Fluglöcher an Strohkörben

  • Mal eine Frage an die Korbimker:


    Auf nahezu allen historischen Abbildungen von Ruten- oder Strohstülpern, vom 9. Jahrhundert bis in Ende des 16. Jahrhunderts sieht man, dass die die Fluglöcher unten in den Körben/Stülpern angebracht waren. Ebenso sind bei einigen, aus der historischen Volkskunde bekannten, Stülpern ebenfalls die Fluglöcher unten.


    Bei Lüneburger Körben und "modernen" Strohlörben sind die Fluglöcher ja eher oben angebracht.


    Welchen Grund kann es haben, dass die Fluglöcher unten sind?


    Ist es möglich, dass früher nach der Honigernte generell keine Bienen überwintert wurden und im Früher wieder Schwärme eingefangen wurden?
    Aus rein praktischen Überlegungen würde es ja Sinn machen, denn man müsste den wertvollen Honig nicht als Winterfutter opfern.


    Die folgende Abbildung http://www.bienenwiki.de/wiki/…-_Stundenbuch-Februar.jpg aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, Frankreich aus 1412-1416 zeigt einen winterlichen Bauernhof mit Bienenstöcken, allerdings ist nicht erkennbar, ob die Stöcke besetzt sind.

  • Hallo Bullenwächter (was für ein Name *schmunzel*), diese Antwort habe ich auch schon gesucht und bisher keine treffsichere Antwort erhalten. Nur Mutmaßungen. Bin noch kein Korbimker, versuche derzeit, möglichst viele Infos darüber zu bekommen. Vielleicht können wir uns mal austauschen/Geschichte usw.
    Sonnige Grüße aus dem Ruhrgebiet: Imkerlinde

  • Hallo Miteinander,
    bei Körben mit Fluglöchern im oberen Drittel kann man diese besser mit Untersetzringen erweitern.
    Mal so als weitere Vermutung in den Raum gestellt.
    Vielleicht spielt auch die Art der Aberntung eine Rolle;
    totales Abernten z.B. bei Stülpern oder teilweise Aberntung.
    Um diese Sache noch zu verkomplizieren, die Westfälischen Körbe hatten zwei Fluglöcher übereinander, oben und unten.
    Viele Grüße
    Lothar

    Solange Menschen denken, das Tiere nichts fühlen,
    müssen Tiere fühlen, das Menschen nicht denken.

  • Es gibt da wohl jede Menge an Variationen.
    Die Strohkörbe Süddeutschlands und der Schweiz hatten oftmals gar kein Flugloch.
    Die Körbe standen, hier bei uns z.B., auf einem runden Brett mit vorne einer Aussparung zum Ein- und Ausfliegen.

    Grüße an alle


    Michael



    -Denken ist wie googeln. Nur krasser-

  • Meiner meinung nach eine Frage der Ernte, der Bauerneuerung und der Betriebsweise. Der Imker nutzte in erster Linie die Tatsache das der Bien den Honig immer möglichst Fluglochfern einlagert.
    Allerdings muß man auch immer die Form des Korbes dabei berücksichtigen.
    Bei "Strohmagazinen" , egal ob rund oder eckig, war es ja möglich den oberen Honiggefüllten Ring zu entfernen ohne das Volk besonders zu belästigen. Bei Körben die breiter wie hoch waren lagerte ja der Honig im hinteren Drittel und man konnte Ihn herausschneiden, den leeren Raum nach vorn drehen und die Bienen bauten im nun leeren Teil ihren frischen Wabenbau. Man brauchte also auch nicht das Volk zu töten.
    Bei Spitzkörben mußte das Volk tatsächlich meist abgetrommelt oder abgetötet werden. Was allerdings schon damals als unsinnig und schädlich angesehen wurde.
    Man darf allerdings nicht vergessen das in vielen Gegenden damals die Honigernte im Frühling erfolgte. Man nahm den Bienen also was übrig war. Ein abgetrommeltes Volk konnte um diese Jahreszeit überleben.
    Desweiteren wurde viel mehr Wert auf eine reichhaltige Wachsernte gelegt. Und ein ausgetrommelter oder abgetöteter Korb lieferte immer noch eine wertvolle Wachsernte.


    Anders lag die Sache beim Lüneburger Stülper. Hier handelt es sich um eine Bienenwohnung die für eine ganz spezielle Betriebsweise und den daraus resultierenden Anforderungen geschaffen wurde, und deren Betriebsweise auch nur in einer guten Spättracht Sinn machte. Die zu beerntenden Völker wurde früher tatsächlich im Herbst abgetötet. Allerdings behielt der Imker ein Drittel seiner Völker als sogen. "Leibimmen" für die Überwinterrung. Diesen Volksbestand vermehrte er dann im kommenden Frühling durch Schwärmen wieder auf den drei bis vierfachen Völkerbestand um damit die eigendliche Honigernte , den Heidehonig , zu gewinnen.


    Ich denke das sich ähnliche Betriebsweisen im ganzen Deutschen Raum verbreiteten. Muß man doch bedenken das in alter Zeit ganz andere Trachtverhältnisse herschten. Sommertracht und Spätsommertracht waren in den allermeisten Gegenden die Haupttrachten. Eine Schwarmbetriebsweise, wie sie im Lüneburgischen bis in unsere Zeit hinein betrieben wurde und noch vereinzelt betrieben wird, brachte in dieser Zeit noch eine sichere Ernte aus Sommertracht, Wald und Heide.


    Überwintert wurden Bienen mit Sicherheit.( Kein Bauer schlachtet die Kuh die er melken will. ) Es war warscheinlich nur die Frage welche Betriebsweise im einzelnen in welcher Gegend bevorzugt wurde, und auch eine Frage der "Qualifikation" des einzelnen Imkers. Der einfache Bauer kümmerte sich nicht groß um seine Bienen. Die Biologie der Biene und ihre Bedürfnisse waren ihm meist ein Buch mit sieben Siegeln. Anders natürlich die Mönche der Klöster oder der Zeidler, sie lernten ihr Handwerk von der Pike auf, und ließen ihren Völkern auch die entsprechende Behandlung und Pflege zukommen. Waren sie doch Kapital und Lebensunterhalt.


    Daraus resultierte dann auch natürlich Form, Bauweise und Material der Bienenwohnung.


    Gruß Finvara

    Man kann ohne Bienen leben, ... aber es lohnt sich nicht.

  • Hallo und Danke für Euren Output.


    Für den Drohn noch etwas mehr Input: http://www.bienenwiki.de/wiki/index.php?title=Kunst
    Hier vor allem die Abbildungen aus dem 14. - 16. Jahrhundert.


    Mit dem Natur- und Landschaftsbild dieser Epochen 9. - 16. Jh. konnte ich mich noch nicht näher befassen um abschätzen zu können, welche Trachten besonders günstig vorlagen.


    Das mit dem Schwerpunkt auf der Wachsernte klingt schlüssig, wenn man den Wert (nach unbestätigter Quelle aus dem 14. Jh.) von 1 kg Bienenwachs mit dem eines ausgewachsenen Schweines gleichsetzen konnte.


    Aber eine hohe Wachsausbeute wäre doch auch mit einem oben angelegten Flugloch möglich, wenn das Volk abgetrommelt oder ausgeräuchert wird.


    Ob die Darstellungsweise "Flugloch Oben" oder "Flugloch Unten" eventuell ikonographisch (Symbolische, nicht naturgetreue, Darstellung damit der, des Lesens unkundige Betrachter, den Bildinhalt versteht) zu verstehen sind kann ich nicht beurteilen, das müsste ein Kunsthistoriker beantworten. Ich meine, die Fluglöcher könnten in Wirklichkeit vielleicht oben gewesen sein, aber Künstler und Bildbetrachter erwarteten stereotyp bei Bienenkörben die Fluglöcher unten. So lange es keine archäologischen Funde von Strohkörben gibt bleibt dies natürlich unbewiesene Spekulation.

  • Vllt hatten sie damals schon spitz, dass es vllt besser ist, das Flugloch unten anzulegen, wegen Lüftung. (warme Luft steigt nach oben kalte nach unten.)
    Da es ja doch sehr nach, Beobachtung ging.
    Vllt hatten die Bienen auch einfach nen Hang dazu besser zu gedeihen wenn das Flugloch unten war.
    Und die Sache mit dem Ausräuchern, klar war doch, dass Rauch nach oben steigt, vllt haben sie das genutzt, unten am Flugloch Rauch rein, der dann einmal nach oben durch den Korb ging. Sicher effektiver als versuchen den Korb von oben auszuräuchern.

    Alle Angaben ohne Gew(a)ehr ;) / Gruß Chris

  • ...Bei Lüneburger Körben und "modernen" Strohlörben sind die Fluglöcher ja eher oben angebracht.



    Nicht bei allen "modernen" Strohkörben. Siehe: http://www.swienty.com/?pid=1&id=101851


    ...Welchen Grund kann es haben, dass die Fluglöcher unten sind?


    Imker sind Philosophen und Bastler, oftmals in einer Person. Ob es tatsächlich einen praktischen Grund hat, wer weiß?


    Professor Thomas D. Seeley hat in seiner Forschungsarbeit gefunden, dass die Honigbienen ein Flugloch im unteren Teil der Nisthöhle bei Ihrer Nistplatzwahl signifikant bevorzugen.


    Viele Grüße


    Bernhard

  • Das mit dem Rumprobieren ist mir auch klar, aber ich frage mich dennoch, warum die Fluglöcher in diesem Zeitraum so regelhaft an unterer Position gezeigt werden.


    Hallo BernhardHeuvel!
    Vielen Dank, hast Du eine Literaturquelle für die Beobachtung von Prof. Seeley?

  • Irgendwie wird der Drohn den Gedanken nicht los, dass die Menschen zu dieser Zeit ein anderes Bewußtsein hatten wie heute.
    Sowas wie ein "unbewußtes Bilderbewußtsein".
    Er sah Dinge in der Natur und verglich sie mit seinen Erfahrungen im Leben und schöpfte dann Dinge neu!
    Hätte der Mensch damals unbewußt gewusst, geahnt, dass das Bienenvolk einem Kopf ähnelt und dass es atmen muss, dann hätte er den Atem mit den ein- und ausfliegenden Bienen gleichgesetzt und das Flugloch nach unten gesetzt.
    Als dann der Mensch anfing sich zum forschenden materialistischen Menschen weiterzuentwickelen, erkannte er die rechnerischen Grundsätze denen ein Bienenvolk ergeben ist und er verlagerte das Flugloch nach oben....
     
    Bienenkultur
    war
    und ist
    und wird sein
    das Spiegelbild der menschlichen Geistesentwickelung:u_idea_bulb02:
     
    sehr interessant was der Bullenwächter hier lostritt:p_flower01:
     
    Der
    Drohn

  • ... Natur- und Landschaftsbild dieser Epochen 9. - 16. Jh. ...


    Hallo Bullenwächter,
    herrliche Kronleuchter mit aufgehenden Lichtern schenkte mir Hansjörg Küster mit "Geschichte der Landschaft Mitteleuropas. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart" und zur Waldzeidlerei "Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart" - einfach mal bei amazon schauen.
    Der Prof. für Pflanzenökologie am Inst. f. Geobotanik der Leibniz Uni Hannover hat auch ´n paar Bücher für einzelne Landschaftsräume rausgegeben.
    Gruß Molle

    „ Wir können weiter sehen als unsere Ahnen und in dem Maß ist unser Wissen größer als das ihrige und doch wären wir nichts, würde uns die Summe ihres Wissens nicht den Weg weisen.“

  • Hallo BernhardHeuvel!
    Vielen Dank, hast Du eine Literaturquelle für die Beobachtung von Prof. Seeley?


    Ich habe die Angabe aus seinem Buch: "Honigbienen. Im Mikrokosmos des Bienenstocks". Das ist allerdings eine Zusammenfassung. Mehr Stoff findest Du in seinen Arbeiten dazu. Siehe: http://scholar.google.de/scholar?q=seeley+thomas+nest+site+selection+honeybee&hl=de&lr=&start=0&sa=N


    Am besten Herrn Professor per E-Mail anschreiben, er antwortet trotz der vielen Arbeit immer recht schnell. E-Mailadresse kannst Du von mir per PM haben, schreib mich an, wenn Du sie brauchst.


    Viele Grüße


    Bernhard

  • "Honigbienen. Im Mikrokosmos des Bienenstocks". Das ist allerdings eine Zusammenfassung. ...


     
    Dieses Buch ist eigentlich ein MUß für Immenpflegende!!
     
    Leider gibt es im Immenforum keinen Literaturstring:evil:,
    um diese Themen zu pflegen und kulturisieren zu können!
     
    Der
    Drohn

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