Ertragsmaximierung - Vor- und Nachteile?

  • Hallo,


    nebenan wird ja diskutiert wie man mehr Honig ernten kann. Um den Thread nicht zu zerstören hab ich mal den hier aufgemacht. Mich würde mal interessieren was ihr davon haltet aus den Bienen immer mehr rausholen zu wollen. Schadet es ihnen oder tuts ihnen womöglich gut? Wo liegen die Grenzen, gibts einen goldenen Mittelweg? Was halten die Bienen davon? Weiß da jemand was dazu, oder kann man es nur erahnen?


    LG Georg

  • Das hängt wohl von den Maßnahmen ab. Eine allgemeine Antwort ist hier nicht möglich. Ich glaube nicht, dass man Völker durch Ertragsmaximierung zugrunde richtet, solange man die unbedingt lebensnotwendigen Bedürfnisse befriedigt. Ob ein unterschwelliger Schaden entstehen kann, darüber kann man trefflich philosophieren.
    Gruß Ralph

  • ... solange man die unbedingt lebensnotwendigen Bedürfnisse befriedigt...


    jaja, die Schweine aus der Massentierhaltung kriegen auch die "unbedingt lebensnotwendigen" Dinge, denn irgendwie leben sie ja noch bevor sie geschlachtet werden...


    sehr nachdenkliche Grüße


    Jule

    Begeisterung ist der Schlüssel zum Tor der ungeahnten Möglichkeiten.

  • Distelbauer : ich glaube wir sind schon mitten dabei die Bienen auszubeuten. Sind nicht CCD, Varroa, globale Krankheiten usw schon der Wink mit dem Zaunpfahl?
     
    fragt sich Jule

    Begeisterung ist der Schlüssel zum Tor der ungeahnten Möglichkeiten.

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Jule () aus folgendem Grund: gramm.

  • Also meine Bienen haben noch nie was dagegen gehabt, wenn ich ihnen bei Tracht noch einen leeren Honigraum auf die vollen drauf gesetzt habe. Sie sagten "Danke für den Platz" und haben ihn vollgemacht. Beschwerde käme eher wenn bei Tracht kein Platz da wäre, was wäre ich dann für ein Bienenpfleger?


    Jule  
    "CCD, Varroa, globale Krankheiten usw" sind überwiegend Einflüße die der Imker nicht seiner Hand hatte zu vermeiden!

    42

    ganz sicher

    nur nicht beim bee-space

  • Meiner Meinung nach kann man die Völker schon richtig ausquetschen, gut tut ihnen das nicht. Oder warum sagt man, dass man nach der Waldtracht aus 2 Völkern eins zum Überwintern machen soll? Weil sie "abgearbeitet" sind! Ich war mit meinen Völkern noch nicht im Wald und habe vorm Winter noch nie aus 2 eins machen müssen.

    Die Welt ist groß genug für die Bedürfnisse aller, aber zu klein für die Gier Einzelner (Mahatma Ghandi)
    Gruß
    holmi

  • holmi ,
    das kommt daher, dass manche nicht wissen wann Schluss ist.
    Bei der Waldtracht ist sicherlich eine Grenze gegeben, die an der Leistungsfähigkeit und Vitalität der Völker gemessen werden sollte.
    Das gilt im Besonderen auch wegen der Varroa. Bei den Blütentrachten, oder wenn im Wald genügend Beitrachten zur Pollenversorgung gegeben sind, können Bienen unglaubliche Mengen eintragen und nehmen keinen Schaden daran.


    beehead

    give bee`s a chance- all together now- give bee`s a chance

  • Meiner Meinung nach kann man die Völker schon richtig ausquetschen, gut tut ihnen das nicht.


    Da kommen wir der Frage schon näher: Woran kann man "festmachen", ob eine imkerliche Maßnahme (oder deren Unterlassung) den Bienen gut tut?

    "Moral ohne Sachverstand ist naiv und manchmal sogar gefährlich"

  • Eine Biene trägt pro Flug:


    30mg Nektar oder Wasser


    15mg Pollen oder Harz


    Um eine Biene großzuziehen werden 130mg Pollen benötigt.


    Ein Bienenvolk zieht unter natürlichen Bedingungen etwa 150 000 Bienen im Jahr groß.


    ___________________________________________________________


    Ein Bienenvolk benötigt pro Jahr (wieder unter natürlichen Bedingungen):



    120kg Nektar oder 4 000 000 Flüge


    25 Liter Wasser oder 833 333 Flüge


    20kg Pollen oder 1 333 333 Flüge


    100g Harz oder 6 667 Flüge



    70 kg Nektar wird direkt im Sommer verbraucht
    50 kg Nektar wird zu 20kg Honig umgewandelt als Wintervorrat


    Das ist der Jahresverbrauch einer kleinen natürlichen Honigbienenkolonie unter natürlichen Umständen. (Nach Prof. Seeley).


    __________________________________________________ _________


    50 kg Nektar werden zu 20kg Honig umgearbeitet.


    Ein Bienenhalter mit niedrigen Erwartungen entnimmt vielleicht 10 kg Honig.


    Dies erzeugt einen Extrabedarf von 25 kg Nektar oder 833 333 Sammelflüge. Das sind ~20% mehr Arbeit für 10 kg Honig.


    Die Honigbienen arbeiten in einem sehr schmalen Zeitfenster, in dem die Bienen die Möglichkeit haben auszufliegen UND einen Überschuss zu erwirtschaften. Die meiste Zeit des Jahres machen sie Minus und leben von den Reserven aufgrund des Wetters. Auch das Angebot an Nektar anbietenden Pflanzen muss stimmen, denn auch bei schönen Wetter und Flugaktivität kann die Bilanz immer noch negativ sein. Das kann sehr gut mit einer Bienenstockwaage beobachtet werden.


    Nur 19% des Jahres (in Nordeuropa) haben die Bienen die Möglichkeit einen Überschuss zu erwirtschaften. Das korrelliert in etwa mit dem Verhältnis der Sonnenstunden an Gesamtstunden des Jahres, bei mir lokal liegt das Verhältnis etwa bei 17%.


    Also ist zu beachten, dass es ein mehr oder weniger absolutes Zeitfenster gibt, innerhalb dessen den Bienen es überhaupt möglich ist, einen Überschuss zu erwirtschaften.


    Der andere nicht weniger kritische Faktor ist die Menge der zur Verfügung stehenden Blütenpflanzen und die Menge an Nektar, den sie abgeben.


    Indem 10 kg Honig geerntet werden, wird den Bienen die Aufgabe gestellt 20% mehr Nektar zu sammeln, um immer noch auf eigene Faust zu überleben. (Also ohne künstliche Zuckerfütterung).


    Diese Mehrarbeit ist innerhalb des festen Zeitfenster zu erledigen. Daher ist es notwendig, dass die vorhandenen Bienen 20% mehr arbeiten oder dass einfach mehr Bienenmasse existiert.


    Um mehr Bienenmasse aufzubauen, benötigen die Bienen 20% mehr Brutzellen. In einem wilden Volk bauen die Bienen etwa 2,5m² Wabenfläche (nach Seeley). 20% mehr Wabenfläche bedeutet 4 weitere Waben nach Warré-Maßstäben. 5-6 weiter Waben werden benötigt, um den Überschusshonig abzulegen.


    Jedes Gramm Wachs (1g) , das für diese Extra-Waben benötigt wird, verbraucht 6 g Honig, wobei der Honig aus15 g Nektar (500 Sammelflüge pro g) hergestellt wird.


    20% mehr Brut bedeutet gleichzeitig 20% mehr Angriffsfläche für Varroen.


    20% mehr Brut bedeutet auch 20% extra Verbrauch an Pollen Die Bienen brauchen zusätzliche 4kg Pollen. Das sind 266 666 Sammelflüge mehr im gleichen Zeitfenster. Das wiederum erfordert weitere Bienenmasse ...


    __________________________________________________ _________


    Zusammenfassung


    So sieht also die Auswirkung einer 10 kg Honigernte auf eine Bienenvolk aus (unter der Prämisse, nicht mit Zucker zu füttern und ähnliches).


    Im gleichen Zeitfenster müssen die Bienen (pro Volk)...


    1.) zusätzlich 25 kg Nektar sammeln und dabei 833 333 mehr Flüge absolvieren
    2.) zusätzlich 4-10 Waben ausziehen
    3.) zusätzlich 15 g Nektar pro 1g Wachs sammeln und dabei 500 Flüge pro 1g Wachs absolvieren
    4.) zusätzliche 30 000 Bienen müssen großgezogen werden
    5.) zusätzlich 4kg Pollen müssen herbeigeschafft werden um die Extra-Brut zu versorgen
    6.) Mehr Brut = mehr Brutkrankheiten und -parasiten?



    Viele Grüße
    Bernhard

  • Meiner Meinung nach kann man die Völker schon richtig ausquetschen, gut tut ihnen das nicht. Oder warum sagt man, dass man nach der Waldtracht aus 2 Völkern eins zum Überwintern machen soll? Weil sie "abgearbeitet" sind! Ich war mit meinen Völkern noch nicht im Wald und habe vorm Winter noch nie aus 2 eins machen müssen.


     
    Wer ist "man"? Mir wäre das neu, zumindest bei unserer Waldtracht die mit Blüten durchsetzt ist. Bei reiner Tannentracht wie im Schwarzwald mag das vielleicht zutreffen. Bei Heide wohl auch.

    42

    ganz sicher

    nur nicht beim bee-space

  • Ertragsmaximierung bedeutet für mich:


    - intensive Wanderungen
    - betriebstechnische Maßnahmen wie Futter aufritzen, Brutnestverschränkung, Checkerboarding etc. pp.


    Der Rest wie erweitern ist für mich wie gesagt eine Reaktion auf die Bedürfnisse des Volkes, genauso wie das z.B. Erweitern/Untersetzen bei Warré


    LGR

    42

    ganz sicher

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  • jaja, die Schweine aus der Massentierhaltung kriegen auch die "unbedingt lebensnotwendigen" Dinge, denn irgendwie leben sie ja noch bevor sie geschlachtet werden...


    Es ist aus meiner Sicht ein kompletter Fehler, Bienenhaltung mit Massentierhaltung von Schweinen in irgendwie zu vergleichen. Entfernt vergleichbar sind vielleicht diese Bestäubungsimkereien in den USA oder was weiß ich wo (die man allerdings auch nur aus den Medien kennt). Sowas gibt es aber meines Wissens in .de nicht.
    Übrigens auch ein Bio Bauer oder gar ein Demeter Bauer optimiert Ertrag von seinen Tieren. Das fängt erstmal dabei an, dass man den Verlust der irgendwo entsteht minimiert. Dann werden die Tiere auch auf Fette Weiden gestellt und kein Minderwertiges Futter gegeben, sodass sich ordentlich was am Muskelaufbau zeigt. Je nach dem wird auch die richtige Rasse der Tiere genommen welche auf Ertragsmaximierung gezüchtet sind.
    Das sind einfach betriebswirtschaftliche Maßnahmen die jeder macht wenn er Kohle aus seinem Geschäft haben möchte um sich paar Brötchen kaufen zu können.
    Wer Ertragsmaximierung mit elender Ausbeutung gleich setzt der begeht aus meiner Sicht einen Denkfehler. Keiner der Ertrag maximieren möchte füttert seine Tiere weniger weil das Futter zu z.B. eine Kostenstelle ist die man reduzieren könnte.
    Zum Glück schwefeln wir die Bienen am Ende Anfang des Bienenjahres nicht mehr ab weil wir ewig kleine Körbe haben wo sich schlecht die Königin rausfangen lässt um aus 2 eins zu machen.
    Nutztiere sind zu meinem Nutzen da und kein Getüdel das ich mir halte um den Haustierzoo zu erweitern.
    Ich bezweifle aber stark, dass Krankheiten, die die Tiere bedrohen eine Folge von Ertragsmaximierungsmaßnahmen sind. Im Tierreich gibt es genug Beispiele wo auch nicht Nutztierarten von sogenannten Seuchen bedroht werden (beispiel Tasmanischer Teufel welcher ein Krebsart bekommt welche durch AFAIK einen Virus übertragen wird).
    Grüße
    Olli

    Alles wird gut - auf jeden Fall!

    Mein Sohn, iss Honig, denn er ist gut; und lass süßen Wabenhonig auf deinem Gaumen sein. (Sprüche 24:13)
    Wenn dich eine Biene sticht, geht fort von hier und schimpfe nicht - Bedenke, dass nur du es bist der dauernd hier im Wege ist.

    Und noch einer: "Live long and prosper keep bees"

  • Völker, die im Ertrag nach unten abweichen, eliminiere ich, bzw deren Kö drücke ich ab.
    Warum soll es den Bienen besser gehen als den Menschen?
    Mitarbeiter die nix leisten, landen auch auf der Straße.


    So ist das doch, oder?


    Ich halte Bienen in erster Linie wegen des Honigs.
    Ich halte sie so, daß ich möglichst wenig Arbeit damit habe.


    ...und dann finde ich es auch noch interessant und nützlich für die Natur.
    In dieser Reihenfolge.

    Mit freundlichen Grüßen - Hardy


    Wende Dich zur Sonne, dann bleiben die Schatten hinter Dir.

  • Es ist aus meiner Sicht ein kompletter Fehler, Bienenhaltung mit Massentierhaltung von Schweinen in irgendwie zu vergleichen....


    Da gebe ich Dir Recht, ich habe mich nur an dem Begriff "unbedingt Lebensnotwendig" aufgehängt, da fiel mir dieses Bild ein.


    Und ich denke schon, dass auch Imker was damit zu tun haben, dass man sich global Sorgen um die Honigbiene macht. Um bei dem Beispiel USA zu bleiben- irgendwer karrt die Bienen ja durchs Land, und das machen die nicht, damit die Biene mal einen hübschen Ausflug nach Kalifornien macht.


    Ertragsoptimiert könnte ja auch heißen, ich "produziere" viele Schwärme um sie zu verkaufen... aber der Threaderöffner meinte ja Honig...


    Danke@Bernhard für diese Zahlen


    Gruß Jule

    Begeisterung ist der Schlüssel zum Tor der ungeahnten Möglichkeiten.