Zuchtziele

  • Hallo,
    hier gleich noch eine Frage eines "Unbedarften":
    Ich verstehe, trotz Lehrgang etc, immer noch nicht, warum Bienen die "Stechlust" aberzogen werden soll.
    M.E. handelt es sich hierbei nämlich eher um eine Art "Verteidigungsbereitschaft", die ja auch Vorteile für den Imker hat. Es soll ja Bienen geben, die zumindest tolerant gegen z.B. die Varroa-Milbe sind, nämlich aus dem Herkunftsland derselben. Diese sollen aber auch ziemlich übel stechen.
    Räuberei von anderen Insekten gegen z.B. afrikanisierte Bienen findet angeblich praktisch nicht statt, auch die sind wohl üble Stecher.
    Meine Bienen stechen auch, obwohl sie bei ihrem vorherigen "Herrchen" relativ handzahm waren. Das mag vielleicht am Standort liegen, an einer Verkreuzung der Königin definitiv nicht, denn das war ja letztes Jahr noch die alte...
    Varroen gibt es trotzdem genug:-(, aber man kann sich ja richtig anziehen...
    Was meint Ihr dazu?


    Gruß
    Martell

  • Hallo Martell,


    mal anders herum gefragt: welche Vorteile würdest Du in einer bewusst gewollten Stechlust sehen???


    Ich bin froh, mit sanften Bienen arbeiten zu können, im T-Shirt und kurzer Hose. Meine Nachbarn auch.


    LG
    KME

  • Hallo Kai-Michael,
    bitte nicht falsch verstehen, ich sehe nur einen Gegensatz zwischen natürlich vorhandenen oder, aus welchen Gründen auch immer, züchterisch gewollten Eigenschaften wie der "Stechlust" mit Effekten wie Varroatoleranz etc. und dem Willen, genau diese Eigenschaften wieder wegzuzüchten.
    Ich weiß natürlich nicht, warum nun gerade die asiatischen Bienen, die sich in ihrer Entwicklung schon lange der dort natürlich vorkommenden Varroa stellen mußte und tolerant gegen sie ist, auch ziemlich stichig sind. In einigen Artikeln habe ich gelesen, diese Toleranz läge viel eher an dem ausgeprägten Putztrieb...
    Fest steht, es ist eine natürliche Eigenschaft, eben wie das Verteidigen des eigenen Baues gegen Eindringlinge mit dem Stachel.
    Ich frage mich, ob wir uns einen Gefallen damit tun, diese natürlichen Eigenschaften wegzuzüchten.
    Als ich mich entschied, mit der Imkerei anzufangen, wußte ich nur, daß Bienen stechen, um sich zu verteidigen. Also habe ich mich darauf eingestellt und trage Anzug, Schleier und Handschuhe. Hätte ich bei meinen "Wilden" darauf bestanden, in kurzer Hose mit ihnen arbeiten zu können, dann hätte ich die Imkerei nach zwei Nachschauen wieder an den Nagel gehängt, denn wie oben beschrieben, ich habe anscheinend einen schlechten Stand gewählt.
    Natürlich war ich auch von den Kirchhainer Bienen angetan, das ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man den Kopf mal über den offenen Kasten halten kann und danach die Augen nicht zuschwellen :lol:, aber die grundsätzliche Frage bleibt...
    By the way: Warum (und das erschließt sich mir ja auch nicht) "afrikanisiert" man Bienen?


    Grüße aus Nordhessen
    Martell

  • Moin Martell!


    Ich denke die Verteidigungsbereitschaft am Flugloch gegen Eindringlinge wie Mäuse, Raubinsekten oder menschliche Hände ist eine andere als die, die dir oben am geöffneten Volke begegnet.
    Am Flugloch sitzen die Bienen mit gezücktem Stachel, sobald gewisse auslösende Parameter auftreten wie hektische Bewegungen, gewisse Düfte, oder, oder, oder. Zudem sitzen die Altbienen meist fluglochnah, hingegen sind in dem /den BR, insbesondere im oberen Bereich, auch viele Jungbienen.
    Bekommst du bei sanftem (!!!) Öffnen der Beute bereits Angriffe und Stiche ab, ist dieses Volk meiner Definition nach stichig. Ist das einmalig der Fall, okay, aber bei regelmäßigem Verhalten wie diesem habe ich schon die Umweiselung im Kopf. Da gibt`s kein Vertun.
    Dennoch verteidigen auch meine sanften Völker ihre Fluglöcher sehr effektiv gegen Spurbienen anderer Völker wie auch gegen Hummeln, Wespen, vermutlich auch Mäuse, etc..
    Es soll bzgl. Sanftmut überzüchtete Stämme geben, wo die Bienen sinngemäß vor Allem und Jedem weglaufen, auch am Flugloch. Aber solche Stämme sind auch in imkerlicher Obhut meines Erachtens der Selektion ausgeliefert, da sie ziemlich schnell Räuberei oder sonstigem Freßfeind zum Opfer fallen (müssen).
    Es geht auch hier, wie so oft im Leben, um den güldenen Mittelweg: Vitalität vs. Aggressivität.


    Dazu kommt natürlich auch die Herangehensweise des Imkers an die Bienen, und diese erfordert das gewisse Etwas: Sensibilität für den Bien.
    Dann kannst du auch "unruhige" Völker, die manch Anfänger schnell in die Flucht schlagen würden, problem- und handschuhlos bearbeiten. Ist sicherlich Übungs- und Einstellungssache.


    Zum ursprünglichen Themenansatz:
    Insbesondere heutzutage ist eine friedliche Biene meist Grundvoraussetzung für ein zivilisationsnahes und sozialverträgliches Imkern. Außerdem macht sie dem Imker Spaß, da er sommers nicht im Mondanzug zu den Bienen [U]muß[U].
    Aus all diesen Gründen wird heute bei der Bienenzucht auf Sanftmut viel Wert gelegt.


    Gruß
    Patrick

    Et kütt wie et kütt und et hätt noch immer jut jejange!

  • Hallo Kai-Michael,


    Ich weiß natürlich nicht, warum nun gerade die asiatischen Bienen, die sich in ihrer Entwicklung schon lange der dort natürlich vorkommenden Varroa stellen mußte und tolerant gegen sie ist, auch ziemlich stichig sind.
    Grüße aus Nordhessen
    Martell


    Hallo,


    schön, dass Du Dich mit dem Thema beschäftigst.


    Dazu aber folgendes:


    Soweit ich weiß, ist die (varroaresistente) Apis cerana nicht stechlustig, sondern sanft. Seit vielen Jaqhrzehnten wird sie in Ostasien von Kleinimkern gehalten, ohne Schutzanzüge etc.


    Varroaresisitenz hat nichts mit Stechlust zu tun, sondern hängt von anderen Faktoren wie Dauer der Brutentwicklung, Enzymen des Bienenblutes, von Pheromonen und vom Ausräumverhalten ab.


    Bienen werden auch nicht afrikanisiert, sondern das war ein Unfall, und es wird alles getan, afrikanisierte Bienen in Amerika zurückzudrängen, bislang kaum mit Erfolg.


    LG
    Kai

  • Durch gravierende Fehler in der Landwirtschaft werden die Bienen zusehend in die Städte abgedrängt, wo sie zwingend brav sein müssen.
    Allerdings gibt es Unterschiede zwischen allgemeiner Agressivität und der, die konkret durch Eingriffe an ihren Häusern entsteht, aber nicht zu Belästigungen im näheren Umfeld führt.
    LG Elk

  • Hallo Elk,


    ja, Du hast Recht, "Stechlust" hängt auch von verschiedenen Faktoren ab und hat auch unterschiedliche Facetten.


    Ich gehe fast immer ohne Schutzkleidung an die Völker. Aber ratet mal, wann ich am meisten gestochen werde? Abends beim Spazierengehen am Bienenstand. :)


    Und: auch das Wetter hat Einfluss auf Stechlust.


    Bei 25 Grad kann ich ohne jeden Schutz an meine Sizilianischen Völker gehen. Bei 15 Grad ist dies auch mit Schutzkleidung kaum möglich.


    LG
    Kai

  • Meine Bienen stechen auch, obwohl sie bei ihrem vorherigen "Herrchen" relativ handzahm waren. Das mag vielleicht am Standort liegen,


    Oder am Herrchen?


    *Duck-und-weg*
    :roll:


    Wenn ich meinem Imker zuschaue, welche Ruhe er beim hantieren am Bienenstand ausstrahlt und das dann mit mir selbst vergleiche sehe ich noch einen weiten Weg vor mir...
    Soll aber jetzt nicht heissen daß ich das bei Dir auch unterstelle :-)


    Alex

  • Hallo,
    Bienenhummel : Das vorherige Herrchen wurde genauso angegangen, er meinte, das können unmöglich dieselben Bienen sein, die er mir abgegeben hat :eek:.
    Ich halte das auch wirklich für eine Verteidigungsreaktion:
    Wenn ich den Deckel aufmache, passiert erstmal nichts, nur ein paar neugierige Bienchen, die mal gucken wollen, was da so passiert. Aber wenn ich dann gaaanz langsam, ohne Rütteln oder Stoßen die erste Wabe ziehe...
    Zuerst werden die Hände angegangen, beim ersten Mal hatte ich keine Handschuhe an und habe danach ca. 15 Stachel gezogen, konnte eine Woche nicht tippen...:mad:
    Gleichzeitig das Gesicht (immer durch Schleier geschützt).
    Spätestens wenn ich dann die zweite Zarge (mit Zugabe von Rauch natürlich) öffne, suchen sie nach offenen Stellen am ganzen Körper, es empfiehlt sich also, kein Loch in der Hose zu haben...
    Hat eine gestochen, "knubbeln" sich andere Bienen sofort an dieser Stelle und stechen dicht beieinander.
    Wie gesagt, mit Schutzanzug m.E. kein Thema, aber mit kurzer Hose...
    Also kein Argument für stechlustige Bienen, nur, könnten wir nicht mit ihren angeborenen Eigenschaften leben?


    Viele Grüße,


    Martell

  • Hallo,


    solange die Verteidigungsreaktion nur durch das Öffnen der Beute ausgelöst wird, ist es wohl Sache des Imkers, ob er damit leben bzw. arbeiten kann. Blöd wird es dann, wenn die Bienen Dich und andere schon in 50 m Entfernung in Empfang und unter Beschuss nehmen.
    Gleichzeitig muss immer auch daran gedacht werden, dass sich die Stech"lust" ggf. über die Drohnen bei Standbegattung weiter verteilt.


    Aber wenn bei Deinem Volk, wo die Reaktionen ja schon sehr heftig sind, andere Faktoren für die Reizbarkeit ausgeschlossen werden können, dann solltest Du vielleicht doch besser umweiseln.


    Findet
    Henrike,
    die gestern gerade Bekanntschaft mit der Fluglochwache eines Ablegers gemacht hat und deren rechte Hand heute eine Galapagos-Schildkröte ist.

    Das Ganze ist mehr als das Summen seiner Teile.

  • Hallo,
    hier gleich noch eine Frage eines "Unbedarften":
    Ich verstehe, trotz Lehrgang etc, immer noch nicht, warum Bienen die "Stechlust" aberzogen werden soll.
    Gruß
    Martell


    Martell , frag mal deinen Nachbarn ?


    Josef

    Buckfast . 10 Völker . DNM Holzbeuten 13 ner Zargen . Dadant US Frankenbeute. Königinnenzüchter.

  • Hallo Martell,
    jeder Imker hat die Bienen die er haben will!
    Ich kann nur jedes Wort von Patrick unterstreichen. Vor dem Flugloch sind meine wie "Wölfe im Bienenpelz) aber sie können gut Unterscheiden zwischen Mensch und Eindringling (Maus, Wespe, Hornisse) .... zu mir sind sie wie Lämmer!
    Natürlich ist dies Verhalten bestimmt nicht aber fast alle Imker wollen dies so und sortieren danach aus ... somit haben wir die Biene die wir haben wollen.


    und zum Thema Varroatoleranz: da verhält es sich genau so: wir haben die Biene die wir haben wollen:
    http://www.resistantbees.com/fotos/SwedenErikOsterlund.jpg



    Cheers
    Thomas

    Der Mensch steht im Mittelpunkt und somit allein im Weg.

  • Aber Martell hat schon recht: wir Sortieren danach, welche Biene wir haben wollen. Aber wir sortieren auch aus und dabei auch ungewollt andere Eigenschaften, die für´s Bienenleben unter Umständen wichtig sind. Wissen wir das ganz sicher?? Wir selektieren nach nur wenigen Eigenschaften, die Biene besteht aber aus sehr vielen. Meine Erfahrung: meine stechlustigeren Völker sind auch die widerstandsfähigsten und haben schon manche Verlustjahre überlebt. Ich werde also genau die nicht umweiseln. Außerdem ist es von Saison zu Saison auch unterschiedlich. Was heute friedlich ist, kann zum Stecher werden und auch umgekehrt.

    Die Welt ist groß genug für die Bedürfnisse aller, aber zu klein für die Gier Einzelner (Mahatma Ghandi)
    Gruß
    holmi

  • Hallo Martell,
    "Die Stechlust der Bienen ist meist eine anerzogene, nicht anerworbene!"
    Bei Dir scheint Altmeister Sklenar den Nagel auf den Kopf zu treffen.
    Vorm Öffnen gib dem Volk mal erst einen ordentlichen Rauchstoß ins Flugloch.
    Dann warte mal eine Weile bis zum Öffnen des Deckels, diesen nur anlüften und ebenfalls Rauch rein.
    Widerum etwas warten und dann erst ganz öffnen.
    Der Rauch soll auch bewirken, da sich die Bienen mit Futter eindecken sollen.
    Satte Bienen sind friedlicher.
    Aus Deiner Beschreibung entnehme ich, das sie dafür bisher keine Zeit hatten.
    Hallo Zusammen,
    Stechervölker sind schon so, wie Holmi sie beschrieb.
    Aber meist aus einen einfachen Grund:
    sie werden mehr in Ruhe gelassen.
    Viele Grüße
    Lothar

    Solange Menschen denken, das Tiere nichts fühlen,
    müssen Tiere fühlen, das Menschen nicht denken.