Terroir in der Imkerei

  • (nein, nicht Terror, um den Kalauer vorwegzunehmen... :))



    (siehe Johannes' Lagen- und Jahrgangshonig, ...)


    Vorsicht, Sabine: Lagenimkerei ist kein Marketingkonzept! Es ist eine andere Herangehensweise an die Honigerzeugung, bei der die Frage im Vordergrund steht, wie man die Trachtcharakteristik einer Landschaft optimal im Honig abbildet.


    Es geht ums Terroir.


    Terroir ist alles, was bei der Erzeugung an einem bestimmten Standort die sinnliche Qualität eines Lebensmittels beeinflußt. Der Begriff kommt ursprünglich aus dem Spitzenweinbau, wird inzwischen aber z. B. in Skandinavien allgemein im Zusammenhang mit guten Lebensmitteln schmeckbarer Herkunft gebraucht. Der blaue oder rote Schiefer an der Mosel, den man im Wein geschmacklich wiederfindet. Die Salzwiesenvegetation, die in Nordfriesland den Geschmack des Lammfleisches ausmacht und es sofort von neuseeländischem unterscheidbar macht. Auch das Kleinklima, die Höhenlage, und und und.


    Lagenhonig stellt nicht eine bestimmte Trachtpflanze im Honig dar, sondern eine bestimmte Landschaft. Während es beim Sortenhonig i. e. S. darum geht, terroirtypische Einflüsse eher zu minimieren, um maximale Sortentypizität zu erreichen, versucht die Lagenimkerei genau das Gegenteil.


    Wie gut oder schlecht sich terroirgeprägter Honig vermarkten läßt, liegt genau wie bei jedem anderen Honig an dem, der ihn verkauft. Aber diese Frage ist nicht das, worum es beim Lagenhonig an sich geht!


    Adventliche Grüße aus dem eisigen Ardey,


    Johannes

  • Hallo Johannes,
    super Internetseite, gefällt mir gut. Auch die Idee des Terroirs hat was. Versuche ich auch, aber natürlich hat das auch was mit Marketing zu tun. Die Feinheiten der unterschiedlichen Blütensorten schmeckt man erst dann wirklich raus, wenn man vorher eine Vorstellung von der Region, dem Gelände und der Landschaft hat. Und wenn man erklärt, dass der Honig aus der hinteren Nordeifel kommt, dann schmeckt er gleich ganz anders als der Honig vom Imkerverein Bitterfeld oder aus Leverkusen. Ich stelle meine Bienen zu einem Bio-Gärtner, in ein Naturschutzgebiet, in die Fuhneaue oder nach Altjeßnitz, neben den barocken Irrgarten. Klingt alles gut, macht eine schöne Vorstellung, guter Wallungswert und hervorragender Honig.
    Viele Grüße
    Wolfgang aus Reuden an der Fuhne

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis größer als in der Theorie, also theoretisch.

  • Auch die Idee des Terroirs hat was. Versuche ich auch, aber natürlich hat das auch was mit Marketing zu tun. (...) Ich stelle meine Bienen zu einem Bio-Gärtner, in ein Naturschutzgebiet, in die Fuhneaue oder nach Altjeßnitz, neben den barocken Irrgarten. Klingt alles gut, macht eine schöne Vorstellung, guter Wallungswert und hervorragender Honig.


    Ja und nein, Wolfgang. Ich glaube, daß der Ansatz (jetzt meine ich nicht Dich) "Oh, geil. Lagenhonig kann ich auch, und da kriege ich doch glatt 2 € mehr für's Glas" nicht nachhaltig ist. Nachhaltig hingegen ist, wenn ein Thomas Haag in Lieser Rieslinge baut, die einem beim Probieren den Kitt aus der Brille fallen lassen - die reißen sich im Ausland um seinen Wein, einzig und allein wegen der Qualität. Seine Internetseite hingegen (wenn man sie überhaupt findet) ist eine Katastrophe, die Etiketten einfallslos.


    Nicht falsch verstehen: ein schönes Etikett und die entsprechende Geschichte zum Terroir des Honigs finde ich klasse, und sie steigert zweifelsohne das Erlebnis beim Genuß des Honigs. Ich bin nicht mal ein Freund von Blindverkostungen. Aber wenn nicht am Anfang das schonungslose Nachdenken über die Qualität meines Produktes steht, bleibt das ein Strohfeuer. Ein 18,2%-Waldhonig oder eine texturell mißglückte Sommertracht werden durch eine tolle Story nicht besser, und der Kunde merkt das spätestens dann, wenn er wegen der tollen Story beginnt, sich für guten Honig zu interessieren.


    Viele Grüße, Johannes

  • Schon richtig,
    aber in der Zeit der aus EU-Ländern und oder oder aus Nicht-EU-Ländern gemischtem Honig ist eine definierte und für alle z.B. auf der Internetseite nachvollziehbare regionale Herkunft schon ein Qualitätsmerkmal. Schon aus Lokalpatriotismus oder von dem Gedanken, ja das kenne ich, da isses aber schön, schmeckt er gut, wenn die Qualität sonst stimmt. Aber wenn ich mich an alle Imkernregeln halte und auf die Hygiene achte, dann habe ich schon fast alles gemacht, was man für die Qualität tun kann. Was dann noch bleibt ist der ausgesuchte Standort und etwas Glück, z.B. dass die benachbarte LPG nicht einen Platz in der Nähe meiner Bienen zum Misthaufen deklariert. Und beim Wein ist es so, machen wir uns nichts vor, dass für so manchen Wein gemessen an seinem Geschmach viel zu viel bezahlt wird. Auch weil Geschmäcker verschieden und der Geschmack nicht alles ist, ein wenig Budenzauber, Prestige und Eitelkeit ist ab und zu auch dabei. Aber da der Supermarkt-Tavernello angeblich der meistverkaufte italienische Wein ist, ist das mit dem Prestige wohl doch nicht so krass. Aber sag mal Ardey, mit dem Namen kommst Du bei einer elitären französischen Weinverkostung auch durch, oder? Jedenfalls eine tolle Internetseite, schöne Bilder, die wirklich Lust auf Honig machen und nicht nur auf Varroa.
    Viele Grüße
    Wolfgang, Compte de la valleye de la Fuhne

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis größer als in der Theorie, also theoretisch.

  • Moin, Johannes,
    dooooch, es ist auch ein Marketingkonzept - wenn auch ein extravagantes.:wink:
    Was jeder braucht, ist ein "uniques" Alleinstellungsmerkmal, und genau DAS liefert Lagen- & Jahrgangsimkerei.
    Klar geht das nicht mit Massentrachten, die schon von allein Sortenhonige sind, aber da ich weiß, daß sogar der Honig von den verschiedenen Völkern an EINEM Stand sehr unterschiedlich schmecken kann, wäre die Steigerung des Jahrgangs-Lagen-Honigs dann die Einzelvolkschleuderung (oder, wg sonst zuviel Luftkontakt, eher der Tropfhonig mit diesen Attributen).
    Und ich meine das durchaus ernst - in wirklich vielfältigen Gegenden kann man da erstaunliche Geschmackserlebnisse ernten -probiert es selbst aus!
    Und was ist besser, qualitätsbewußtes Handling und ehrliche Selbstkritik vorausgesetzt, als ein wirklich einmaliger Honig, den es SO (lies: mit absolut identischem Geschmack) mit großer Wahrscheinlichkeit niemals wieder geben wird?
    Gerade, wenn die Leute daraufhin beginnen, sich ernsthaft für wirklich erstklassig schmeckenden Honig zu interessieren, kann man doch nur noch gewinnen, wenn man seine Linie durchzieht....
    Das ist dann nix für den Wochenmarkt, sondern eher für Gourmetzirkel.
    Ich bin kein Weintrinker (Schwefel!*aua*), aber beim Bier hatte ich auch schon wirklich außergewöhnlich gute GeschmacksErfahrungen, merkwürdigerweise aber alle bei "home-brew" oder Mikrobrauereien, nie bei industriellem Bier.
    Von daher kriegt jeder Kleinerzeuger bei mir Chancen, und meist ist das Problem eben die Nicht-Massenerzeugung - sprich, das superleckere Zeug ist immer sehr schnell ausverkauft...:-(:lol::Biene:

    "Meet me in a land of hope and dreams"
    Bruce Springsteen

  • Schon richtig,
    aber in der Zeit der aus EU-Ländern und oder oder aus Nicht-EU-Ländern gemischtem Honig ist eine definierte und für alle z.B. auf der Internetseite nachvollziehbare regionale Herkunft schon ein Qualitätsmerkmal.
     
    Vor ein paar Monaten, als ich noch nicht beschlossen hatte, selbst Imker zu werden, kaufte ich im Supermarkt auf die Schnelle Bio-Honig, dachte, mit Bio kann ich nix falsch machen. Später las ich: Ursprung Indien/Cuba. Geschmacklich: sehr seltsam, ungewohnt.
    Seither schaue ich wieder aufs Etikett, kaufe, wenn möglich nur bei Imkern aus meiner Region, auch wenn sie nicht bio-zertifiziert sind. Für mich ist ein Honigverschnitt aus Indien und Cuba trotz Bio-Siegel absolut nicht bio. Die CO2-Bilanz des Transports ist zu extrem.
    Nöö, ich finde es gut, nicht nur regionale, sondern noch besser lokale Produkte zu kaufen. Eine nachvollziehbare Herkunft mit möglichst kurzen Wegen sollte bei Lebensmitteln durchaus Kaufkriterium sein.
     
    Liebe Grüße,
     
    Martin