Prioritätenliste für gesunde Bienen

  • Gesundheit des Menschen ist laut Weltgesundheitsorganisation „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Gesundheit


    Dies ist meines Erachtens genauso für Bienen gültig, unter der Annahme, daß sie auch ein "geistiges Wohlergehen" haben können.


    Jegliches Behandeln von Krankheiten stellt für mich einen Versuch dar das Symptom kurieren zu wollen. Andererseits ist in akuten Krankheitsfällen eine Behandlung oft überlebenswichtig. Doch darüber soll dieses Thema nicht sein.


    Mir geht es darum wie vollständiges Wohlergehen der Biens erreicht werden kann.


    Meine Prioritätenliste:


    1. Kleinräumig, vielfältig strukturierte giftfreie Landschaft mit Gärten, Hecken, Wasserflächen und Mischwald mit 3-Jahreszeiten Trachtangebot.


    2. Passende Hohlräume


    3. Bienenmenge


    4. Standortangepasste Bienensorte


    5. ökologische Betriebsweise mit wenig Eingriffen und sparsamer Produkternte. (zB Blick durch Fenster statt Öffnen des Stocks, Ernte nur was wirklich Überschuss ist - das Geschenk des Biens an den Menschen usw.)



    Zur Begründung meiner Wertung: Jeder Punkt ist nachhaltig nur möglich sofern die vorgenannten Punkte erfüllt sind. Die Punkte mit höherer Zahl sind nicht nötig um die Punkte mit niedrigerer Zahl zu erfüllen.


    Punkt 1 ist wichtiger als alles andere, denn ohne gesunde Mischkost, äh Tracht läuft gar nichts.
    Punkt 2 ist auch wichtiger als das folgende, denn in unserem Klima können Bienen nur in Behausungen überwintern und nicht am freien Ast.
    Punkt 3 ist wichtiger als die Bienensorte, denn nur wenn überhaupt eine gewisse Bienenmenge existiert, gibt es Bestäubung und damit die dauerhafte Existenz von Punkt 1. Nur mit gewisser Bienenmenge gibt es eine Vielfalt an Eigenschaften die den Weg bahnen für eine standortangepasste Sorte.
    Punkt 4 ist wichtiger als die ökologische Betriebsweise, denn diese ist nur nachhaltig möglich sofern alle anderen Punkte erfüllt sind.


    Aktuell sehe ich das Bemühen der meisten Imker darin die Punkte 2 und 3 zu erfüllen. Manche bemühen sich mit Basiszucht oder dunklen Bienen auch um Punkt 4. Und ganz wenige auch um Punkt 5.


    Doch was ist mit Punkt 1, was kann da getan werden?
    Dazu meine ich mehr als eine Hasel und einen Weidenbusch neben dem Bienenhaus und auch mehr als eine Imkerdemo gegen Chemiegifte. So hilfreich dies auch ist, ich sehe langfristig eine gesunde Zukunft nur mit einer grundlegenden Änderung der Landwirtschaft in Richtung Permakultur und Waldgärten.


    Stimmt ihr mir zu oder sollte die Reihenfolge geändert / ergänzt werden?


    Viele Grüße
    Konstantin

  • Das wird noch ein langer Weg, Konstantin. Danke für den ersten Schritt! :p_flower01:

  • Hallo Konstantin,


    ich glaube nicht, dass es möglich ist mit einer statischen Rangfolge, die in Abhängigkeit gesetzt wird, ein stabiles Gleichgewicht zu erreichen und dann auch noch zu halten! Die Fehlerquelle liegt in Punkt 5, der zwei Punkte beinhaltet und bei dem der Mensch den größten Eingriff vornimmt. Wer kann den Überschuss bestimmen? Alles was verhonigt ist, wird nicht gleichzeitig bebrütet, braucht es ja auch nicht, es sind ja genügend Vorräte da!


    Auch wenn man hier im Forum liest, gibt es durchaus Leute, die es schaffen Kleinstvölker über Miniplus bis runter zum Begattungskasten über den Winter zu bringen und nur der Winter stellt die Hürde im Überleben des Volkes da. (Abgesehen von Krankheiten!)


    Der Traum des klassischen Imkers ist es, das ganze Jahr über Massentrachten nutzen zu können und Honig bis der Arzt kommt!
    1. Je mehr Raum,
    2. je mehr Bienen,
    3. je mehr Tracht,
    4. je mehr Honig!
    In der Natur ohne zusätzlichen Eingriff denke ich, dass sich alles mit der Zeit ganz von allein auf einander abstimmt. Das heisst wenig Tracht lässt das Volk nicht so erstarken und wenig Raum wirkt sich auch auf die Volksgröße aus. Ohne Krankheit gäbe es dennoch keine großen Völkerverluste bzw. würde diese die natürliche Auslese sein.


    Nun gibt es aber den Imker. Im Gegensatz zum Braunbären gibt er dem Volk auch etwas und nimmt nicht nur! Wenn er viel nimmt muss er viel geben, wenn er wenig nimmt muss er wenig geben. Gut ist der, der es abschätzen kann und nicht irrt, schlecht der andere! Folglich geht es den Bienen beim guten Imker gut und beim schlechten schlecht - womit der gute Imker - „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens" - herstellt.


    Aber dennoch würde auch ich eine "Kleinräumig, vielfältig strukturierte giftfreie Landschaft mit Gärten, Hecken, Wasserflächen und Mischwald" begrüßen!


    Gruß Tom
    (der sich noch nicht zu den Guten zählen darf!)

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  • Hallo Tom,


    der Fehler liegt tatsächlich bei Punkt 5. Und zwar, wenn man meint, daß durch besondere "schonende, ökologische" Imkerei es den Bienen gut gehen muß, aber man die Prioritäten, im Besonderen Punkt 1 nicht oder minimal berücksichtigt.


    Wir (Bienen + Menschen + alles was lebt) braucht eine kleinräumige, vielfältig strukturierte giftfreie Landschaft mit Gärten, Hecken, Wasserflächen und Mischwald.


    Alles was in diese Richtung führt unterstützt meines Erachtens die Gesundheit (des Bien und der Menschen), alles was dagegen geht ist gefährlich, sinnlos und langfristig tödlich (für Bien + Mensch).


    Viele Grüße
    Konstantin

  • Die Liste ist im übrigen aus ganz realer Praxis entstanden.


    Mein Beitrag für Punkt 1 der Liste:
    Zuerst wandelte ich einen Hektar Rapsacker um in ein Permakultur Gelände (Start 1992), und half mit daß 3 weitere Hektar des Rapsackers in Ökolandbau umgestellt wurden (Die werden jetzt von Nachbarn bewirtschaftet).
    Bepflanzung: 5000 Bäume, 200 verschiedene Arten.


    2007 starten wir mit Punkt 3 der Liste in dem wir ein Bienenvolk leihweise im Garten hatten. Dies war aber nicht nachhaltig, weil der Imker die Bienen im Herbst wieder mit zu sich nahm und so keinerlei Hohlräume blieben.


    Mein Beitrag zu Punkt 2:
    Im Sommer 2008 baute ich 2 Warré Stöcke und kaufte einen dazu.
    Winter 08/09 weitere Bienenstöcke gebaut/gekauft. Je mehr Hohlräume desto besser...


    Mein Beitrag zu Punkt 3:
    Sommer 08: Besiedelung der Warrés mit Kunstschwärmen
    Frühling 09: 2 weitere Ableger auf DNM gekauft und teilweise Umstellung auf Warré


    Mein Beitrag zu Punkt 4:
    Ich interessiere mich welche Biene hier standortgerecht ist und lasse gerne einen Schwarm auch mal ziehen (ist noch nicht passiert), weil ich dann mit der Standbegattung eine an den Standort angepasste neue Königin habe.


    Mein Beitrag zu Punkt 5:
    Ziel heißt Gesundheit der Gesamtökologie. Honig ist schön, wenn denn welcher anfällt. Deshalb Entscheidung für Warré. Am besten gefällt mir die Bauweise mit Fenster. So kann ich beobachten und kontrollieren mit minimaler Störung-


    Und jetzt wende ich mich wieder Punkt 1 zu weil ich erkannt habe daß dies der Dreh und Angelpunkt ist:
    Seit Monaten pflanze ich Stauden, besorge bei Ruehlemanns Kräuter und Duftpflanzen, bestellte bei Jaesch einiges, hab heuer schon 10 Bienenbäume, 10 Bastardindigos, 10 Wilder Wein, 10 Besenheide gepflanzt... In den nächsten Wochen kommen 20 neue Arten an Pflanzen dazu... Die botanische Vielfalt wächst und wächst. Möge das reichhaltige Buffet den Bienen schmecken und gut tun.
    Auch habe ich schon Nachbarn zu Bienenfreundlichen Pflanzen verholfen. Viel ist möglich. :)


    Aktuell schreibe ich auch einen groben Trachtkalender, liste auf was alles nacheinander blüht und von Bienen beflogen wird. Nächstes Jahr will ich diesen dann etwas genauer machen (mit Tagesangabe von-bis welche Art blüht).


    Viele Grüße
    Konstantin

  • ...Am besten gefällt mir die Bauweise mit Fenster. So kann ich beobachten und kontrollieren mit minimaler Störung...


    Meine Ansicht ist, dass die Fenster das Sehen (beobachten) fördern, aber das Erleben des Biens abstumpfen. Gehörsinn, Geruch sind wertvolle Erlebnisse, die neben dem Sehen wertvolle Beiträge zur Erfassung der Gesamtsituation beitragen und damit zur Begriffs- und Gedankenbildung. Der nur sieht, der ist blind.


    Die Fenster sind Ausdruck für einen Zwang in unserer Gesellschaft, zu jeder Zeit die Kontrolle behalten zu wollen. Wie viel lebendiger ist es jedoch, die Kontrolle aufzugeben. Und was kann ein Mensch schon kontrollieren? Einen Superorganismus wie den Bien? Vielleicht können wir es uns vormachen, als ob wir das können - der Fakt ist, dass wir weder lebendige Organismen verstehen, noch sie steuern können.


    Hört sich vielleicht philosophisch und ohne Bezug zur Praxis an. Doch aus den Gedanken werden Worte, werden Handlungen, werden Gewohnheiten, werden Charakter, wird das Schicksal. Am Anfang war das Wort, und vorher der Gedanke.


    Bernhard

  • Fenster ist nicht sonderlich nötig. Ich schau ganz gerne einfach mal auf die Flugfront, da sehe ich schon oft genug ohne überflüssig die Deckel zu lüpfen.
    Ein Imkermeister hat mir gesagt, daß man nicht überflüssig aufmachen soll, das stört nur. Alle 2 Wochen sei dann nötig, dann aber auch nur so lange wie unbedingt notwendig. Klar, Schwarmzeit und so....... aber wenn man seine Pappenheimer kennt, dann reichen normal 2 Wochen wohl auch.

  • Ich würde Deinen Punkt 5 für mich an die erste Stelle setzen. Die anderen Punkte in der von Dir gesetzten Reihenfolge.


    Hallo Lysistrata, hallo StefanImkert,


    anscheinend habt ihr meine Ausführung nicht verstanden.
    Wie wollt ihr eine ökologische Betriebsweise ausüben ohne Tracht (Punkt 1), ohne Beuten = Hohlräume (Punkt 2) und ohne Bienen (Punkt 3) ????


    Viele Grüße
    Konstantin

  • Hallo Konstantin, Respekt, da hast Du aber mächtig was zu tun mit der Pflanzerei. Ich versuche auf meinen 5ha auch soviel wie möglich der Natur zu überlassen, aber auf einen Teil der Ernte bin ich halt noch angewiesen. Es sind halt einzelne Flächen, da lass ich die Natur komplett wurschteln und der Rest muß ich mir etwas erkämpfen (natürlich ohne Chemie), sonst hab ich bald nur noch "Wald". Ich meine es wäre zumindest ein Kompromiss wenn jeder ein Teil seiner Fläche der Natur überlassen würde.

  • Und was kann ein Mensch schon kontrollieren? Einen Superorganismus wie den Bien? Vielleicht können wir es uns vormachen, als ob wir das können - der Fakt ist, dass wir weder lebendige Organismen verstehen, noch sie steuern können.


    Lieber Bernhard,


    natürlich hat der moderne Mensch das Bedürfnis (die Meinung) er müsse die Dinge kontrollieren (können); und so richtet er sich ja auch die Welt ein - das kann man angewandtes Gemüt und angewandten Verstand nennen.


    Teilhaben
    - das kann dazu führen, wenigstens verstehen zu können; und ob wir dann noch steuern wollen (müssen) wird sich ergeben.


    Teilhaben
    - das hat was mit "Teilen" zu tun!


    Teilhaben
    - sich vertiefen in das andere Wesen und dieses in sich aufnehmen.


    (Das könnte dann auch ein Punkt auf der Prioritätenliste sein.)


    Das versucht
    Der Bienenfreund

    „Der Mensch hat das Vermögen, sich den Naturgesetzen nicht zu fügen. Ob es Recht oder Unrecht ist, von diesem Vermögen Gebrauch zu machen: das ist der wichtigste, aber auch der unaufgeklärteste Punkt unserer Moral.“
    Maurice Maeterlinck „Das Leben der Bienen“, Jena 1906, 4. Auflage, S. 21

  • Hallo Konstantin,
    deine Prioritätenliste kann ich nur abnicken, dein Wunsch nach grundlegender Änderung der Landwirtschaft in Richtung Permakultur und Waldwirtschaft sehe ich kurzfristig allerdings illusorisch. Ich denke, der Schwenk in Richtung ökologischer Landwirtschaft ist machbar- wenn man bedenkt, daß es erst rund 100 Jahre her ist, seit alles ökologisch beackert wurde- die tatsächliche Entwicklung dahin lässt hoffen. Aber step by step, wir stecken viel zu tief drin im Sumpf...Leider haben die wenigsten der Ottonormalverbraucher den Grund zur Verfügung, um da großflächig mitzuwirken, und die mit wenig Garten/Acker haben meiner Beobachtung nach oft wenig Ahnung, was Natur betrifft; ein Paradoxon, da sie ja Teil ebenjener. Ich denke, es müßte viel mehr getan werden, um vielen Menschen die Natur wieder näherzubringen, mit Allem, was dazugehört. Denn man kann die Natur nur schützen, wenn man sie versteht. Aber es tut sich was. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

    'If you don't have a plan, you become part of somebody else's plan.'
    Terence McKenna

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