Hohenheimer Empfehlungen: noch angemessen?

  • Beruflich bedingt, bin ich hier leider nicht allzu häufig unterwegs. Dennoch möchte ich mal ein Thema anstoßen. In meiner Funktion als BSV hat mich vor 2-3 Wochen ein Imker informiert, dass 6 seiner 8 Völker eingegangen sind, der Rest stehe kurz davor. Wegen des Totalschadens habe ich Futterkranzproben und Bienenproben nach Aulendorf (unsere Untersuchungsanstalt in Württemberg) geschickt, um Krankheiten auszuschließen. Ergebnis: Varroa, sonst nichts. Der Imker, erfahrener Mann, hatte seine Völker nach den Hohenheimer Empfehlungen behandelt. Dr. Neumann (Aulendorf) schrieb, nach dem warmen Winter 2013/14 (tlw. keine Brutpause) und dem feucht-kühlen Sommer (Schwierigkeiten bei AS-Behandlung) sei die V.-Belastung teilweise sehr hoch. Von einigen Imkern weiß ich, dass die AS-Behandlungen in diesem Sommer bei ihren Völkern wegen der Kühle nicht funktionieren wollten.
    Okay. Ich selbst habe AS nicht erst Ende August angewendet, bei mir ist das Zeugs im Juli und August gut und schnell verdunstet. Trotzdem frag ich mich, ob die von den Hohenheimern empfohlene Völkerführung angesichts der warmen Winter und der (Außentemperatur-)Risiken der AS-Behandlungen den realen Gegebenheiten noch genügt. (Wobei man im Auge behalten muss, dass viele Imker AS sehr spät anwenden, um möglichst viel (v.a. Wald-)Honig für sich rauszuholen.)
    Ich sinniere jetzt mal so vor mich hin. Wenn ich mich auf die AS-Behandlung nicht mehr verlassen kann (die OS-Behandlung kommt zu spät, dann sind schwer befallene Völker bereits nicht mehr zu retten), und Drohnenbrut bereits entnehme, dann bleibt mir eigentlich nur noch die totale Brutentnahme (von Fangwaben-Rezepten sehe ich mal ab, die sind wegen des Zeitaufwands nur in Kleinstimkereien praktikabel), um den Varroa-Befall merklich zu reduzieren. Die totale Brutentnahme kann aber zu einer so wüsten Stecherei ausarten, dass ich in diesem Jahr nach der Hälfte meiner Völker dieses Vorhaben beendet habe. Denen geht es trotzdem gut, aber das ist ja nicht das Thema.
    Dann fallen mir eigentlich nur noch viele Ableger ein. Dabei gewissenhafte MS-Behandlung, was auch von vielen vergessen wird. Ich habe dieses Jahr einige Ableger MS-behandelt an einem Standort aufgestellt, wo in der ganzen Umgebung seit vielen Jahren niemand mehr imkert. Dennoch haben die Milben den Weg dorthin gefunden. Oder sie waren vielleicht noch in den Beuten. Egal. Das hieße, viele Ableger bilden, die bringen zwar keinen Honig mehr in diesem Jahr, aber im nächsten, als Versicherung, und dann sieht man zu, wie viele Wirtschaftsvölker man außerdem über den Winter bringt, mit gewissenhafter AS- und OS-Behandlung.
    Gibt es andere Varroa-Schutzmaßnahmen, die ich noch nicht kenne?
    Gruß Steffen Felger

  • Dieses jahr hat sich etwas anders entwickelt.
    Das Wetter im August und September war nicht besonders günstig für AS


    Wer also nicht rechtzeitig behandelt hat, konnte seine Völker nur noch durch MS sprühen 2-3x im Abstand von einer Woche retten, oder durch OS-Verdampfung.
    Zumindest ein Rettungsversuch.


    Wir müssen uns den veränderten Klimabedingungen anpassen.

    Man muß keinen Wind machen, aber man muß segeln können.

  • Hallo Steffen!


    Das Winterwetter des vergangenen Winters 2013/14 spielt bei der Varroaentwicklung in diesem Jahr keine Rolle. Die Nordamerikaner hatten einen schweren, kalten Winter und haben trotzdem die gleichen Probleme wie bei uns hier: Varroa, Varroa, Varroa - trotz Behandlung. Egal ob mit Ameisensäure, Thymol, Hopguard, MAQS... nichts scheint mehr zu helfen. (Außer Amitraz und verdampfter Oxalsäure..)


    Ein Beispiel: Eine Tierärztin (also vom Fach) hat hier in diesem Sommer die Behandlungen ihrer Bienen sehr akurat und ordnungsgemäß durchgeführt. Drohnenbrutschneiden, Ameisensäurebehandlung mit dem Nassenheider ab Mitte Juli bis August. Zwei Male. Alles vorschriftsmäßig verlaufen und durchgeführt. Es sah anfangs auch sehr gut aus, doch dann ging es los. Varroa über Varroa. Im Herbst dann die Notbremse per Oxalsäurebedampfung gezogen. Drei Mal hintereinander. Tausende Milben sind gefallen. Wo kommen die Milben alle her? Die Auszählung nach der Winterbehandlung steht noch aus.


    Die Totale Brutentnahme verläuft völlig ohne Stecherei und Stiche. Ich arbeite dabei ohne Schleier und verstehe auch nicht, was das Problem dabei sein soll. Arbeitest Du mit Rauch/mit dem Smoker? Die generelle Erfahrung mit der Totalen Brutentnahme ist, daß die Varroaentwicklung durch die Brutentnahme deutlich gehemmt wird.


    Auch Ableger scheinen die Varroaentwicklung zu hemmen, denn die Ableger stehen in der Regel gut da. Meistens besser als andere Varianten. Was auch immer der Mechanismus dahinter ist. Milchsäure halte ich für komplett wirkungslos, daher verzichte ich mittlerweile ganz drauf und wähle stattdessen Api Life Var.
     
    Einzig die mit Thymol/Api Life Var behandelten Völker sehen in diesem Jahr ganz gut aus, also besser als die anderen Völker. Das war im vergangenen Jahr genau anders herum, da waren die Völker mit Thymolbehandlung am schlechtesten von allen. Es scheint einfach keine Standards bei der Varroabehandlung mehr zu geben. Der Zeitpunkt der ersten Sommerbehandlung ist auch nicht die Fehlerquelle. Nicht zu unrecht, ziehst Du sie zwar in Betracht, hinterfragst aber zu Recht die bisherige Herangehenweise im Allgemeinen.


    Ich möchte nochmal eine Beobachtung aufgreifen und das ist die Explosion der Varroa bei Völkern, die in der Nähe von plötzlich weisellosen Völkern stehen. Das heißt, ein Volk wird weisellos oder die Königin versagt nach und nach, das Nachbarvolk zeigt dann plötzlich im weiteren Jahresverlauf einen erhöhten Milbenbefall. Es sind gar nicht so sehr zusammenbrechende Völker, sondern Völker mit Königinnenproblemen, die in der Nachbarschaft für erhöhten Totenfall sorgen. Den Mechanismus dahinter kenne ich nicht, aber es ist mir dieses Jahr doch sehr ins Auge gesprungen.


    Falls sich das bestätigt, dann resultieren die Schwierigkeiten mit der Varroa weniger aufgrund der Witterung+Zeitpunkt+X sondern aufgrund von Weiselproblemen. Klar bemerken wir Imker eine Weisellosigkeit und weiseln rechtzeitig neu ein - aber dann ist die Abwanderung, der Drift der Varroen zu den Nachbarn bereits schon erfolgt.


    Eine andere Überlegung folgt der Logik, daß die Varroaprobleme dieses Jahr ihren Ursprung im vergangenen Jahr haben. Das heißt, dieses Jahr gibt es Probleme, weil das Konzept im vergangenen Jahr nicht gegriffen hat. Nur: wenn die Winterbehandlung gegriffen hat, dann sollte es auch keine Probleme geben. Da aber immer mehr Imker schon im November mit den Hufen scharren, was die Winterbehandlung betrifft, und bereits sehr früh kollektiv zur Träufelflasche greifen - es scheint hier eine Art Gruppendynamik zu geben, einer legt vor, alle rennen nach -, liegt vielleicht hier der Fehler. Muß ja. Denn die Winterbehandlung ist ja die "Restentmilbung". Und wenn hier der falsche Zeitpunkt erwischt wird, muß es unweigerlich zu Problemen im nächsten Jahr kommen. Die Sommerbehandlung ist und kann nicht das Problem sein. Die Winterbehandlung ist das, was zählt. In der Resistenzzucht wird ja zum Teil nur im Winter behandelt und zwar ausschließlich. Und das überleben die Völker ganz gut. In der klassischen Varroalehre wird ein Zusammenbruch des Bienenvolkes durch Varroa ja erst nach zwei-drei Jahren angesetzt. Und nicht bereits schon nach einer Saison.


    Uns geht es vergleichsweise noch gut. In Nordamerika ist der Durchschnitt mit 30 % Winterverlusten deutlich höher als bei uns. Durchschnitt! Trotz Behandlungen mit allen Arten von Varroamitteln, liegt die Verlustrate bei 30 %. Es gibt eine große Fraktion an Nichtbehandlern dort, wie hier in einem Beispiel in Kalifornien. Dort hat ein Imkerverein mit 350 Mitgliedern eine Erhebung gemacht. Die Nichtbehandler hatten im Schnitt 50 % Verluste, die Behandler 30 %. Dort hat man mittels Umfragen versucht festzustellen, woran das liegt. Siehe: (englisch)
    http://www.beesource.com/forum…ers-a-net-population-sink


    Das Beispiel dort zeigt, daß bei uns noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist - wir sind aber nicht mehr weit davon entfernt!


    Und was dann? Wenn wirklich gar nichts mehr hilft? Was für noch invasivere und intensivere Maßnahmen müssen wir uns noch einfallen lassen? Ich bin skeptisch. Ich glaube nicht, daß wir uns noch lange über Wasser halten können, wenn das so weitergeht.


    Viele Grüße


    Bernhard

  • Ich denke einfach das es von Jahr zu Jahr noch schlimmer wird irgendwann muss sich die Varroa ja mal an die Ameisensäure etc gewöhnen. Es gibts doch kaum ein Krabbeltier das sich nicht irgendwann den Giften anpasst.

    Carnica und Buckfast in Segeberger Styro DN u. DN 1,5

  • Mir wurde diesbezüglich geraten, alle Jahre die Behandlungsmethode abzuändern.
    Mal mit AS, mal mit Thymol usw...
    Obs hilft?


    Ich fände es klasse, wenn überall zeitgleich behandelt werden würde. Das würde eventuell schon viel eindämmen.


    Ich weiß, dass sich dies extrem schwierig gestalten wird, aber ich glaube, das wäre schon ein Schritt voran!

    Man muß keinen Wind machen, aber man muß segeln können.

  • ...
    Und was dann? Wenn wirklich gar nichts mehr hilft? Was für noch invasivere und intensivere Maßnahmen müssen wir uns noch einfallen lassen? Ich bin skeptisch. Ich glaube nicht, daß wir uns noch lange über Wasser halten können, wenn das so weitergeht.
    ...


    Genau das sagte ich bereits vor etlichen Jahren und ging meinen Weg.


    Gruß
    Werner

  • Moin Michael,


    es kommt aber bei dem eigenständigen Denken auch auf die Informations- und Erfahrungsbasis an, auf der es stattfindet... Ich könnte Beispiele nennen.


    Solange die deutlich mangelhaft ist, scheint mir die stumpfe Befolgung einer Empfehlung mitunter das bessere Ergebnis zu zeitigen. Damit meine ich nicht Steffen.


    Was Baden-Württemberg betrifft, so ist dort ja der LD recht verbreitet, höre ich. Der wurde entwickelt für 85%ige Säure. Die durfte man dort dies Jahr erstmals nicht mehr. Dazu dann kaltes Wetter nach der Waldtracht, und der haut sicher deutlich schlechter hin, als es im Vergleich der Nassenheider täte... Die Dochtfläche ist einfach kleiner. Die Versuche, die da Gleichwertigkeit belegen sollen, wurden bei optimalen Witterungsbedingungen gemacht, denke ich mir so.


    Warum Brutentnahme zu Stichen führen sollte, verstehe ich auch nicht.


    Gruß Clas

    "Ach, das Risiko...!" sagte der Bundesbeamte für Risikoabschätzung abschätzig...

  • Zum einen, sehe ich den Beruf des Tierarztes sicherlich nicht als Garant für eine erfolgreiche Varroabekämpfung an.


    Zum anderen, sollte die Ameisensäurebehandlung von Mitte Juli bis Anfang August erfolgreich gewesen sein, d.h. 14 Tage lang circa 500 ml gesamt AS bei zwei Zargen verdunstet sein, dann die Hände bis zum Winter in den Schoß legen, das geht in der heutigen Zeit nicht mehr. Hier habe ich früher auch schon Lehrgeld bezahlt.


    Kann sein, dass Oxalsäurebedampfung bei einigen sehr gut funktioniert, das will ich sicherlich nicht abstreiten, aber bei meinen Beuten und meinem Verdampfermodell war es absolut unzureichend. Die Zusammenhänge hier blieben mir leider verschlossen.
     
    Ich kann mir nicht vorstellen dass Varroen gegen die Ameisensäure säureresistent werden.

  • Ich kann mir nicht vorstellen dass Varroen gegen die Ameisensäure säureresistent werden.


    Resistenzen gegen Säure sind möglich und soweit mir bekannt, haben die Berliner doch bereits erste Tendenzen dazu gefunden? Finde gerade deren Studie nicht. Außerdem:


    "Eigentlich nicht überraschend, selektieren wir doch mit jeder Behandlung die starken Milben."
    Dr. Ritter in einer Antwort auf die Leseranfrage: Ameisensäure wirkt nicht
    http://www.diebiene.de/02/2014-as-wirkt-nicht


    Das beobachten immer mehr Imker.


    Und nicht nur bei der Ameisensäure sondern auch bei Thymol, usw. usf.


    Ende der Fahnenstange.


  • Das standen aber mehrere Zusammenhänge über das "nicht wirken", so z. B. ich zitiere den darauffolgenden Wortlaut:
    Bei natürlichen Stoffen kommt es dagegen seltener vor. Gründe können die Witterung, die Völkerentwicklung, eine mögliche Reinvasion, aber auch eine zunehmende Widerstandskraft der Milben sein.


    D.h. nicht, dass die Ameisensäure nicht wirken würde, aber aus diesem Grunde gibt es eigentlich in der heutigen Varroabekämpfung ein Gesamtkonzept das auf mehreren Füßen steht. Wie schon erwähnt, die Ameisensäurebehandlung im Juli als letzte Maßnahme vor der Winterbehandlung zu sehen ist völlig falsch und lässt natürlich die Sterblichkeitsrate der Völker hochschnellen.
    Was ich auch gegenüber früheren Jahren feststellen musste, ist der Umstand, dass man heute unheimlich gewissenhaft und sorgfältig über das ganze Jahr hindurch die Behandlung durchziehen muss. Schlampigkeit oder einen Satz wie, irgendwie wird schon passen, das ist nicht mehr drin.


    Sollten trotz sorgfältiger Behandlungsmethoden dann noch irgendwelche Spritzmittel miteinwirken ist man mit minimalen Chancen eine vernünftige Imkerei zu betreiben unterwegs.
    Ob ich diese Meinung auch noch in ein paar Jahren vertreten kann, weis ich wirklich nicht. Es wird nicht leichter für uns Imker und vor allem für die Bienen.

    Franz Xaver aus Niederbayern

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  • ich kann mir das schon vorstellen, dass Milben nicht gerade eine Resistenz, doch aber eine erhöhte Widerstandfähigkeit entwickeln.


    Wie wirkt Säure auf die Milben?
    Die einen sagen über die Atemorgane, die anderen über die Beine/Füße, oder auch der Chitinpanzer wird angegriffen.


    Bei der Wirkung über die Atemorgane dürfte die Erklärung schwieriger sein.
    Anders als bei der Wirkung über das Außenskelett.


    Die Milben, die einen härteren Panzer haben überleben vielleicht.
    Und vermehren sich.
    Dann haben wir in absehbarer Zeit eine Population von Milben mit einem härteren Panzer,
    die die Konzentrationen, die wir anwenden einfach besser vertragen.


    Es gibt Stimmen, die sagen, die Milben seien resistent gegen 60%ige Ameisensäure geworden.
    Wird sogar in den Medien schon behauptet.
    Ich weiß nur nicht, woher diese das Wissen beziehen.


    Gruß Doro