Varroa: Oft wiederholte Irrtümer?

  • Liebe Forianer!


    Letztes Jahr war hatten wir einen sehr kalten und langen Winter. Hier war zu lesen, die Bienen seien schon so mächtig in Brut, können aber noch nicht raus, weil zu kalt oder sie finden noch nicht genug einzutragen, da die Vegetation noch hinterherhinkt. Notfütterung usw...
    Aha, jetzt denke ich mir: Die Volksentwicklung richtet sich also nach Tageslängen und nicht nach Vegetations- bzw. Temperaturverlauf. O.K.!


    Dieses Jahr stand hier zu lesen: Die ersten Trachten sind schon vorbei, bevor die Völker überhaupt stark genug sind, sie zu nutzen. Vegetation dieses Jahr offenbar vor entsprechender Volksentwicklung. Chey... die früheste Tracht bleibt ungenutzt usw...
    Aha, jetzt denke ich mir zum zweiten Mal: siehe oben: Die Volksentwicklung richtet sich nach Tageslänge und nicht nach Vegetations- bzw. Temperaturverlauf. O.K.!


    Jetzt lese ich hier aber häufig: Der vielerorts hohe Milbendruck erkläre sich aus der verlängerten Brutphase dieses Jahr. Wieso verlängert? Wenn, dann nur hintenraus verlängert, aber nicht vorzeitig begonnen! Siehe oben.
    Jetzt denke ich mir also dritten zum Mal: Lieber Peter, beatme Deine Gehirnzellen mal ruhig weiter! Der erhöhte Milbenfall infolge früher Vegetations- und Temperaturentwicklung gehört dann doch wohl ins Reich der oft wiederholten, deshalb aber nicht wahrer werdenden Irrtümer!
    Oder irre ich da jetzt?


    Gruß Peter

  • Der erhöhte Milbenfall infolge früher Vegetations- und Temperaturentwicklung gehört dann doch wohl ins Reich der oft wiederholten, deshalb aber nicht wahrer werdenden Irrtümer!
    Oder irre ich da jetzt?


    Ja, du irrst. Natürlich wird das Brutverhalten der Bienen stark von den Außentemperaturen und sicher auch vom Polleneintrag beeinflusst.
    Letztes Jahr z.B., als der Winter inkl. Frost bis Karfreitag andauerte, waren zumindest meine Bienen auch tatsächlich bis Anfang April brutlos. Aber der deutschsprachige Raum ist groß genug für unterschiedliches Wettergeschehen, kann schon sein, dass es andernorts mal Phasen gab, die mild genug waren, um die Bienen in Brut gehen zu lassen.
    Das heißt außerdem nicht, dass nur die Temperaturen relevant wären, wie überall gilt hier ein sowohl als auch. Die Jahreszeit bestimmt mit über die grundsätzliche Bereitschaft der Bienen auf Temperaturen zu reagieren. Werte von z.B. 10°C in der Nacht und über 15°C am Tag haben im März wohl ganz andere Auswirkungen als Ende Oktober. Anders gesagt: so ein Wetter wie wir jetzt in der zweiten Oktoberhälfte hatten, hat meine Bienen zwar weiter brüten lassen, aber nur in deutlich geringerem Maße als es die gleichen Temperaturen im März tun würden.


    Grüße,
    Robert



    Übrigens: für einen so umfassenden Treadtitel, wie du ihn gewählt hast, hätte es schon etwas mehr Substanz sein dürfen. Also etwas mehr Beispiele oder besser unterfütterte Thesen, finde ich...

  • ...erhöhte Milbenfall infolge früher Vegetations- und Temperaturentwicklung gehört dann doch wohl ins Reich der oft wiederholten, deshalb aber nicht wahrer werdenden Irrtümer!
    Oder irre ich da jetzt?


    Nein. Da irrst Du nicht. :wink:


    Die Amis hatten einen der härtesten Winter seit Langem - wir in Europa hatten einen sehr milden Winter. (2013/2014) Trotzdem gibt es hüben wie drüben genau die gleichen erhöhten Varroapopulationen. Wetterabhängig scheint damit der Varroapopulationsbefall nicht zu sein. Da muß noch was Anderes hereinspielen, etwas, das wir vielleicht noch gar nicht auf dem Schirm haben. Wie sonst könnte man solche interkontinentalen Phänomene erklären?

  • Hallo murphy&me,


    weil das eine stimmt, muss das andere nicht falsch sein - diesem Irrtum unterliegen sehr viele Menschen.


    Die grundsätzlichen Vorgänge im Bienenvolk werden durch die Jahreszeit gesteuert. Dies geschieht über die Tageslänge. Sozusagen die langfristige Struktur im Bienenleben.
    Oben drauf kommen jetzt aber noch die Witterungsbedingungen (die der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart, NICHT die der Zukunft), die die kurzfristige Struktur im Bienenleben beeinflussen.


    Das ist analog zur Entwicklung der saisonalen Phänologie bei den Pflanzen, z.B. der Laubverfärbung oder der Knospenentwicklung bei Bäumen.
    Der Start des Austriebs und der Beginn der Laubverfärbung werden grundsätzlich durch die Tageslänge gesteuert.
    Witterungsbedingungen, allen voran die Temperatur der jüngsten und aktuellen Zeit können das kurzfristig in gewissem Rahmen nach vorne oder hinten verschieben.


    Viele Leuten glauben dann obendrein auch noch daran, dass Bäume und Bienen irgendwie noch auf die Zukunft reagieren, quasi irgendwelche Prognosefähigkeiten bezüglich der Zukunft haben, die die Bienen/Bäume veranlasst, ihre Bruttätigkeit/Laubfall ebenfalls zu verändern.
    Aber das ist selbstverständlich vollkommener Unsinn, solange nachprüfbare Tatsachen fehlen und es nicht einmal auch nur den geringsten Hinweis darauf gibt, dass es so sein könnte.


    Wie sonst könnte man solche interkontinentalen Phänomene erklären?


    Bei einem so vereinzelten Ereignis sollte es kein Problem sein, erst einmal nur von einem einfachen Zufall auszugehen, ohne gleich wilde Spekulationen anzustellen.
    Erst wenn sich über die Jahre ein gehäufter Gleichklang einstellt (oder eingestellt hat), würde ich nicht mehr an Zufall glauben.
    Gruß
    hornet

  • Hallo Robert,


    schön, dass Du mir auf den Leim gegangen bist aufgrund des "umfassenden" Threadtitels! ;-) Großen Dank aber auch für Deine dennoch differenzierte Antwort! März/April oder Oktober macht trotz gleicher Temperaturen sicher einen Unterschied im Brutverhalten und den Chancen für die Varroamilbe. Stichwort exponetielles Wachstum...


    Viel mehr als die gebotene Substanz aus eigener Erfahrung kann ich im zweiten Jahr tatsächlich nicht bieten. Außer der Beobachtung, dass die Bienen aus meinem ersten Jahr (2013), egal, ob sie tief verschneit im Harz gestanden haben oder hinter meinem Büro in der niedersächsischen Tiefebene tatsächlich gleichzeitig einen großen Gewichtsverlust aufwiesen - das heißt für mich erhöhter Futterverbrauch für neue Brut.


    Mir geht's um eine Gewichtung der doch sehr vielen Faktoren, die denn so genannt werden hier, um die aktuelle Situation um den Milbenfall erklären zu können.


    Gruß Peter
    (der, wenn allumfassend wisend, seinen Titel ja auch nicht unter "Anfängerfragen" eingestellt hätte! ;-)
    Mal sehen, was andere vielleicht noch schreiben aus dem "deutschsprachigen" Raum... Ganz daneben bin ich sicher nicht mit meinen Beobachtungen!

  • Erst wenn sich über die Jahre ein gehäufter Gleichklang einstellt (oder eingestellt hat), würde ich nicht mehr an Zufall glauben.


    Das geht schon länger so, knapp 10 Jahre, ein gewisser Gleichklang drängt sich mir auf. Vielleicht sehe ich auch nur Gespenster. Ist reine Spekulation. Da müßten wir mal die Verlustraten auf internationaler/-kontinentaler Ebene miteinander abgleichen.

  • Bernhard : 2013 begannen die Völker im März, Brutnester anzulegen. Durch den Kälteeinbruch im April erfror die Brut (und die enthaltenen Varroen) und auch die Königinnen hörten zu stiften auf. Nach Ende der Kälteperiode begannen die Königinnen aller Völker dann wieder wie auf Kommando zu stiften. Das zeigt doch wohl den Einfluss der Außentemperaturen.
    In 2014 begann die Brutperiode früh im März und wurde durch nichts gestoppt.


    Gruß Ralph

  • Ähem...sieh' mal: http://www.imkerforum.de/showthread.php?t=32506 => Ich halte es so, wie Hornet es oben sagt:

    Zitat

    Das ist analog zur Entwicklung der saisonalen Phänologie bei den Pflanzen, z.B. der Laubverfärbung oder der Knospenentwicklung bei Bäumen.
    Der Start des Austriebs und der Beginn der Laubverfärbung werden grundsätzlich durch die Tageslänge gesteuert.
    Witterungsbedingungen, allen voran die Temperatur der jüngsten und aktuellen Zeit können das kurzfristig in gewissem Rahmen nach vorne oder hinten verschieben.


    Hier die Völkerverluste im interkontinentalem Vergleich. Für die USA und Deutschland habe ich die offiziellen Zahlen genommen. Hier sind durchaus gleichwertige Bewegungen zu erkennen, in den letzten Jahren reagiert die USA was Winterverluste betrifft um ein Jahr versetzt nach hinten.



    Die gelbe Linie wird anhand der Angaben von David Heaf gezeichnet, der in Britannien seine Imkerei hat und seit 2007 seine Völker nicht mehr behandelt hat. Seine Ausschläge sind genau umgekehrt zu den behandelnden Imkern in DE und USA. Beinahe antizyklisch. Wobei hier der Vergleich mit den anderen Imkern in dem United Kingdom fehlen. Hier finde ich (noch) keine offiziellen Zahlen.

  • Hallo Bernhard,


    die Synchronisation zwischen USA und Deutschland ist schon seltsam. Aber das Auf und Ab, der Verluste durch Varroa (bei einem einzelnen Imker) ist eigentlich nicht sonderlich verwunderlich.


    Jungvölker überwintern allgemein besser, als Altvölker. Was tut man gemeinhin, wenn man größere Überwinterungsverluste hat? Man baut als Ersatz neue, junge Völker auf. Die kommen gut durch den Winter, also braucht man im folgenden Jahr nicht ganz so viele Völker neu aufzubauen, weil man die Völkerzahl ja eigentlich konstant halten will. Nur sind die ehemaligen Jungvölker jetzt keine Jungvölker mehr, sondern stehen vor ihrem zweiten Winter. Entsprechend sind die Winterverluste wieder höher und das Spiel geht von vorne los.
    Wenn dieser Zyklus erst einmal z.B. durch einen ungünstigen Witterungsverlauf bei vielen Imkern zusammenfällt, läuft dieses Auf- und Ab- nahezu von selber weiter.


    Die Kurve von David Heaf macht Mut. Das Auf- und Ab- ist in den ersten Jahren ebenfalls gut zu sehen. Aber schaut man sich die letzten Jahre an, könnte man fast glauben, er wäre erfolgreich durch das "Tal der Tränen" gegangen.




    Gruß
    Ludger

  • Bernhard : 2013 begannen die Völker im März, Brutnester anzulegen. Durch den Kälteeinbruch im April erfror die Brut (und die enthaltenen Varroen) und auch die Königinnen hörten zu stiften auf. Nach Ende der Kälteperiode begannen die Königinnen aller Völker dann wieder wie auf Kommando zu stiften. Das zeigt doch wohl den Einfluss der Außentemperaturen.
    In 2014 begann die Brutperiode früh im März und wurde durch nichts gestoppt.


    Gruß Ralph


    Das sehe ich genauso, aber die Tageslichtmenge ist der Taktgeber in der Natur, siehe z. B. die Legeleistung der Hühner. Der kleinere Teil des Einflusses hängt dann von stark abweichende Witterungsverhältnissen ab.

  • Die Völkerverlustumfrage im Internet zu beobachten ist eine sehr interessante Sache. Institute, Imkervereine, Foren und so weiter - alle machen Umfragen.
    Die einen haben im gleichen Jahr viele Verluste, bei den anderen sind es eher weniger, also wo ist die Ausgangsbasis für konkrete Vergleiche. Diese gäbe es nur, wenn wie in der Landwirtschaft bei der Geburt eines Tieres eine Meldung an ein Zentralregister er gehen muss, ebenso bei Verkauf oder Ableben.
    Wer macht bei Umfragen mit ? Diejenigen die sich ihrer Verluste schämen, die anderen die mit ihren Erfolgen sich nicht verstecken müssen?
    Ich verlasse mich auf meine Beobachtungen und da muss ich sagen, dass die Chancen einer erfolgreichen Überwinterung die letzten Jahre wieder besser geworden ist.
    Was aber nicht heißen will, dass es keine Probleme gäbe, beziehungsweise mancherorts regional fast unmöglich ist vernünftige Bienenhaltung zu betreiben.

  • Hallo Imkerfreunde


    mit solchen exakten Werten wie Bernhard kann ich nicht aufwarten, aber meine Beobachtungen werden durch die Tabellen zum Teil bestätigt.
    Ich bin der Meinung das man neugekaufte varroaarme Bienenvölker, vornehmlich auch Schwärme, 2 Jahre ohne oder mit unzureichender Varroabehandlung halten kann. Im 3.Jahr brechen sie aber dann oft zusammen und hier kommt die Erfahrung des Imkers ins Spiel. Hat er gelernt varroafreie Jungvölker jedes Jahr zu erstellen, werden Verluste ausgeglichen oder verhindert.
    Der Einfluß des Wetters und der Temperaturen ist relativ gering, da es sich ja maximal um 3 Wochen handelt, also brechen die Völker 3 Wochen eher oder später zusammen.

    Gruß Reinhard / Lehre mich die wunderbare Weisheit,daß ich mich irren kann.(Teresa v. Avila)