Pflanzenschutzmittel - Risikominimierende Maßnahmen Bienen

  • Hallo!


    Ich selbst bin keine Imkerin jedoch benötige ich einige Informationen, Bienen und Pflanzenschutzmittel betreffend, die ich, wie ich hoffe, hier am besten bekommen könnte.
    Im speziellen geht es um die Anwendung von Pflanzenschutzmittel, welche zwar nicht toxisch für adulte Bienen sind jedoch für die Bienenbrut.
    Welche Möglichkeiten hat der Imker seine Bienen vor einer möglichen Exposition zu schützen (falls Anwendung dem Imker bekannt ist)? Macht das Abdecken bzw. das Entfernen von Bienenstöcken Sinn? Oder ist eine zeitliche Befristung, z.Bsp. Anwendung nur bei Dämmerung, besser? Wann, über den Tag gesehen, kann man denn mit erhöhtem Bienenflug rechen?


    Vielen Dank schon mal für die Hilfe.
    Grüße, Daniela

  • Hallo, und herzlich willkommen,
    *ich* würde SOFORT abwandern, wenn mir bekannt würde, was da gespritzt werden soll.
    Alles andere geht in die Hose.
    Ein ganzes Volk an einem schönen trockenem Tag einzusperren dürfte zum Verbrausen führen, sprich, sie regen sich derart auf, daß die Temperatur innen über den Erweichungspunkt des Wachses steigt, und dann bricht alles zusammen.
    Sobald Flugwetter mit Temperaturen über +5° herrschen, würde ich das nicht riskieren, dann lieber einpacken und weg....


    Außerdem besteht ja gerade bei solchen Präparaten das Problem, daß sich die Vergiftung erst nach Wochen zeigt, wenn so recht keine Bienen mehr nachgewachsen sind, und dann ist es extrem schwer herauszufinden, was denn da passiert ist.
    Nachzuweisen ist in den meisten Fällen dann auch nichts mehr, und der Imker steht vor leeren Kisten.


    Und angesichts der gängigen Praxis, auch verbotene Tankmischungen anzusetzen, um die zweite Überfahrt zu sparen, und der grausamen Unwissenheit der Landwirte, was die Gefährlichkeitsklassen wirklich bedeuten, gehe ich davon aus, daß mir wohl kaum einer Bescheid sagen wird, weil sie selbst keine Ahnung haben, wie was auf Bienen wirkt.
    Von daher vermeide ich Intensivlandbau und beschränke mich auf Naturschutzgebiete und die Stadt, das ist gesünder.:wink:

    "Meet me in a land of hope and dreams"
    Bruce Springsteen

  • Hallo !
     
    Ich glaube so wie von Sabine geschrieben machen es viele Imker. Du kannst es als Bienenhalter selbst nicht nachweisen wer - wann - was getan hat. Deshalb stehen unsere Bienen auch in entsprechenden Ecken, z.B. einem vom örtlichen NaBu betreuten Wildheckengebiet mit renaturierter Streuobstwiese nebenan, oder in einem FFH Gebiet in denen auf viele Mittel verzichtet wird (werden muß) oder halt die von Sabine schon beschriebene Ortslage.
    Natürlich triffst Du bei einer späten Anwendung am Tag weniger Honigbienen mit Pflanzenschutzmitteln, aber es gibt ja auch noch andere Insekten die nicht ganz unbedeutend sind. Z.B. fliegen Hummel jeden Tag viel länger als Honigbienen und auch bei niedrigeren Temperaturen, das überschneidet sich dann schon mit den ersten Nachtfaltern (hast Du schon mal einen Totenkopffalter gesehen ?).
    An einem unserer Stände werden die Bienen ca. für ½ Tag im Spät-Herbst eingesperrt, aber nicht wegen Pflanzenschutzmitteln, sondern wegen der Pflegemaßnahmen des NaBu, der Verbuschung der Naturwiese entgegenzuwirken.
    Unsere Bienen werden eigentlich nur verstellt bei Ablegerbildung, Räuberei oder ähnlichen Maßnahmen, eine Trachtanwanderung und somit eine evtl. Folge der Landwirtschaft wird von uns nicht praktiziert.
     
    Gruß
    Bienen.Knecht

    Aus der Übertreibung der Warnungen,
    ist die Unterschätzung der Realität geworden.

  • Hallo!
    Danke für die rasche Antwort.
    Verstehe ich das richtig, dass ihr als Imker mit den Sicherheitssätzen SPe8 (gemäß Pflanzenschutzmittel-RL) in Bezug auf Pflanzenschutzmittel mit hohen sublethalen Wirkungen auf Bienen und Bienenbrut wenig anfangen könnt bzw. diese in der Anwendung nicht praktikabel sind? Stellt sich dann die Frage, was man mit solchen Pflanzenschutzmittel machen soll um ein akzeptables Risiko für Bienen zu erreichen?
    Wie schaut es denn rein gesetzlich aus, wenn ein Landwirt oder eine Gemeinde ein Pflanzenschutzmittel anwendet, welches mit "Bienengefährlich" gekennzeichnet ist. Besteht da keine Informationspflicht gegenüber den Imkern in der Region?


    Gruß, Daniela

  • Hallo Daniela,
    begeistert sind wir nicht gerade.
    Die Zulassungs- oder Einstufungsprüfungen erfolgen an ausgewachsenen Bienen.
    Was ist mit den Larvenstadien?
    Die Mittel werden oft mit "Hochdruck" ausgebracht.
    Diese Verluste an Flugbienen sehen wir oft erst gar nicht.
    Dann die bereits erwähnten "Tankmischungen".
    Wer kann mit Sicherheit sagen, das nicht zwei als bienenungefährlich eingestufte Mittel als "Cocktail" dies noch sind.
    Zudem ist ein Kriterium bei der Einstufung fast ein Hohn:
    Nach einer gewissen Zeit müssen 50% der Bienen noch leben.
    Da ich mal vermute, das Du aus dem Umfeld der Landwirtschaft kommst, Daniela, möchte ich mal fragen, was Du von so einem Mittel halten würdest, das Dein Nachbar anwendet; und von dem die Hälfte Deiner Tiere eingeht.
    Dieser ist dann noch im recht, weil es ja so zugelassen ist.
    Das ist aber nicht unser einziges Problem mit der Landwirtschaft:
    Vor Jahrzehnten konnte man noch Honig aus "Ackerunkräutern" ernten.
    Die frühe Mahd der Wiesen.
    Das Verschwinden von Ackerrändern, Feldgehölzen, Obstwiesen usw.
    Viele Grüße
    Lothar

    Solange Menschen denken, das Tiere nichts fühlen,
    müssen Tiere fühlen, das Menschen nicht denken.

  • Hallo, Dani,
    die einzigen Links dazu bei Guuuugel & co. sind österreichische, und ich muß ehrlich sagen, daß ich darüber schlicht nichts weiß.
    Mir ist auch nicht bekannt, daß sich neuerdings irgendjemand (außer uns) Gedanken um subletale Dosen macht, hier zetern wir ja schon länger darüber.


    Als Imker hast du keine Möglichkeit, rauszukriegen, wer in dem nicht gerade kleinen Flugkreis wann was spritzt.
    Bei einem Radius von 3km sind das 28 Quadratkilometer, wie willst du das machen?
    Okay, ich kann den Bauern fragen, auf dessen Grund ich stehe, aber solche Fragen kommen meistens nicht gut an, weil die Herren dann immer sofort Angst vor Schadenersatzansprüchen haben.
    Als Imker hast du wirklich nur die Möglichkeit, dem soweit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Ich geh nicht mal mehr freiwillig in die Nähe von Raps....

    "Meet me in a land of hope and dreams"
    Bruce Springsteen

  • Hallo!
    Zuerst mal. Nein, komme nicht aus dem Bereich Landwirtschaft (zumindest nicht aktiv) sondern aus dem Bereich Ökotoxikologie. Der Grund meiner Fragen, war einmal herauszufinden, wie es mit der Kennzeichnung von risikominimierenden Maßnahmen in der Praxis ausschaut. Sind diese überhaupt sinnvoll und anwendbar. Sowohl für den Landwirt als auch für den Betroffenen, in diesem Fall der Imker.
    Und zum Thema Zulassungskriterien. Im Falle von Wirkstoffen mit insektizider Wirkung, die zum Beispiel auf das Wachstum von Insekten wirken, die sogenannten "Insect Growth Regulators" oder Wirkstoffe mit systemischer Wirkung werden sehrwohl die Larven-Stadien bzw. Langzeit-Wirkungen angeschaut und bewertet. Werden auch von den Firmen verlangt.
    Zum zweiten arbeitet man bei der Bewertung nicht mit einem 50% Trigger (zumidnest nicht bei den worst-case Laborstudien, also oral und Kontakt) sondern mit einen Hazard Quotient. Bei Semi-Freiland Studien, Freilandstudien, usw. gibt es dann keine Trigger mehr. Da hängt es dann sehr vom Gutachter ab. Also Expert Judgement. Wird auch, was ich weiß, in Deutschland so praktiziert (komme selbst aus Österreich). Es halten sich bei der Bewertung von PSM eigentlich alle Mitgliedsstaaten an die PSM-RL und die Guidance Documents.


    Tankmischungen sind ein Problem, allerdings in allen ökotoxikologischen Bereichen und sind aufgrund der Grenzen der Bewertung schwer lösbar.


    Auf jeden Fall danke für eure Antworten. Hat mir einen guten Einblick über die Praxis gegeben.


    Gruß, Daniela

  • Hallo, Dani,
    du solltest dich nicht vorzeitig verabschieden, dieses WE war in Soltau Imkertag, da kriegst du morgen bestimmt noch Antworten von Experten :wink:


    Was ich mich immer frage, wie wirken sich diese ganzen PSM auf die übrigen Wildinsekten aus?
    Irgendwie guckt da doch keiner nach....und ebenso wüßte ich nicht, daß irgendjemand Untersuchungen über die Auswirkungen auf das Bodenleben machte...
    Weißt du da eventuell mehr darüber?

    "Meet me in a land of hope and dreams"
    Bruce Springsteen

  • Hallo Sabine!
    Werde natürlich noch weiter in das Forum schauen :wink:. Sehr interessant mal mit Bienen-Experten zu tun zu haben, die auch Ahnung von der Praxis haben.


    Also im Laufe der Zulassung eines PSM schaut man sich folgende Berieche an: Physikalisch-chemische Eigenschaften, Toxikologie, Rückstände, Wirksamkeit und eben Umweltverhalten und Ökotoxikologie. In der Ökotoxikologie gibt es dann die Bereiche
    Aquatik (Fische, aquatische Invertebraten, Algen und wenn ein Herbizid auch noch höhere Wasserpflanzen sowie falls Risiko zu erwarten ist auch noch Sedimentbeohner),
    Vögel & Säuger
    Bienen
    Nicht-Ziel-Arthropoden (Mindestanforderung sind Test mit Typhlodromus und Aphidius - wenn Insektizid kommen noch ein paar mehr Arten dazu)
    Nicht-Ziel-Pflanzen
    Bodenorganismen (Regenwürmer, Bodenmikroorganismen, wenn ein persistenter Wirkstoff dann noch Bodenmakroorganismen, z.Bsp. Folsomia) Bodenfunktionalität wird mit Bodenmikroorganismen angeschaut und wenn persistent dann noch Litterbag-Studie - kommt aber nicht wirklich viel raus und eher unzufriedenstellend.


    Bewertung ist nach dem Tier-Prinzip, heißt man beginnt mit worst-cast Laborstudien. Wenn Risiko hoch dann kommen higher-tier Studien wie Freilandstudien die mehr der Realität entsprechen oder andere Verfeinerungsschritte. Sollte solange gehen bis ein akzeptables Risiko (gemessen an der beantragten Aufwandmenge) erreicht wird. Wenn Risiko sehr hoch ist, dann gibt es die Möglichkeit der risikominimierenden Maßnahmen (Abstandsauflagen zu Oberflächengewässer, zu Nichtkulturland, driftreduzierende Düsen usw.).


    Das ganze ist natürlich noch viel ausgeklügelter, aber ich hoffe, ich konnte eine groben Überblick geben.


    LG, Daniela

  • Hallo, Dani,
    dankeschön für die prompte Antwort, damit habe ich schon mal eine Menge Anhaltspunkte zum Weitersuchen (damit hab ich dann schon meine "Hausaufgaben" für diese Woche..):wink:

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    Bruce Springsteen

  • Hallo,


    mir sind 4 Stufen von Bekämpfungsmittel B1, B2, B3, B4 bekannt.
    B4 ist ungefährlich für Bienen, B1 Bienengefährlich B2 darf nicht vor 23:00 ausgebracht werden.
    Zb Ultracid 40 gegen den Rapsglanzkäfer darf nur nach ende des Bienenfluges ausgebracht werden, oder wie 2007 vor der Blüte des Rapses.
    Bei Spritzschaden sollte man immer die entsprechende Stelle informieren um den Übertäter schnell ausfindig zu machen.

  • Hallo Sabine!
    Ich habe hier noch einen interessanten Link für dich bezüglich ökotoxikologische Risikobewertung von PSM. Auf der Seite findest du alle Guidance Documents, nach denen die Risikobewertung durchgeführt wird. Bienen und Nicht-Ziel Arthropoden findest du im "Guidance Document on Terrestrial Ecotoxicology".
    http://www.pesticides.gov.uk/approvals.asp?id=713


    Außerdem würde ich dir raten, wenn dich dieser Bereich interessiert, dir einmal einen DAR (draft assessment report) anzusehen. Ein DAR umfasst die gesamte Bewertung eines Wirkstoffs und ist auch eine wichtige Grundlage für die nationale Bewertung von Formulierungen.
    Da siehst du ganz gut wie eine Risikobewertung aufgebaut ist. Sind öffentlich einsehbar und darf auch von jedem kommentiert werden. Gibt es auch schon für Imidacloprid.


    Hier allgemein etwas über die Arbeit der EFSA: http://www.efsa.europa.eu/EFSA…-1178620753812_PRAPER.htm
    Unter diesem Link kannst du DARs bei der EFSA anfordern:
    http://www3.efsa.europa.eu/DAR…Substance.cfm?provision=1


    LG, Daniela