Muss man Spättrachten nutzen?

  • Hallo Zusammen,


    mich treibt schon länger ein Gedanke um, den heut der Henry zufälligerweise in einem anderen Fred aufgegriffen hat. Das Thema würde aber nicht dazu passen, deshalb hab ich mal einen neuen erstellt um das zu diskutieren.
    Es geht darum dass Berufsimker in der Spättracht bis zu 30% ihrer Völker einbüßen.
    Vielleicht liegt es daran das ich die Imkerei nur als Hobby betreibe oder vielleicht bin ich einfach ein Weichei, aber Mir blutet irgendwie das Herz, wenn ich dass Höre, das Völker sich in der Tannentracht zu "Tode" arbeiten müssen.
    Irgendwie verliert da das Imkern für mich seine schöne Seite bzw. Seine " Unschuld" weil das erinnert mich einfach nur an die Industrielle Landwirtschaft, dort wird auch mit allen Möglichkeiten der letzte € aus dem Boden, der Kuh, dem Huhn herausgequetscht.


    Mich würde mal interessieren wie ihr so darüber denkt, oder ob ich doch bloß ein Weichei bin :roll:



    Viele Grüße,


    Maxikaner

  • Gegenfrage:


    Muss man Fleisch essen und damit Schweine, Rinder etc. halten und schlachten?


    Diese Frage hat viele Antworten und so ist es bei den Biens und ihren Trachten auch.


    Naturromantikertum können sich in meinen Augen jedenfalls nur naturfremde Menschen leisten.
    Das Gegenteil, nämlich nicht nachhaltiges (oft großindustrielles) Ausbeuten natürlicher Ressourcen ist natürlich ebenso eine Sackgasse.
    Wie so oft ist der goldene Weg irgendwo dazwischen.


    Gruß
    hornet

  • Hi Hornet,


    ich hab mit Fleischessen und töten kein Problem. Die Massentierhaltung ist mittlerweile leider so aus dem Ruder gelaufen, keine Frage. Leider hat die EU den Hausschlachtungen den Riegel vorgeschoben und der Bauer der doch noch zuhause schlachtet, darf das nur noch für den Eigenbedarf, nicht mal verschenken wäre erlaubt.
    Ich esse auch gerne Wild, denn dass war bis zu seinem Tod wirklich Art gerecht "gehalten".
    Ich esse z.B. Kein Lamm und kein Kalb, weil ich Jungtiere schlachten daneben finde.
    Und dass hat beileibe nichts mit Naturromantik zu tun, ebensowenig bin ich Naturfremd.
    Ich esse sehr gerne Tannenhonig von daher hab ich mich jetzt eine Zeitlang damit befasst.
    Dadurch dass der Großteil hier hobbyimker sind, interessiert mich einfach die Meinung der anderen.
    Es sind bei solchen großen Imkern bestimmt Völker dabei die einen unglaublichen Varroadruck haben und sich im wahrsten Sinne des Wortes im Wald zu Tode arbeiten.
    Für sowas bin ich glaub ich einfach nicht gemacht.



    Grüße,


    Maxikaner

  • Hallo Maxikaner. Die Bienenvölker arbeiten sich in der Tannentracht ab, das ist aber bedingt durch den Pollenmangel, ( kein Pollen keine Brut ) weil nur überwiegent Honigtau eingetragen wird. Deshalb bildet der Imker rechtzeitig Ableger um den Verlust wieder auszugleichen. Das war schon immer so und wird auch so bleiben.


    Gruß Josef

    Buckfast . 10 Völker . DNM Holzbeuten 13 ner Zargen . Dadant US Frankenbeute. Königinnenzüchter.

  • kommt halt auch darauf an welche Tracht man spät anwandert. Bei uns z.Bsp. is das Springkraut sehr spät und gibt eine super Trachtquelle. Der Honig is lecker, Pollenversorgung is gut und einfüttern brauch ich auch nich.

    Carnica und Buckfast in Segeberger Styro DN u. DN 1,5

  • Ich denke, es kommt auch auf den Standort an. Hier, Ortsrandlage mit 200m zum Wald, gabs letztes Jahr wunderbar Tannen- und Fichtentracht bis spät in de August. Aber alle Völker haben es gut überstanden, vielleicht durch die gute Pollenversorgung. Gruss, Jan

  • Und nicht zu vergessen, die "Biologie" der Biene:


    Die einzelne Biene, die im August noch lebt, ist im Oktober bestimmt schon tot, weil eben abgearbeitet.
    Das Bienenvolk "überlebt" ja nur, weil immer ausreichend Bienen nachkommen.
    Wie schaut es aber aus, wenn man 1 Bienenvolk auf 2 Kästen aufteilt, dann aber nur in einem der beiden Kästen neue Bienen nachkommen....
    Irgendwann ist dann einer der beiden Kästen leer.


    Das ganze kann man halt nicht mit ner Kuh oder nem Pferd vergleichen, das irgendwann mal tot auf der Weide liegt.


    Stefan

  • Hallo Maxikaner. Die Bienenvölker arbeiten sich in der Tannentracht ab, das ist aber bedingt durch den Pollenmangel, ( kein Pollen keine Brut ) weil nur überwiegent Honigtau eingetragen wird. Deshalb bildet der Imker rechtzeitig Ableger um den Verlust wieder auszugleichen. Das war schon immer so und wird auch so bleiben.


    Gruß Josef


    Hallo Josef,


    muss man die Völker irgendwie auf die Tannentracht vorbereiten?
    Lavendel hat ja auch keine Pollen, in dem Zusammenhang hab ich mal gehört, dass die Völker eine besondere Vorbereitung brauchen.


    Nimmt man in der Tannentracht dann gezielt "Altvölker" die man eh umweiseln würde, oder nimmt man z.B. Auch 1 Jährige Kös und ersetzt die dann trotzdem gegen eine neue?



    Ich merk schon, es scheint echt so zu sein, dass ich da ein bisschen ein Weichei bin.


    Grüße,


    Maxikaner

  • .... sich im wahrsten Sinne des Wortes im Wald zu Tode arbeiten.


    Hi Max,


    wenn man die Verluste bis in den nachfolgenden Winter mit einbezieht, dann würden wohl auch die allermeisten Rapstrachtvölker nicht besonders gut abschneiden. Alles, was intensiv genutzt wird, führt halt zu einem übermäßigen Verschleiß.


    Gruß Sven

  • Hi Max,


    wenn man die Verluste bis in den nachfolgenden Winter mit einbezieht, dann würden wohl auch die allermeisten Rapstrachtvölker nicht besonders gut abschneiden. Alles, was intensiv genutzt wird, führt halt zu einem übermäßigen Verschleiß.


    Gruß Sven


    Hi Sven,


    genau das stimmt nicht. Weil nach dem Raps immer noch genügend Bienenmasse produziert wird.
    Selbst wenn ein Volk all seine Flugbienen im Raps verlieren würde, geht es mit ziemlicher Sicherheit ganz normal in den Winter. Vorraussetzung natürlich ist die Junge Königin.


    Für eine Tannentracht braucht man Starke Völker, das heißt keine TBE im Vorfeld. Da man ja noch in die Tracht wandert, ist auch eine konventionelle Varroabehandlung nicht möglich. Also werden die Völker mit hohen Varroadruck in den Wald gefahren, wo sie keine Pollen finden und das Brutgeschäft zurückfahren.
    Ohne Ableger am Heimatstadt zum verstärken, wären diese Völker tot bis zum Winter.


    Das ist in meinen Augen ein Riesen Unterschied zu einer Rapstracht.


    Grüße


    Maxikaner

  • Hallo Maxikaner
    Das "Einbüßen" der Wirtschaftsvölker ist hausgemacht von den Imkern
    Ich fahre z.B. 50 Völker in die Tannentracht ,vereinige jedesmal die Hälte und bringe dann den Rest wieder mit nach Hause.
    Dann sinds plötzlich 50% Verlust, wenn das vorhergehende mit dem fehlenden Pollen so zutreffen würde hätten wir im Schwarzwald schon längst keine Bienen mehr.
    Auch die Imker die bei uns keinen Ausweichplatz haben müssen ja ihre Ableger auch da lassen .
    Also würden die sich dann auch abschaffen ?
    Eben nicht!!!

  • Hallo Max!


    So was kann man programmatisch und pragmatisch betrachten.


    Programmatisch ist es natürlich eine riesengroße Sauerei, dass man Völker einfach so lange in der Tracht lässt bis die Völker den Winter nicht überleben würden.


    Pragmatisch betrachtet - und das ist eher die Realität - geht es um Trachtnutzung. Du isst gerne Tannenhonig. Diesen Tannenhonig sammeln solche Völker, die zum Ende der Tannentracht vorgenannte Schwierigkeiten mit der Überwinterung haben würden, wenn der Imker da nicht eingreift.


    Das große Problem bei dieser Spättrachtbetriebsweise ist die Varroamilbe, die es so früher nicht gegeben hat. Durch diese sind mit zunehmender Trachtdauer und damit auch zunehmenden Bienenmasseumsatz (blödes Wort, mir fiel gerade kein besseres ein...) eine zunehmende Verseuchung der Völker mit Milben und Viren im Gange. Noch dazu das geringere Pollenangebot in der Tanne reduziert dann die Brut und es fehlen die Jungbienen und die Winterbienen. Was macht der Imker um Tannenhonig zu ernten und im kommenden Jahr genügend Völker für den Raps und andere Trachten zu haben?
    :Biene:


    Er bildet viele Jungvölker und die sind das Rückgrat jeder Berufsimkerei. Auch der im Nebenerwerb geführten kleineren Wanderimkereien.


    So ist es nun einmal derzeit....


    Ich selbst möchte mich da nicht ausschließen.
    :wink:


    Auch ich "werfe" Völker zusammen, um Trachten besser zu nutzen.
    Effektiver zu nutzen und um mehr Honig zu erhalten.


    Gerade wenn das Bienenjahr zu Ende geht und die Völker den Brutumfang reduzieren und sich auf die bevorstehende Überwinterung einstellen, dann ist so ne Spättracht einfach nicht zeitgemäß und zu "spät" eben.


    Aber der Kunde wie der Maxikaner mag nen Tannenhonig und dann wird dem Kunden gegeben was er mag: Tannenhonig!


    Ich mache es beim Zusammenwerfen meistens so, dass ich bei einem Volk die Königin und die nach Möglichkeit offenen Brutwaben entnehme und mit nach Hause nehme. Es wird gleich gegen Varroamilbe behandelt und gefüttert und es gibt neue Mittelwände. Das sind dann auch die etwas weniger leistungsfähigen Königinnen, die dann im Herbst mit einem Miniplus mit neuer Königin umgeweiselt werden. Die alte geht raus. Z.B. geht sie auch raus, wenn die mir aus irgendwelchen züchterischen Gesichtspunkten nicht gefällt oder mal in der Rapstracht Schwarmzellen hatte, oder zu stichig war, oder....


    Es bleiben bei mir immer die Königinnen bis zum Schluss in der Tracht, die sich im Verlauf des Wirtschaftsjahres als herausragend gezeigt haben. Selektion! Und diese kriegen dann auch die Brutwaben der ausselektierten Königinnen.


    Manches Mal wird dann auch die besonders gute Königin für die Zucht im nächsten Jahr heraus genommen aus der Tracht, weil die ja von der Legeleistung geschont werden soll. Auch dies ist eine Möglichkeit.
    Wollen ja dann im kommenden Jahr der ein oder andere Jungimker wieder guten Zuchtstoff haben, oder?
    :wink:


    Die in der Tracht mit den Verstärkungswaben und Trachtbienen verbliebenen Völker werden dann auch richtige Varroaschleudern. Und drei Wochen später ist die Brut auch endlich ausgelaufen.
    Ende Juli, spätestens Anfang August wandere ich aus der Tanne ab und dann gibt es eine totale Bauerneuerung mit frischen Mittelwänden und Brutscheunen für die alten Brutwaben.


    Diese zur Tannentracht jetzt mit vielen jungen Bienen verstärkten Völker machen noch schöne Völker für das kommende Jahr und gehen mit der alten Königin in ein neues Jahr. Sollte dann noch eine alte Königin dabei sein, die ausselektiert wird, dann gibt es eine junge Königin aus den Miniplusvölkern.


    Was würden natürlicherweise vorkommende Völker im Schwarzwald machen, die an ihre Baumhöhle gebunden sind und es honigt die Tanne? Die Natur würde auch hier selektieren. Auf Überleben und auf Arterhaltung.


    Was macht der Imker?


    Er selektiert auf Honigertrag und sonstige Gesichtspunkte. Z.B. auch den äußerst wichtigen Flügelindex.
    :cool:


    Mein liebster Index in der Bienenzucht ist der Honigkübelindex...
    :daumen:

    Grüße Luffi


    Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. :u_idea_bulb02:

    (Lucius Annaeus Seneca - römischer Politiker, Dichter und Philosoph - * 4 v.Chr, † 65)

  • Hallo Max,


    nach den ausführlichen Darstellungen (Danke Luffi:p_flower01:):


    Wir tun also mal so als seist Du ein echtes Weichei :wink: und obendrein noch Hobbyimker aus reiner Liebhaberei - aber eben einer, der gern selbst Tannenhonig ißt, und der wen kennt, der wieder wen kennt, die auch alle gern den Tannenhonig beim Hobbyimker kaufen würden, so er denn welchen hätte.


    Der aber liebt seine paar Völker so, der könnte die nie aus dem Vollen schöpfend in die Tanne fahren. "Seht zu, dass ihr was einbringt, wer übrig ist, hat`s verdient und wird reichlich gepäppelt.
    Nein, der würde sich vorher noch überlegen, was er denn tun könnte.
    Er könnte Pollenwaben mopsen bei Völkern, von denen er weiß, dass sie noch was Nachschub sammeln können in der Zwischenzeit. Ebenso könnte er bei Trachtschluss am Heimatstand anstatt KS zu machen, die HR-Bienen mitsamt den leeren Honigräumen mit in die Tanne verfrachten, indem er sie vorher den Wandervölkern aufsetzt, zusätzlich gibts noch wie oben schon geschildert die spendierten Brutwaben.
    Das müsste doch gehen?


    Ich seh das auch zweiteilig. "Herzloses" Verheizen, ist es, so glaube ich, nicht. Es ist ein geplantes Vorgehen und Umgehen mit bekannten Größen an Einbußen und Risiko.
    Wenn ich einen Bordercollie habe, der unbeschäftigt völlig neurotisch würde, und dem jetzt durch einige Ausbildungen so richtig Arbeit verschaffe, dann ist der Vierbeiner glücklich-ausgelastet, er frönt seinen Instinkten, sinkt zufrieden in den Korb am Abend und hat gleichzeitig das Risiko, sich dabei zu verschleißen oder zu verletzen.
    Ein Pferd ist ein Lauftier, nur rumstehen oder -trotten und den ganzen Tag mampfen ist eigentlich nicht sein Tagewerk allein. Auch ohne Hochleistungssport besteht aber bei körperlicher Forderung "in Maßen" immer ein Risiko - die freie Prärie für Kilometerlange Besorgungs- etc. Märsche bieten wir keinem mehr wonirgends, und dann ist da der menschliche Faktor eben.
    Wo ist also der Mittelweg?


    Eine Biene, die Tracht findet wird nie im Stock auf den Kalender gucken und sagen: Nä, Mädels, ist schon August, lasst mal die Tanne, Tanne sein. Die tun, was sie tun müssen, manche mehr, manche weniger aber: sie Sammeln.
    Späte, moderate Trachten halte ich persönlich für eine gute Sache. Alte Tanten machen das, was sie tun sollen. Winterbienen würden da nicht auf die Idee kommen, sich zu beteiligen, und irgendwann bleiben die alten im Felde und gut ist`s, die anderen Invertieren noch und machen Innendienst zu Ende, sterben dann später in den Winter rein natürlicherweise.


    Ob eine trachtarme bis fast trachtlose Zeitphase mit Rumgammeln und Schlürfen und Einlagern von fertig invertiertem Futter nun "artgerechter" ist?
    :wink:Frag mal ne Biene! :Biene:


    Grüße


    Marion (meine persönliche Meinung, Spättrachterfahrung nur mit standbedingter Balsamine, noch nie geerntet)

    "Wer die Leidenschaft als Jugendsünde abtut, degradiert die Vernunft zur Alterserscheinung".
    Hans Kasper

  • Hallo Luffi und Marion,


    vielen Dank für eure Antworten!
    Die haben schon Licht ins Dunkel gebracht. Mein Fazit ist auf jedenfall, dass man sich Spättrachten nur erlauben kann, wenn man eine Ausreichende Anzahl an Völkern hat.


    Ich glaub ich bin da wirklich ein bisschen Weicheimässig, :wink:denn letzte Woche habe ich meine ersten selbst gezüchteten Königinnen gezeichnet und hab mich echt gefreut was für schöne Kös daraus geworden sind und dachte mir wie schade das wäre, die nächstes Jahr in der Spättracht zu "verheizen"


    Also Spättracht nur für Imker die aus den vollen schöpfen können!


    Viele Grüße und schöne Woche,


    Maxikaner