Gestresste Jungbienen, (Mit) Ursache von CCD ?

  • Hallo,


    Die PNAS hat vorgestern zugeschlagen mit einem Vorgeschmack auf eine Studie.


    www.pnas.org/content/early/201…9b-43c1-9b9e-8036e135afee


    Zu fortgeschrittener Stund hab ich schnell das Abstract gedolmetscht:


    Bedeutung


    Todesraten bei Honigbienenvölkern sind unhaltbar hoch. Während viele Stressfaktoren, die zu diesem Problem beitragen, identifiziert wurden, wissen wir nicht, warum bei Bienenvölkern der Übergang von einem Zustand der scheinbaren Gesundheit zum Scheitern so schnell erfolgt.
    Es ist bekannt, dass einzelne Bienen auf Belastungen durch Ernährungs- und Krankheitserreger mit vorzeitiger Nahrungssuche reagieren:
    Unsere Studie erklärt, wie Kolonie-Ausfall sich aus den sozialen Reaktionen der einzelnen Bienen auf Stress ergibt. Wir verwendeten Funk Tracking, um die Leistung der Bienen zu beobachten und stellten fest, dass Arbeiterinnen, die vorzeitig mit Sammelflügen beginnen, in der Leistung sehr schlecht abschneiden. Dies trägt zu Belastungen der Kolonie bei und beschleunigt ihr Versagen. Wir suggerieren wie gefährdete Kolonien frühzeitig zu erkennen sind, und schlagen die wirksamsten Maßnahmen vor, um Fehler zu vermeiden.


    Abstract


    Viele komplexe Faktoren sind mit dem jüngsten deutlichen Anstieg des Versagens von Honigbienenvölkern in Verbindung gebracht worden , einschließlich Schädlingen und Krankheitserregern, Agrochemikalien und Nahrungsstressfaktoren.

    Es bleibt jedoch unklar, warum Kolonien häufig auf Stressfaktoren reagieren indem sie nahezu ihre gesamte Erwachsenenbienenpopulation in kurzer Zeit verlieren, was zum Kollaps der Kolonie führt. Hier untersuchen wir die soziale Dynamik die einem derart dramatischen Zusammenbruch zugrunde liegt. Bienen reagieren auf zahlreiche Stressfaktoren damit, dass Jungbienen früher (Anm. NJ -als im Bienenleben vorgesehen-) zu Sammelbienen werden. Wir manipulierten die demografische Zusammensetzung von Versuchsvölkern um Jungbienen zu frühzeitigem Sammeln zu veranlassen und benutzen Funketikett-Tracking um die Folgen frühzeitiger Futtersuche in Bezug auf die Leistung zu prüfen.

    Frühreife Sammelbienen brachten es in ihrem Bienenleben zu weit weniger Sammelflügen und hatten ein höheres Todesrisiko bei ihren ersten Flügen. Wir konstruierten ein demografisches Modell um zu untersuchen, wie diese individuelle Reaktion der Bienen auf Stress sich auf auf die Leistung des Volkes auswirken könnte.
    In dem Modell bewirkte, dann wenn die Sterberate chronisch erhöht ist, eine zunehmende Kraft jüngerer Sammelbienen ein positives Feedback, das den Bevölkerungsrückgang in der Kolonie dramatisch beschleunigte.

    Dies führte zu einem Zusammenbruch der Arbeitsaufteilung und dem Verlust der erwachsenen Population, so dass nur Brut, Nahrung und einige erwachsene Bienen in den Bienenstock zurückblieben.

    Diese Studie beschreibt die sozialen Prozesse, die zu einer rapiden Abnahme der Bienenpopulation führen und wir versuchen mögliche Strategien zur Verhinderung des Zusammenbruchs zu erkunden.



    Das Verständnis des Prozesses vom Kolonieausfall hilft bei der Identifizierung der wirksamsten Strategien zur Verbesserung der Widerstandsfähigkeit.


    Bis dann, Norbert

    "Unmöglich", sagte der Stolz. "Riskant", sagte die Erfahrung. "Sinnlos", sagte die Vernunft. "Probier's doch aus", flüsterte das Herz.

  • Danke! Sehr interessant!


    Dazu kann ich gleich noch eine "Anekdote" zum Besten geben, (Anekdote deshalb, weil es nicht wissenschaftlich ist)..ok nennen wir es Beobachtung:


    Ende Juli 2013 hatte ich eine Vergiftung durch PSM (Laborergebnis kam Ende Oktober: Dimethoat und Clothianidin).
    ALLE Flugbienen waren tot, alle offene Brut ausgeräumt. Die Restvölker bestanden also aus Königin, einigen Jungbienen und gedeckelter Brut.


    Ein Aufpäppeln der Völker war also ein Versuch es möglichst gut zu machen. Es gab diverse Empfehlungen von Fachleuten und Bienenvergiftungsgeschädigten, aber letztlich musste ich tun, was ich für richtig hielt. Woran die Bienen verstorben waren konnte anfangs ja nur vermutet werden. (Kontaktgift)


    Totale Bauerneuerung fiel für mich aus, da die Bienenmasse fehlte, ebenso waren ja keine Sammlerinnen vorhanden. Also habe ich in kleinen Portionen dünnes Zucker/honigwasser gefüttert. Und siehe da: die Königinnen haben gelegt, was das Zeug hielt! .
    (so, dass ich mich gleich fragte, wer soll sich denn um die ganze Brut kümmern?!? (mein direkter Nachbar hatte übrigens Kö Verluste)


    Ich habe auch gg die Varroa behandelt, da ich sicher gehen wollte, dass die Bienen die jetzt werden nicht zu dolle parasitiert sind.
    Das fanden die Kös dann nicht so gut und stellten das Legen erst mal ein. (AS 60% med Flasche).
    Dann legten sie wieder und alles sah gut aus. Ich beschloss, dass ich schon kleinere Einheiten erfolgreich überwintert hatte und habe sie ab ende September in Ruhe gelassen (nicht vereinigt oder so, Varroafall erfreulich gering)


    Der Schock im Dezember: alle (bis auf eines) tot! Schadensbild: leer mit paar tapferen Toten um die Kö herum. Einige verlassene Brutzellen. Futter alles noch da. Man hätte glauben können Varroaschaden (nur keine Milbenkacke)....oder CCD...?


    Dies erzählte ich auf dem IFT und ein engagierter Iftler meinte, dass aufgrund des Stresses dem die ausgesetzt waren, keine Winterbienen erbrütet worden sein könnten.


    Dieser Ansatz war neu für mich, aber ich musste beim Lesen des Eingangsposts gleich daran denken: vielleicht waren die Bienen weniger langlebig, weil sie so früh zu Sammlerinnen werden mussten bzw weil sie so viel Brut aufziehen mussten? Also Stress pur hatten!


    Letztlich werde ich es nie erfahren.


    Mein Nachbar hatte "Intensivmedizin" betrieben: tw neue Kös, Brutwaben von einem nicht betroffenem Stand zugehängt (hätte ich auch gemacht, wenn ich gehabt hätte) . Zum Teil auch zusammen gelegt: seine Völker haben alle überlebt.


    Trotzdem weiß ich nicht, ob und was ich beim nächsten Mal (was hoffentlich nie sein wird) anders machen würde.


    Den Stress kann ich ihnen wohl nicht ersparen...


    Gruß Jule

    Begeisterung ist der Schlüssel zum Tor der ungeahnten Möglichkeiten.

  • Zitat

    Die PNAS hat vorgestern zugeschlagen...


    Also ich kann jedenfalls nicht verstehen, wieso die Wissenschaftler da seit Jahren umherrätseln, "warum Kolonien häufig ... ihre gesamte Erwachsenenbienenpopulation in kurzer Zeit verlieren, was zum Kollaps der Kolonie führt."


    Wie lange lebt eine Biene?!
    Wie lange benötigt neu angelegte Brut bis zur vollen "Einsatzfähigkeit"?!
    Und was folgt aus Unterversorgung und vorzeitigem Fettkörper-Abbau?!



    Egal ob:


    Winterverluste (ausgenommen Futter- und Wärmeproblematik)
    Durchlenzungsverluste
    "CCD"
    totbehandelt
    Varroa-induzierte Verluste
    Vergiftungsfolgen
    ...



    Der Mechanismus ist letztendlich immer:
    Altbienen sterben schneller als Jungbienen "geboren" werden.
    Kritische Masse unterschritten -> Abwärtsspirale


  • Wie lange lebt eine Biene?!
    Wie lange benötigt neu angelegte Brut bis zur vollen "Einsatzfähigkeit"?!
    Und was folgt aus Unterversorgung und vorzeitigem Fettkörper-Abbau?!


    Hallo,
    Gut gesehen !
    Um diese Fragen auch nur halbwegs richtig zu beantworten, kommt man meiner Meinung nach nicht an einem Schlüsselwort vorbei:
    dem JH (Juvenil Hormon).
    Es bestimmt bei Jungbienen die Gruppenzugehörigkeit und bei adulten Bienen die Arbeitsaufteilung.


    Und genau die Berücksichtigung des JH vermisst man in der Studie. Schade drum !
    Ist es denn an uns Imkern wissenschaftliche Studien zu bemängeln?
    Wo sind wir eigentlich?


    LG, Norbert

    "Unmöglich", sagte der Stolz. "Riskant", sagte die Erfahrung. "Sinnlos", sagte die Vernunft. "Probier's doch aus", flüsterte das Herz.