem Schwarmfieber gegenüber den Magazinen nicht. Man ist sicherlich beim WKZ gut beraten, die Völker rechtzeitig zu schröpfen. Das sehe ich nicht unbedingt als Nachteil und sollte in der jeweiligen Betriebsweise betrachtet werden. K. betreute seine Völker ohne Schwärme zu haben.


    Anfangs hatte ich natürlich viele Schwärme. Wie Dirk bereits hinwies, muss man des Meisters Werk schon ausführlich gelesen haben. Und trotzdem hat es Jahre gedauert, bis ich die Gesamtheit des Systems und seiner einzelnen Komponenten verstanden habe. Alle Komponenten sind aufeinander abgestimmt und wirken ineinander. Hat man die Lehrjahre hinter sich, entbieten sich Einblicke in die inneren Zusammenhänge und Entwicklungsabläufe des Bienenvolkes, was wie ein Wunder zu betrachten ist. Da ist man beim Magazin ein Stückweit entkoppelt. - man hat da nicht diese tiefe Sicht.


    Ich halte die Carnika-Biene/Peschetz mit ihrer Neigung, ein sehr guter Frühentwickler zu sein. Passt gut in meine Betriebsweise hinein. Ich hatte mal die Buckfast probiert. In den Magazinen habe ich kaum Frühtrachthonig, jedoch eine super Lindenhonigernte geerntet. Im WKZ explodierten die Kisten. Die Frühtracht war da zwar besser, aber der Ärger dafür größer. Bruder Adam wusste nur zu gut, wann seine Haupttracht war und züchtete sich dafür seine Biene.
     
    Neben der Frühtrachteigenschaft ist die Kiste eigentlich nur für das Bienenhaus geeignet. Zwar hat K. Wandervorrichtungen vorgesehen und ist auch viel damit gewandert, jedoch ist das aufwendig. Wenn ich wandere, dann mit Magazinen oder Einzelbeuten. Die WKZ bleiben im Bienenhaus als Heimatstand – ist entspannter.


    Mit meiner Darlegung möchte ich am wenigsten Kulturgut erhalten. Dafür ist Weimar gut. Die Praktikabilität und Erfolge, die man mit der Kiste erzielen kann sind aktueller denn je. Der WKZ ist leider zu unrecht in Vergessenheit geraten. Durch die industrielle Produktionsweise in der Landwirtschaft der ehem. DDR, sprich Normung auf Typ Beute C wurde die Produktion 1972 eingestellt. Der große Fehler der Fa. Thie war, 1939 von Wolfenbüttel nach Neustadt/Orla umzuziehen.


    Ich hoffe, nur wenige Reizpunkte dafür mehr Einblicke gezeigt zu haben.
    :)

  • ... ich empfand die Notwendigkeit schröpfen zu müssen, weil der Platz in der Beute fix ist, immer als den entscheidenden Nachteil der Nicht-Magazine. Ich kann im Raps die Völker bis auf 5 oder gar 6 Zargen aufgehen lassen und bin weder gezwungen, unreifen Honig noch Bienen zu entnehmen.


    Nicht die Beschränktheit der Beute entscheidet über Zeitpunkt und Ausmaß der Volksverjüngungsvölkerbildungsmaßnahmen, sondern ich, nach Trachtlage und Königinnenverfügbarkeit. Magazine sind nie voll!

    Mit vielen freundlichen Grüßen
    Henry Seifert (Honig-Bienen-Kurse-Gutachten)
    Faulbrutsanierer, Königinnenverschicker, Schwarmfänger, Bienenretter, Streitschlichter, Kunstschwarmkehrer, Belegstellenwirt, Imkerpate, Probennehmer, Schadenschätzer, Ablegerbilder

  • Hallo mmuell37


    überzeugender Beitrag für den WKZ und du hast unter Beweis gestellt das du die HBB beherrscht. Da ich auch noch mit ein paar 4-Etager HBB DNM arbeite, kann ich bestätigen, das man schon die Betriebweise für die verschiedenen Beuten beherrschen muß.
    Da ich seit 2008 erst mit Magazinen arbeite, kann ich auch hier sagen das ich meine Lehrjahre gerade beendet habe.


    Ich möcht aber auch noch eine Frage aufwerfen, welcher Unterschied besteht zwischen einem Dadantvolk, das geschiedet 4-5 Brutwaben sitzt und einem Volk im WKZ mit 6-7 Waben im Brutraum und beide sind noch erweiterbar. Es geht jetzt nur um die Bienenmasse. Je mehr ich nachdenke um so sympatischer wird mir die HBB, obwohl ihre Zeit gewesen ist.

    Gruß Reinhard / Lehre mich die wunderbare Weisheit,daß ich mich irren kann.(Teresa v. Avila)