Studien zur subletalen Wirkung von Neonicotinoiden auf Honigbienen

  • Hallo miteinander,


    vielleicht sammeln wir hier an dieser Stelle die Studien, die sich mit den subletalen Effekten von Neonicotinoiden auf Honigbienen beschäftigen. Ich mache mal den Anfang mit zwei neueren Arbeiten aus 2008.


    In der Fachzeitschrift "Journal of Economic Entomology" (peer-reviewed) wurde im Dezember 2008 eine Studie veröffentlicht, in der die subletale Wirkung des Neonicotinoids Imidacloprid auf das Sammelverhalten der Honigbienen untersucht wurde.


    Das Ergebnis ist, dass subletale Dosen des Neonicotinoid Imidacloprid ein abnormales Verhalten beim Sammeln bei der Honigbiene hervorrufen. Hiermit wird ein weiterer Grundstein in der Beweiskette gelegt, dass Neonicotinoide eine subletale Wirkung haben, die insgesamt dem Bienenvolk die Lebensfähigkeit entziehen.


    Hier das Abstract der Arbeit.



    aus: http://esa.publisher.ingentaco…0000101/00000006/art00004


    Das ist damit die zweite Studie, die negative subletale Effekte von Imidacloprid auf Honigbienen nachweist.
    Die Frage ist, welche subletalen Effekte andere Neonicotinoide wie zum Beispiel Clothianidin auf das Bienenvolk haben, da sie zum Teil als "wirksamer" bekannt sind. Hier ist ebenfalls mit subletalen Schäden zu rechnen.


    Zur Vollständigkeit einen Ausschnitt der ersten Studie. An der University of Florida hat die Wissenschaftlerin Tricia Toth die subletalen (nicht-tödlichen) Wirkungen von Amitraz und Imidacloprid untersucht. Unter anderem heißt es:


    Zitat

    Only imidacloprid treated larvae showed possible sublethal effects. Treated larvae had an increased larval weight at defecation and increased larval development time. There was not enough data to suggest whether or not treatment by imidacloprid or amitraz influences bee brood susceptibility to varroa. Results from my research suggest that even small doses of certain pesticides effect bee brood development, ….


    aus: http://esa.confex.com/esa/2008/techprogram/paper_35068.htm

  • Danke Bernhard,
    der erste Artikel über das Sammelverhalten unter Drogeneinfluß ist sehr interessant, er bestätigt damit die Vermutung des Drohns, warum in Rapsvölker sehr oft nur Jungbienen zu sehen sind.
    Leider kostet der vollständige Artikel 25 $ das ist dem Drohn zu viel im Moment.
     
    Im zweiten Artikel mit der längeren Zellverweildauer würde der Drohn nicht unbedingt ein Problem mit der Varroa sehen, sondern den Drohn, eher auf ein sklerotisches Verhalten der ausgewachsenen Biene, vermuten lassen, das dann in Orientierungslosigeit endet.
     
    Der
    Drohn

  • Ich habe mir den Artikel gekauft. Leider liegt da Copyright drauf. Die Studie ist sehr sehr interessant zu lesen.


    Damit wurden die vorausgesagten subletalen Effekte von Imidacloprid auf Honigbienen nachgewiesen.


    In der Diskussion der Studie wird weiter darauf hingewiesen, dass nicht nur kleine Mengen Imidacloprid, sondern auch die Metabolite (Stoffwechselzwischenprodukte) giftig für die Honigbienen sind. Die Metabolite sind unter anderem 5-hydroxy (=Hydroxid?), olefin (=Olefin), 4,5-dihydroxy, desnitro, 6-CAN (6-chloronicotinic acid /Chlor-Nikotinsäure?) und Urea (Harnstoff). Wenn jemand weiss, welche deutsche Namen diese Metabolite haben, immer heraus damit. Es ist anzunehmen, dass die Abbauprodukte zusammen mit den Restrückständen von Imidacloprid einen giftigen Cocktail ergeben, die bei den Bienen Verhaltensstörungen hervorrufen.


    Ganz interessant ist auch eine Bemerkung in der Studie zu den Ergebnissen einer anderen Studie in den Sonnenblumen (Frankreich). Die dortigen Ergebnisse müssten unter Berücksichtigung der neuen Studie neu bewertet werden. Denn die damals erfassten Rückstände reichen zwar nicht aus, um akute Vergiftungen auszulösen. Doch die Gifte können sich bei mehreren Blütenbesuchen im Körper der Honigbiene anreichern und die Konzentrationen erreichen, die subletale Effekte wie die Störung des Sammelverhaltens bis hin zur völligen Orientierungslosigkeit auslösen.



    Die in der Vergangenheit vorgetragenen Befürchtungen bewahrheiten sich, dass die Neonicotinoide subletal die Lebensgrundlage der Honigbienen entziehen.


    Unter diesen Ergebnissen ist es nicht hinzunehmen, dass Neonicotinoide in Raps oder anderen Kulturen eingesetzt werden, denn die subletale Schadschwelle wird über Nektar und Pollen erreicht. Dieser Expositionsweg schadet den Bienen. Nicht akut, aber chronisch.



    edit: Ergänzung. Die Studie sagt auch klipp und klar, dass die Verwendung von LD50- und LC50-Tests unweigerlich dazu führt, dass die subletalen/nicht-akuten Langzeitvergiftungen völlig unterschätzt werden.


    Viele Grüße
    Bernhard

    Dieser Beitrag wurde bereits 2 Mal editiert, zuletzt von BernhardHeuvel ()

  • Hallo Zusammen,
    neulich war ich beim Tag der offenen Tür im Bieneninstitut in Oberursel.
    Dort wurden auch zwei Experimente zu latenten Bienenschäden präsentiert. Jetzt wird auch von einem inländischen Institut bestätigt, dass es diese latenten Wirkungen der Neonicotinoide gibt.
    Ist doch schon was!
    Für Leser dieses Forums keine neuen Erkenntnisse, aber erstens neueren Datums, zweitens zumindest ansatzweise im Freiland getestet und drittens mit unseren Steuergeldern bezahlt. Das wird manchen Kritiker überzeugen. Hoffentlich. :)
     
    Der erste Versuch war ein einfacher Labyrinthversuch. Bienen wurden auf ein Muster trainiert, hinter dem es Futter gab. Die markierten Bienen kamen ca. alle 15 Minuten zum Nachtanken.
    Ein Teil der Bienen wurde mit je 3 ng (Nanogramm, Millionstel Gramm) Imidacloprid bzw. Clothianidin vergiftet. Diese Bienen tauchten in den ersten beiden Stunden gar nicht mehr im Labyrinth auf und kamen später auch nur zweimal die Stunde. Im Labyrinth konnten sie sich oft nicht entscheiden: Sie fanden das Futter nicht und mussten freigelassen werden: Sie waren durch die Neonicotinoide "zu dumm zum Überleben" geworden.
    Nach 24 Stunden war die Wirkung vorbei. Die vergifteten Bienen arbeiteten wieder wie ihre verschonten Schwestern.
     
    Der zweite Versuch war ähnlich angelegt. Es gab kein Labyrinth und die Bienen waren mit RFID-Chips gezeichnet. Sie wurden an der Futterquelle und am Stock registriert. Hier wurde auch mit 3 ng Imidacloprid, aber nur mit 1,5 ng Clothianidin vergiftet.
    Das gleiche Ergebnis wie im ersten Versuch: 2 Stunden Ruhe, halbe Sammelfrequenz und "dummes" Verhalten am Futterplatz. Nach 24 Stunden Rückkehr zur Normalität.
     
    Beide Futterplätze waren zwischen 10 und 20 Metern vom Volk entfernt. Man hat mir eindringlich erklärt, dass das nur unter großen Mühen (Beginn direkt am Flugloch und langsames Steigern der Entfernung) zu erreichen war. Weitere, also relitätsnähere, Entfernungen (z.B. Schwänzeltanzentfernungen) wurden im Gelände als völlig aussichtslos angesehen.
     
    Da sei man auf Flugräume und -zelte angewiesen, doch die seien rar.
    Realitätsgerechtere Untersuchungen, bei denen es nicht nur die einmalige Verabreichung des Giftes gibt (gebeizte Pflanzen geben die Gifte ja stetig ab), seien in Freilandversuchen nicht machbar. Die Bienen würden sich den Versuchen entziehen und auf andere Trachtquellen ausweichen.
     
    Warnung an Alle: 
    Wenn in der Zukunft von Versuchen gesprochen wird, die die Harmlosigkeit der Neonicotinoide belegen sollen (...so geschehen am hessischen Imkertag 2009: "In 24 Stunden ist alles vorbei!"), dann sind genau die von mir geschilderten Versuche mit der einmaligen Vergiftung von wenigen Sammelbienen gemeint.
     
    Untersuchungen an Bienenbrot hält man für unbedingt erforderlich und dringend geboten.
    Aber: Für diese Untersuchungen habe man in Deutschland nur in Hohenheim die Ausrüstung, und die sei nicht mehr auf dem erforderlichen technischen Stand. Im Grunde sei man auf die Geräte der PSM-Fabriken angewiesen.
    (...mattes Schulterzucken beim Gesprächspartner).
     
    ----------------------------------------------
    Wie immer in Oberursel:
    Man arbeitet auch wieder an einem Varroa-Mittelchen. Natürlich in Kooperation mit einem Hersteller.
    Der Wirkstoff verhindert die Vermehrung von Varroa. Wenn eine Varroa in die Brutzelle einzieht, kommt auch wieder nur eine heraus. Das Mittel würde von den Bienen gut vertragen. Mehr war nicht zu erfahren.
    Es seien noch zwei bis drei Jahre bis zur Marktreife erforderlich. Dann wird aber alles gut!
    Doch das habe ich in den vergangenen 30 Jahren schon etwas zu oft gehört.
    Gerade auch aus Oberursel.
    Viele Grüße
    Rudi

  • Hallo Rudi,
    danke für diesen anschaulichen Bericht aus Oberursel.
    Ich hoffe diese Ergebnisse die dort vorgestellt wurden nicht nur die Kritiker überzeugen sondern auch die, die schon immer alles wussten ohne eine Plan zu haben welchen Aufwand es bedeutet fundierte und nachprüfbare Ergebnisse zu erzeugen und zu dokumentieren.
    Noch wichtiger wird es aber sein, dass auf diesem Weg Verfahren gefunden werden die in die Zulassungsverfahren für PSM aufgenommen werden.
    Gruß Eisvogel

    Man tut was man kann, hieß es früher. Heute glauben alle sie müssen tun was sie nicht können. P. Sloterdijk

  • Danke an Rudi und Bernhard für diese interessante Informationen.
    Bei diesem Thema kann ich von Euch nur lernen.


    Drohn
    prima, wenn ich jetzt Deinen Kommentar hier lese. Klare, verständliche und nachvollziehbaren Zeilen. Mit meinem Kommentar möchte ich Dich in dieser Richtung unterstützen. Denn das dürfte nun jeder/e verstehen. Über das Schreiben in der 3. Person, darüber könnte man noch diskutieren, zu was das wohl gut ist.


    ... schönen Tag noch
    Jonas

  • ...


     
    Danke Rudi für Deine Information!
     
    @Alle,
    der Drohn sieht bei solchen Versuchen die Gefahr, dass sich auf ein gewisses Mittel, von Seiten der Wissenschaft und Imkerschaft, sich versteift wird.
     
    Die gleichen Versuche sollten auch mit anderen Pyrethroide gemacht werden.
     
    Wir verwenden ja auch kein Deltamethrin um die Milben los zu bekommmen.
    Trotzdem wird dieses Mittel tonnenweise jährlich in der Umwelt freigesetzt und gelangt z.B. in Klärschlämme, etc:wink:
     
    nun zu Jonas:
    Was wäre wenn sich in ein paar Jahren die Wissenschaft findet, dass die Bienen ohne Milben schon längst ausgerottet wären?
    Wie das?
    Der Wissenschafter machte den kleinen Versuch Milben auf Endokrin wirksame Stoffe zu untersuchen und stellte fest, dass Milben die an Larven saugten einen vielfach höheren Wert besaßen, als Milben die künstlich gefüttert wurden.
    Das Spinnentier Milb entsog dem Bien Gifte, mit denen er schon längst von der verseuchten Erde verschwunden wäre.
     
    Der Drohn
    der Spinnen als Filter, Sieber, etc im Insektenreich sehen kann.

  • Hallo Zusammen, hallo Eisvogel,

    Eisvogel schrieb:

    Ich hoffe diese Ergebnisse die dort vorgestellt wurden nicht nur die Kritiker überzeugen sondern auch die, die schon immer alles wussten ohne eine Plan zu haben welchen Aufwand es bedeutet fundierte und nachprüfbare Ergebnisse zu erzeugen und zu dokumentieren.

    Ich stimme Dir zu. Aber unsere Institute könnten einen guten Beitrag zur verständigen Einschätzung ihrer Arbeit leisten, wenn sie darüber offener und ehrlicher berichten würden.
     
    Die Informationen über die schwierigen Bedingungen und die Grenzen der Forschungen habe ich ja nur deshalb bekommen, weil ich im persönlichen Gespräch detailliert nachfragte und weil man mir erklären wollte, warum bestimmte Versuche nicht möglich sind.
    Hätte ich das nicht getan, dann wäre es bei der Aussage geblieben, dass man "auch im Feldversuch" Wirkungen feststellen kann, "aber nach einem Tag ist alles wieder normal".
     
    Die gleiche Aussage, die der Institutsleiter schon im Frühjahr in seinem Vortrag verbreitet hatte, und die von den Zuhörern auch genau in diesem Sinne aufgenommen wurde: "Na, dann könn'n wir ja beruhigt gehn.".
     
    Ich habe aber in Oberursel nur tastende Versuche an freifliegenden Völkern gesehen (Schaubeuten und Futterplatz in 20m Entfernung), die immer noch lediglich die Einzelbiene im Fokus haben. Die Fragen nach den Auswirkungen der PSM auf das Volk sind in diesen Experimenten ja noch nicht einmal gestellt, geschweige denn im Ansatz beantwortet: Laborversuche an der frischen Luft!
    Das will ich nicht kleinreden. Zum Glück gibt es diese Versuche und es ist gut für uns zu wissen, dass die Laborergebnisse aus Italien auch im Freiland bestätigt wurden. Belastbar!
     
    So sollte man das aber auch offiziell darstellen. Und nicht so tun, als seien die wichtigsten Fragen bereits beantwortet. Als habe man alles im Griff.
    Und wenn nicht mehr geht - dann gehört auch das auf den Tisch! Das würde der Glaubwürdigkeit und der Akzeptanz sicher gut tun.
     

    Eisvogel schrieb:

    Noch wichtiger wird es aber sein, dass auf diesem Weg Verfahren gefunden werden die in die Zulassungsverfahren für PSM aufgenommen werden.

    Genau so ist es. Hier hat das BVL eine Schlüsselstellung. Das BVL macht ja die wenigsten Versuche selbst, kann aber im Genehmigungsverfahren die Vorlage von Ergebnissen verlangen.
    Bin gespannt, was das Gespräch am 23. Juli in Braunschweig in dieser Hinsicht bringt.
     
    Und in den Bieneninstituten käme es darauf an, nicht ständig nach der Anschaffung von millionenschweren Geräten zu schielen und solange resigniert auf die schweren Verhältnisse zu verweisen.
    Intelligente, wenig kostenintensive Tests im Freiland sind gefragt. Wer soll die entwickeln, wenn nicht die Bienen-Fachleute?
    Hätte man die anzubieten, könnte sich dem das BVL nur schwer entziehen. Erster Vorschlag: Entmilbte Kunstschwärme während der Blütezeit mitten in der Maiswüste aufstellen - und schauen, was passiert. Kontrollgruppe in gut strukturierter Landschaft mit abwechslungsreicher Pollentracht.
    Viele Grüße,
    Rudi

  • Hallo Rudi,


    am 08.07. hast Du geschrieben:


    "Ein Teil der Bienen wurde mit je 3 ng (Nanogramm, Millionstel Gramm) Imidacloprid bzw. Clothianidin vergiftet."


    Das Zeug wirkt noch besser, als Du geschrieben hast. Denn 'nano' ist gleich 10 hoch -9 und nicht 10 hoch -6, das wäre 'mikro'. Wenn es noch weniger ist, dann kommt der Begriff 'pico' gleich 10 hoch -12.


    Also haben die Bienen nur ein Tausendstel von der Menge bekommen, die Du geschrieben hast.
    Es wirkt somit tausendmal kräftiger als oben beschrieben. - Aber vergiftet ist vergiftet, nur man braucht halt viel weniger.


    Ein trauriger Gruß
    Wolfgang

    "Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit." (v. Sören Kierkegaard)

  • Hallo Wolfgang,
    danke für den Hinweis. Ich habe einfach nachgeplappert, was ich meine gehört zu haben.
    Sicherheitshalber habe ich jetzt noch mal per Mail im Institut nachgefragt, welche Mengen tatsächlich verabreicht wurden.
    Ich will hier ja keinen Unsinn breittreten.
    Also: Ich melde mich nochmal, sobald ich Antwort habe.
    Viele Grüße,
    Rudi

  • Ich frage mich, warum Helmut das Forum "zumüllt"...


     
    Leider hast Du nicht verstanden was Helmut damit sagen will!
    Musst Du auch nicht!
    Die, die es betrifft haben sehr wohl verstanden!
    Es soll sogar welche geben, die können nicht per PM erreicht werden, sondern nur über Öffentlichkeit!
     
    Freundlich
    der
    Drohn