Zur Varroapopulation: Geburt und Sterben

  • In einer Diskussion zur Bevölkerungsentwicklung des Menschen, wurde folgende Aussage zur Entwicklung von Populationen im Allgemeinen getroffen.


    Zitat: "Wenn eine Art nicht ausstirbt, werden im Durchschnitt näherungsweise 2 Nachkommen pro Päärchen folgen. Die 2 setzt sich näherungsweise zusammen aus Natalität minus Mortalität. Da die Mortalität nicht Null ist muss entsprechend die Natalität höher sein als 2. Stabilität beim Menschen liegt im Durchschnitt über alles bei 2,3.


    Für eine Betrachtung der Entwicklung der Bevölkerungszahl ist ein entscheidender Unterschied zwischen den Einflüssen von Natalität und Mortalität sehr wichtig! Eine nur leichte Erhöhung der Natalität führt durch die Exponentialität schnell zur vollständigen Bedeckung der Erde und des Alls.


    Die Mortalität wirkt so nicht! Und zwar, weil in der Realität ein Teil der Mortalität immer nach Ende der Geschlechtsreife wirkt und dann auf die Natalität nur noch indirekt geringen Einfluss hat.


    Merke: Suchst Du nach Faktoren, die die Populationsdynamik bestimmen, suche nach Einflüssen auf die Natalität. Die Mortalität ist von nachrangigem Einfluss und muss entweder sehr auf die Natalität wirken oder außerordentlich extrem sein.
    (Zitatende. Hervorhebungen durch mich.)



    Und allein aus diesen allgemein-biologischen Gründen ist die heutige Varroabekämpfung zu überdenken, die ja hauptsächlich auf das extreme Abtöten von Milben abzielt. (>90 % der Population.). Also auf Faktoren der Populationsentwicklung einwirken, die völlig nachrangig sind.


    Um die Populationsentwicklung der Milben einzudämmen, sollte aus Gründen der Populationsdynamik auf die Geburtenrate der Milben wirken. Und das ist über den Futtersaft->Hämolymphe der Bienenlarve auf die Milbenmutter zu erreichen.


    Das wäre ein Ansatz, der nachhaltigen Einfluß auf die Milbenpopulation hat.


    Gruß
    Bernhard

  • interessanter Gedanke. Aber kann man nicht schon die bestehenden Bekämpfungsmethoden danach einteilen, ob sie alleine die "Sterblichkeit" der Milben erhöhen, oder (auch) einen Einfluss auf die "Fortpflanzungsrate" haben? Methoden wie Drohnenwabenschneiden, AS (sofern man annimmt, dass sie wirklich bis in die verdeckelte Brut wirkt) oder Brutentnahme senken alle die Fortpflanzungsrate. Auch Zuchtanstrengungen,welche auf die Verkürzung der Entwicklungszeit der Bienen in den verdeckelten Zellen gerichtet wären, gingen in diese Richtung.

  • Hallo Bernhard,
    diese abstrakte Betrachtung kann ich nicht teilen. Wenn man die Mutter umbringt, bevor sie gebären kann, dann hat man sowohl die Mortalität als auch die Natalität beeinflusst.
    Deinem letzten Statement stimme ich teilweise zu: Die Fruchtbarkeit zu beeinflussen ist einer der Ansätze, die Vermehrung herab zu drücken. In dem von mir kürzlich angegebenen Link findet man, dass die Mellifera 2 Abwehrstrategien ausbildet, von denen die eine die von dir genannte und die andere das Ausräumen befallener Brut ist. Die von dir genannte Abwehrmaßnahme ist daher nicht die einzige Lösung des Problems Varroa. Die Cerana nutzt beide Abwehrmöglichkeiten, zusätzlich noch das gegenseitige Putzen und das Einmauern von mehrfach befallener Drohnenbrut.
    Die AGT setzt auf das "Hygienic behaviour", also auf das Ausräumen befallener Brut. Durch simples Rechnen lässt sich zeigen, dass Varroatoleranz entsteht, wenn befallene Brut zu ca. 85% ausgeräumt wird. Dabei ist zu beachten, dass die Milbe meist nicht getötet wird, sondern entkommt. Im Ergebnis haben die Bienen in diesem Zyklus die Fruchtbarkeit der Milbe auf Null gesetzt. Ein Ausräumen zu 85% erbfest hinzubekommen, ist derzeit noch ein entferntes Ziel.
    Für die gezielte Beeinflussung der Fruchtbarkeit, gibt es meines Wissens ebenfalls Ansätze. Das wird wohl aber eher den Instituten vorbehalten bleiben, da dies kompliziert ist: Man muss gezielt nach den Drohnenzellen suchen, wo die Larven diese Fähigkeit haben, die Drohnen gezielt reifen lassen und für künstliche Besamung einsetzen. Ich glaube gelesen zu haben, dass das LIB in Hohen-Neuendorf zusätzlich zur AGT-Methode diesen Ansatz verfolgt.
    Um gleich die Annahme auszuräumen, dass Mutter Milbe nach dem Nippen an einer solchen Larve dauerhaft steril ist: Man hatte Milbe aus derartigen Zellen gezielt in andere Zellen umgesetzt, wo sie sich dann ganz normal vermehrt hatten.
    Es gibt bei der Mellifera noch einen weiteren Abwehrmechanismus: Befallene Bienen tragen die aufsitzende Milbe nach außen und sterben dort. Dieser Mechanismus spielt die entscheidende Rolle bei den Gotland-Völkern. Auch diesen Mechanismus könnte man möglicherweise durch Zucht soweit verbessern, dass wirtschaftlich nutzbare Völker dabei herauskommen.
    Was ich aussagen will: Es ist nicht die einseitige Orientierung auf einen bestimmten Abwehrmechanismus, der Varroatoleranz verspricht, sondern die gezielte Nutzung aller Möglichkeiten, die uns durch die Mellifera angeboten wird.
    Gruß Ralph

  • Natürlich gibt es viele Möglichkeiten der Varroareduzierung - das habe ich ja nicht bestritten. Es ging mir darum, daß die effektivste Regulierung einer Population eben nicht über das schnelle Abtöten, sondern eben in einer Verringerung (ungleich Sterilität!) der Geburten besteht.


    Auf die Milben gemünzt, bedeutet das in der Tat eine Art Antibabypille für Varroen. Das muß noch nicht einmal harte Chemie sein, sondern ganz einfach über das Futter gegeben, über den Kropf der Ammenbienen, den Futtersaft für die Larven, der Hämolymphe der Bienenlarven zur Milbe gelangen.


    Das ist nicht utopisch, sondern hat sich teilweise schon beim Einsatz verfütterter ätherischer Öle gezeigt. Auch im Übersichtsartikel wird es erwähnt:
    http://www.imkerforum.de/showthread.php?t=27010


    Zitat: "hemolymph are stored directly in the ovary of the mite (Steiner et al., 1994; Tewarson and Engels, 1982).
    During the phoretic phase the oocytes are arrested in a previtellogenic stage (Garrido et al., 2000). Immediately after the invasion of the brood cell the oogenesis is activated by volatiles of the host larva (Garrido and Rosenkranz, 2004; Milani and Chiesa, 1990; Trouiller and Milani, 1999). An earlier hypothesis that the juvenile hormone of the host acts as a trigger for mite oogenesis was disproved (Rosenkranz et al., 1993a). With a new bioassay, Garrido and Rosenkranz (2004) showed that only the polar fractionof cuticular extracts from freshly capped larvae was able to initiate mite oogenesis. This is the first proof of kairomonal primer effect in insects.


    They confirmed signifcant correlations between the amount of brood and/or the fertility of the mites and population growth; ...
    " (Zitatende.)


    Usw. usf.


    Die Regeln der Populationsdynamik in der Natur gelten auch für die Varroamilben. Deswegen wird nur eine Verringerung der Fruchtbarkeit einen dauerhaften Erfolg bringen. Da die Bildung der Eier der Varroa durch chemische Signale ausgelöst werden, ist hier eine Regelung der Fruchtbarkeit über das Bienenfutter/den Futtersaft ein gangbarer Weg.


    Bitte macht euch mal mit auf die Suche nach Studien, die aufzeigen, welche Stoffe im Futtersaft die Fruchtbarkeit verringern. Danke!


    Bernhard

  • Mich stört dieser Absolutheitsanspruch:
    "Die Regeln der Populationsdynamik in der Natur gelten auch für die Varroamilben. Deswegen wird nur eine Verringerung der Fruchtbarkeit einen dauerhaften Erfolg bringen."
    Mit einfacher Rechnung lässt sich nachweisen, dass sich dasselbe Ziel auch über Ausräum-, Putz- oder Austragungsverhalten erreichen lässt. Am besten wäre eine Kombination von allen Verhaltensweisen, da dann nicht jede einzelne derart hochgezüchtet werden muss. Deine Behauptung ist einfach falsch.
    Hier ein Beispiel für einen Datensatz, der zu Varroatoleranz führen würde:
    Vermehrungsfaktor in Arbeiterbrut = 2,5; Vermehrungsfaktor in Drohnenbrut = 3,5; Milbenanteil in Drohnenbrut = 20%; Zyklusdauer in Arbeiterbrut = 21; Zyklusdauer in Drohnenbrut = 24; Varroa-Lebensdauer = 150; Ausräumanteil = 36%; Unfruchtbarkeitsanteil = 36%; Milbenaustrag = 36% -> Vermehrungsfaktor über 3 Monate = 1
    oder
    Ausräumanteil = 91%; Unfruchtbarkeitsanteil = 0; Milbenaustrag = 0 -> Dasselbe Ergebnis
    oder
    Ausräumanteil = 0; Unfruchtbarkeitsanteil = 85%; Milbenaustrag = 0 -> Dasselbe Ergebnis
    oder
    Ausräumanteil = 0; Unfruchtbarkeitsanteil = 0; Milbenaustrag = 65% -> Dasselbe Ergebnis
    Viele Wege führen nach Rom.
    Gruß Ralph

  • Danke Ralph,


    das seh ich auch so.
    Den genannten Untersuchungen kann man entnehmen, dass das Problem einfach bleiben wird, dass die Varroa genau durch die Brut getiggert wird, die entsprechende Stoffe herstellt / herstellen muss, die die Oogenese = Eiproduktion der Milben erst richtig ankurbelt, wenn es drauf ankommt.
    Ganz simpel: Brut => Turbo in der Oogenese wird eingeschaltet.


    Es gibt Veröffentlichungen zu auch wirksamen "Bremsen" aus besetzten/genutzten Zellen, der Stoff wird als (Z)-8-Heptadecene bezeichnet, findet sich z.B. hier.
    Ich glaube nicht, dass man das in ein Volk bringen dürfte.....
    Egal, was noch gefunden werden könnte, es muss sich um hormonartige Wirkungen halten. Mit so etwas möchte man Menschen nicht in Kontakt treten lassen. Der Abstand der Atemzüge bis zur Nennung eines Lebensmittels müsste ebenfalls recht groß sein.....


    Grüße


    Marion

    "Wer die Leidenschaft als Jugendsünde abtut, degradiert die Vernunft zur Alterserscheinung".
    Hans Kasper

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  • Ja,
    ein solch "systemisches" Mittel meinte ich letztens - aber da waren ja fast alle strikt dagegen.


    Vor 50 Jahren hätte man dergleichen bedenkenlos eingesetzt, und die Milbe wär Geschichte. Heute hat solche Methode kaum die Chance, Akzeptanz zu erlangen.


    Die Labore sind eben besser geworden - bald wird jedes Molekül gezählt. Und wenn der Wirkstoff einmal im Volk ist, wird man den auch im Honig finden können. Wer weiß letztlich, wer dann nicht noch alles am Eierlegen gehindert wird.


    Nicht zuletzt, weil es schon genügend unnatürliche Stoffe im Umlauf sind, sollten gerade die Imker nicht "noch eins draufsetzen".


    Also lassen wir das mal lieber.


    Grüße ralf_2

  • Hallo,


    zur leichten Erhellung des Dunkels:


    Zum einen sind die zitierten Artikel nicht das, wonach du gefragt hast Bernhard ("Bitte macht euch mal mit auf die Suche nach Studien, die aufzeigen, welche Stoffe im Futtersaft die Fruchtbarkeit verringern."), zwar interessant, haben was mit den Schlagworten zu tun, nach denen man suchen kann aber auch sie beantworten nicht die Frage, welcher Mechanismus die Entwicklung der Varroa stoppt oder hemmt, erst recht nicht, welcher "Stoff" dafür verantwortlich sein könnte.
    Im Gegenteil werden meist sogar weiterhin genau diese Fragen als ungeklärt dargestellt:



    die erste zitierte Arbeit beschreibt eine Methode zur Untersuchung der Eientwicklung in den Milben und berichtet erneut über den Mechanismus, dass in bezogenen frisch verdeckelten Zellen die Eientwicklung sofort angestoßen wird, jedoch nicht mehr nach 14 Stunden. Warum das so ist, ist nicht bekannt. Steht ausdrücklich so da.


    Studie 2 in # 10 vermutet den Tod von männlichen Milben vor deren Geschlechtsreife in der Zelle als Ursache von schlüpfenden, unbefruchteten weiblichen Nachwuchs, der sich nicht paaren kann und somit als Reproduktionskraft ausfällt. Sie besetzen zwar erneut Zellen, spulen ihre normale Fortpflanzungsverhaltensweise damit ab, vermehren sich aber nicht mehr. Auch sind werder weder Ursachen noch Stoffe genannt oder bekannt.


    Studie 3 in # 10 behandelt die Varroatoleranz in Südamerika (Brasilien, Uruguay und Argentinien). Dabei wird festgestellt, dass die afrikanisierte Honigbiene in Brasilien geringere Infektionszahlen hat und vermutlich eine verringerte Fertilität der Milbe ein Hauptfaktor hier darstellt. Offenkundige Toleranzfaktoren in Uruguay gab es keine, die Infektionsraten waren auch höher als in Brasilien, in Argentinien überlebt die nicht afrikanisierte Honigbiene nicht ohne Behandlung. Die aktuellen Daten können die Frage nicht beantworten, ob es sich bei den beobachteten Toleranzen um einen Wirtseigenschaft handelt oder eine Folge einer geringeren Virulenz des Parasiten ist.


    Die Studie in # 11 zeigt Ergebnisse einer digitalen Analyse von Genexpression, Ernährungseffekte von Pollen bei gesunden und varroainfizierten Bienen. Verglichen werden Bienen gefüttert mit Pollen und Zucker und solche ohne Pollen. Pollen aktiviert metabolische Stoffwechselwege. (Ist meiner Meinung nach verständlich, da es sich um Proteine handelt, proteinfreie Ernährung schadet sozusagen jedem Lebewesen, Bienen erhalten nun mal nur über Pollen Proteine). Bei Varroabefall findet sich eine Entwicklung von Viruspolpulationen und eine Drosselung des Stoffwechsels. Dieser schädigende Effekt wird nicht (!) durch Pollenversorgung wieder umgekehrt.


    Viele Grüße


    Marion

    "Wer die Leidenschaft als Jugendsünde abtut, degradiert die Vernunft zur Alterserscheinung".
    Hans Kasper

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