Sozialisation vers. Genetik

  • Hallo Imker/innen,


    die ewige Frage, ob die Entwicklung eines Individuums eher durch das soziale Umfeld, oder die Genetik bestimmt wird, beschäftigt mich im Zusammenhang mit der Räuberei, die mich derzeit in Stress bringt.


    Tatsache ist doch, dass Räuberei auch gelernt wird. Die unbelehrbaren Imker, die ihr Wabenzeug im Freien ausschlecken lassen, werden ihre Quittung erhalten. Vermutlich sind das die sehr effizienten Lern-Prozesse der klassichen Konditionierung, eine Funktion, die den meisten Kreaturen angeboren ist. Der Lernprozess selber ist also genetisch bedingt. Aber warum räubern dann nicht ALLE Völker bei gleicher Situation?


    Handelt es sich bei den Räubern vieleicht um besonders lernbereite Bienen, die Informationen schnell und erfolgreich verarbeiten und folglich auch höhere Leistungen und Erträge bringen?


    Sammelleistung ist ein Zuchtkriterium. Könnte es sein, dass die Sammelleistung eines Volkes, die ja über die Genetik der KÖ bestimmt wird, korreliert mit der Motivation zur Räuberei?


    Was sind Euere Erfahrungen dazu?


    schönen Tag und viele Grüße
    Gerhard

    Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind sich so sicher und die Klugen zweifeln so sehr.

  • Hallo Freunde,
    ich habe zur Zeit ebenfalls mit Räuberei zu kämpfen gehabt, jedenfalls bis gestern. Ich frage mich, ob es eine Kombination aus sehr starken, eng und mit wenig Honigvorrat geführter Völker, bei größerer Anzahl der Völker auf einem Platz und einer evtl. eintretenden Trachtlücke ist, die manche zu Räubern macht. Schließlich tritt bei uns das Problem erst Anfang August, nach der Linde auf. Jedenfalls habe ich in der letzten Woche zwei Dinge gelernt.
    1. Ich weiß jetzt, warum in ordentlichen Imkervereinen, jedes Jahr aufs neue besprochen wird, was in diesem Monat zu tun ist. Dass man im August nicht Mittags an die Bienen geht hatte ich eigentlich schon letztes Jahr gelernt und auch schon wieder vergessen.
    2. Da arbeite ich jetzt schon seit Jahren mit dem Riesenganzkörperkondom + Schleier und Handschuhen an den Bienen, schwitze mich jedesmal fast zu tode, mach mich zum Gespött der anderen Imker und trotzdem sticht mich so ein Mistvieh doch tatsächlich in die Hand als ich auf dem Beifahrersitz meines Superimkerautos nach Handschuhen, Schleier und Besen greife weil so eine halbtote Vertreterin ihres Standes noch irgendwo versteckt saß. Und, wie sollte es auch anders sein, zwischen oder besser gesagt an der Landverbindung zwischen Ring- und Zeigefinger der rechten Hand, piekst es, wird rot und Dick, bis die Handoberseite fast komplett aufgedunsen aussieht, spannt und beim Daddeln schmerzt. Gott bin ich doof.
    Viele Grüße
    Wolfgang

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis größer als in der Theorie, also theoretisch.

  • Hallo Freunde,
    2. Da arbeite ich jetzt schon seit Jahren mit dem Riesenganzkörperkondom + Schleier und Handschuhen an den Bienen, schwitze mich jedesmal fast zu tode, mach mich zum Gespött der anderen Imker und trotzdem sticht mich so ein Mistvieh Viele Grüße
    Wolfgang


    Nicht trotzdem, sondern,weil.


    So gekleidet, bekommst du kein Gefühl für die Bienen

  • Weisellosigkeit und zu junge Königinnen für diese Jahreszeit (siehe Thread TBE mit Nachschaffung) können auch Gründe für Räubereiprobleme sein. Eine Korrelation mit irgendeiner Rasse konnte ich bisher nicht sehen, wenn es losgeht sind alle dabei.

  • Danke Lux,
    jedenfalls mit Handschuhen wäre das nicht passiert, geschah es doch vorm Einkleiden im Auto. Und, Laboratoir Gemüs kann Zuhause bleiben, selbst kleinste Fältchen werden geglättet, ein Handrücken wie ein Kinderpopo. Bei mir, und leider steht in diesem Fall der Fehler tatsächlich hinter der Beute ( schöne Grüße Doc. ) war es unachtsamkeit des Imkers bzw. die Kombination aus einem nach Bienenhaus riechenden Kellers und einem undichten ( selbst gebasteltem ) Garagentor. Am Stand traf es ein Wirtschaftsvolk, bei dem ich die Bienenflucht für die letzte Ernte eingelegt habe. Was soll ich sagen, selbst gebastelte Beute von mir und ein kleiner Spalt führten zu fast 2o kg Honigernteverlust innerhalb eines Tages. Man wird so alt wie ne Kuh, und lernt immernoch dazu, vor allem, wenn man wie ich jeden Tag neue Freunde hat.
    Viele Grüße
    Wolfgang, der gerade Suchinie für das KPIT einlegt und saure gelbe Bohnen

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis größer als in der Theorie, also theoretisch.

  • Und noch was Lux,
    wer wie Du offensichtlich im Anzug mit Fliege zu den Bienen geht, sollte ganz ruhig sein :-). Was machst Du, wenn dich eine sticht, sie verklagen?
    Wolfgang, der hofft dass Lux etwas Spaß versteht.

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis größer als in der Theorie, also theoretisch.

  • Aber warum räubern dann nicht ALLE Völker bei gleicher Situation?


    Hallo,


    ich würde mal sagen, dass Bienen aller Völker räubern, wenn sich die Gelegenheit bietet. Besonders gerne beräubert werden Völker, wenn Sie mit Zuckerwasser gefüttert wurden, da spielt es auch keine Rolle, ob man das am Abend oder tagsüber in kleinen oder großen Mengen macht.


    Der einzige Ableger, der momentan keine Belästigungen und ständigen Streß durch Räuber ertragen muss, wurde von Anfang an ausschließlich mit Futterteig gefüttert. Der entwickelte sich zu Beginn zwar geringfügig langsamer, ist aber momentan ganz klar im Vorteil.


    Wenn die Räuber erstmal wissen, wo es was zu holen gibt, dann hilft auch das spätere Umstellen auf Futterteig nicht mehr, sondern nur das Verstellen der Beute. Möglicherweise verströmt auch das in die Waben eingelagerte Zuckerwasser weiterhin den süßen Duft der günstigen Gelegenheit.


    Und das, obwohl ich um so etwas zu vermeiden Phacelia, Weißklee und andere Bieneweide angepflanzt habe, die momentan voll in Blüte steht. Da gäbe es ausreichend Nektar und Pollen, da interessieren sich allerdings eher Schwebefliegen, Hummeln und Wildbienen dafür.


    Gruß Sven

  • Wenn die Bienen die Bienenweide nicht befliegen, dann gibt es da nichts in ausreichender Menge. Bienen befliegen immer die Trachtquellen, wo es am meisten honigt.
    Und das ist nicht selten ein Ableger, der zu klein oder zu spät gebildet wurde. Oder der sich nicht ausreichend verteidigt. Warum auch immer. Gründe dafür gibt es noch mehrere. Oft den Imker, der hinter der Beute steht.

    Grüße Luffi


    Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. :u_idea_bulb02:

    (Lucius Annaeus Seneca - römischer Politiker, Dichter und Philosoph - * 4 v.Chr, † 65)