Der Bien - ein Superorganismus

  • Drohn<br>[url schrieb:

    ... kurz gefasst: "Der Bien ist ein Superorganismus",
    oder eine ausführlichere Antwort, die ich unter das Motto stelle:

    Zitat


    Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile (Aristoteles)


    Vom BIEN zum Superorganismus


    Ein langer Weg der Erkenntnis - dargestellt anhand von Zitaten


    Teil 1 - Der Bien


    Der Bien - schon die in diesem Zusammenhang oft zitierten "Altvorderen" nannten so die fasziniernde Einheit des Phänomens Honigbiene:


    1)[quote=Johannes Otto Hüsing
    Die Honigbiene
    Die Neue Brehm-Bücherei 31, 5. Aufl., 1974, 99 S.
    Kap.6. Der Bien und seine Brutordnung, S. 53 - 57
    ]Schon in dem vor rund 1000 Jahren entstandenen "Lorscher Bienensegen" heißt es
     "Kirst,imbi is huze". = "ein Imm ist heraus".
    So sagt man der Bien ...
    Als das Bienenvolk noch in einem Strohkorb saß, fiel es durchaus nicht schwer, es als Einheit ... aufzufassen.[/quote] Der althochdeutsche "imbi" wurde von dem bienenkundigen Professor treffend mit "der Bien" übersetzt.
    In dem Text kommt noch die "bina" als einzelne Biene vor.
    Wer den "Bienensegen" noch nicht kennt, findet ihn hier (mit Übersetzung):
    http://www.galdorcraeft.de/zs_biene_d_ueb.htm


    2)[quote=Johannes Philibertus Muscinus
    Bericht von den Bienen
    Darinnen beschrieben ihre Natur
    und alß so viel sich deren zu erkundigen
    und wie mit ihnen umbzugehen
    Anno 1638
    ---
    Reprint 1982, 99 S., veranlasst von Dr. Karl Dreher
    S. 22
    ]
    Anno 30 hatte ich einen bien gekaufft, ließ ihn Februario holen ...
    [/quote] Kein Zweifel, Muscinus meint mit "Bien" seinen "Strohstock" mit dem ganzen Inhalt.


    3)[quote=Enoch Zander
    Die Zucht der Biene
    6. Aufl., 1944
    Kap. 4, Der Umgang mit Bienen, S. 24
    ] ... Erkenntnis von der Einheit des Bienenvolkes,
    der untrennbaren Zusammengehörigkeit aller Volksglieder und ihrer lebensnotwendigen Verbundenheit mit Bau und Beute ...
    ,
    wie es der alte Mehring (1869) uns erstmalig gelehrt hat.
    Der "Bien" alten Sprachgebrauchs ist die gottgewollte Einheit von Bienen, Bau und Beute,
    die Summe der drei großen heiligen B, ...
    die jeder Imker über die Tür seines Bienenhauses schreiben sollte.[/quote]


    Über die Zugehörigkeit der Beute zum Bien gibt es verschiedene Meinungen, z.B.:
    4)[quote=Hüsing, s.o. Zit 1., S.57,63
    ] Zum Bien gehört auch das Wachsgebäude samt Vorräten. ...
    Nicht zum Bien gehört die Beute ..., die von vielen Imkern als Hauptsache gewertet wird.
    ...
    Schließlich mag noch gesagt sein, daß nicht die Beute den Honig bringt,
    sondern der Bien, der im Kasten sitzt.[/quote]


    5)[quote=Ottomar Dächsel
    Mein Bienenbuch
    Orionbücher Bd. 2, 144 S., o.J. (um 1946)
    Verlag Sebastian Lux, Murnau
    Kap. 2. Der Bien, S.11 - 26
    ] Mehring erkannte klar, daß jedes Bienenvolk eine geschlossene Einheit bildet,
    bei der jeder Teil des Ganzen unlösbar mit den anderen Gliedern verknüpft ist
    und ohne diese Einheit seinen Zweck völlig verfehlt.
    ... Hierüber verfaßte er ein sehr gut geschriebenes Schriftchen mit dem Titel
    "Das neue Einwesensystem im Bienenvolk".[/quote]
    6)

    F. Gerstung (1905)<br>zitiert nach: <br>Hüsing - Nitschmann (Hrsg.)<br>Lexikon der Bienenkunde<br>Stichwort 'Bien'<br> schrieb:

    Der Bien ist ein Organismus,
    welcher besteht durch das harmonisch-zweckmäßige Zusammenwirken aller seiner Teile oder Glieder,
    und bei welchem jeder Teil das Ganze als Ursprung und Träger seiner Existenz voraussetzt


    7)


    "Der Bien" in einem Imkerlexikon: http://www.mikley.de/Imkerei/begriffe.php#Bien


    8 )[quote=Bert Hölldobler & Edward O. Wilson
    Ameisen
    Die Entdeckung einer faszinierenden Welt
    Birkhäuser Verlag, 1995, 265 S.
    Kap. Der Superorganismus, S. 131
    ] ... Theoretikern der damaligen Zeit war klar, daß sie einer wichtigen Sache auf der Spur waren.
    Sie lagen mit ihrer Ansicht auch durchaus auf der wissenschaftlichen Linie.
    Nur wenige erlagen dem Mystizismus von Maurice Maeterlincks Buch "Der Geist im Bienenstock",
    wonach eine übernatürliche Kraft aus der Insektengemeinschaft hervorgeht,
    die sie leitet und vielleicht für ihre Entstehung verantwortlich ist.[/quote]


    9)


    Zander als Naturwissenschaftler kritisiert Pfarrer Gerstungs aus biologischer Sicht nicht haltbare Gleichsetzung des Biens mit einem einem einzelnen Lebewesen (= Organismus) bzw. dessen Organen
    (=> Homologisierung: Wesens-Gleichheit).


    Nicht betroffen von Zanders Kritik ist das Vergleichen der beiden Systeme Bien und Organismus bzw. ihrer Bestandteile auf übereinstimmende Aufgaben bzw. Funktionen hin
    (=> Analogieschlüsse: Funktions-Übereinstimmung).


    So kann man z.B. auch bei Biologen lesen:
    11)

    Mit freundlichen Grüßen
    Frieder


    ____________________


    Der Bienenstaat gleicht einem Zauberbrunnen;
    je mehr man daraus schöpft, desto reicher fließt er (K.v.Frisch)


    Es irrt der Mensch, solang er strebt (J.W.v.G.)

  • Teil 2 - Der Superorganismus


    12)

    http://www.unipublic.unizh.ch/…/0624/Dies2001-Wehner.pdf[/url]
    ] Der Ausdruck "Superorganismus" wurde 1911 vom Harvard-Biologen William Morton Wheeler geprägt,
    aber erst in den 1980er Jahren als supraorganismische Einheit evolutionsbiologisch begründet: Wilson, E.O., Hölldobler, B., 1988


    13)[quote=Bert Hölldobler
    in: Seeley, Honigbienen, s. Zit.17
    Vorwort zur deutschen Ausgabe, Seite 11 f.
    ] F. Gerstung schildert in seinem Buch "Der Bien und seine Zucht" (1904) das Bienenvolk als superorganismische Einheit; und William Morton Wheeler ... kam, wie viele seiner Zeitgenossen ... immer wieder auf diesen Begriff zurück.
    ...
    Aus genetischer Sicht ist die Insektenkolonie natürlich kein Organismus,
    denn es handelt sich ja um Individuen, die die Gene in die nächste Generation weitergeben,
    und die genetischen Interessen der Mitglieder der Sozietät können von denen der gesamten Sozietät verschieden sein.[/quote]
    Wie schon bei Zander (Zit.9) ausgeführt, bezieht sich Hölldoblers Bemerkung auf den Organismus bzw. Superorganismus im Sinne von Gerstung bzw. Wheeler (Wesensgleichheit).
    Soziobiolgen sprechen gelegentlich auch kurz vom "Organismus", aber natürlich in der neuen Auffassung von Superorganismus (Funktionsübereinstimmung).


    14)


    "Superorganismus" bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Superorganismus


    15)


    16)[quote=Hölldobler
    in: Seeley, Honigbienen, s. Zit.17
    Vorwort zur deutschen Ausgabe, S. 12
    ] Die moderne evolutionsbiologische Sicht des Insektenstaates als Superorganismus wird im ... Buch von Thomas Seeley meisterhaft dargestellt, obgleich der Begriff 'Superorganismus' kaum verwendet wird.
    Thomas Seeley bringt uns mit diesem elegant und spannend geschriebenen Buch auf den neuestend Stand der Honigbienenforschung.[/quote]
    Seeleys Forschung hat ihren Schwerpunkt in der Futterbeschaffung des Bienenvolkes.
    Er beschreibt auch ausführlich seine Methoden und die durchgeführten Versuche.
    Hier der Anfang des ersten und ein Abschnitt des letzten Kapitels:
    17)[quote=Thomas D. Seeley
    Honigbienen
    Im Mikrokosmos des Bienenstocks
    Birkhäuser Verlag, 368 S., 1997
    ] 1. Grundlagen, S. 21
    Dieses Buch handelt davon, wie ein Bienenstaat als einheitliches Ganzes funktioniert.
    Die Aufmerksamkeit konzentriert sich dabei auf die Steuerungsmechanismen, mittels derer ein Bienenvolk beim gemeinschaftlichen Nahrungserwerb abgestimmt zusammenarbeitet.
    ... es ist nicht allgemein bekannt, daß Bienenvölker eine komplexe, in hohem Maße geordnete soziale Organisation für ihren gemeinsamen Nahrungserwerb besitzen.
    Dieses hochorganisierte Zusammenspiel resultiert aus dem Sonderfall, daß bei der Honigbiene die natürliche Auslese (Selektion) hauptsächlich auf der Ebene des ganzen Bienenvolkes und nicht bei der einzelnen Biene wirksam wird.
    Ein Bienenvolk stellt daher eine biologische Organisationseinheit auf Populationsebene dar.
    Wenn wir erforschen, wie der Prozeß der gemeinschaftlichen Nahrungsbeschaffung intern organisiert ist,
    beginnen wir, die Erfindungen der Natur zu bewundern, durch die Tausende von Insekten elegant in eine Einheit höherer Ordnung eingebunden werden - eine Einheit, deren Fähigkeiten diejenigen einer einzelnen Biene bei Weitem übersteigen.
    ...
    11. Grundlegende Erkenntnisse aus der Erforschung des Bienenstocks, S. 338
    ... 1978 wußte niemand, daß ein Bienenvolk fähig ist,
    sorgfältig ein riesiges Gebiet rund um seinen Stock herum nach reichhaltigen Nahrungsquellen abzusuchen,
    rasch seine Sammlerinnen binnen eines Nachmittags neu aufzuteilen,
    seine Nektarverarbeitung fein auf den Nektareintrag abzustimmen,
    wechselseitige Hemmungen zwischen unterschiedlichen Sammelgruppen vorzunehmen, um die differenzierte Ausbeutung unterschiedlich lohnender Nahrungsquellen zu verstärken,
    seine Polleneintragsrate genau entsprechend dem Verhältnis von internem Angebot und interner Nachfrage zu regulieren
    sowie den energieaufwendigen Vorgang des Wabenbaus auf Zeiten wirklichen Bedarfs für weiteren Vorratsraum zu beschränken.
    Darüber hinaus fehlten uns genaue Kenntnisse vieler Handlungsweisen auf der Ebene der Biene,
    die solchen Fähigkeiten auf der Ebene des Bienenvolkes zugrunde liegen,
    beispielsweise Kenntnisse
    der Aufführung von Zittertänzen, um Arbeit neu aufzuteilen,
    der Weitergabe eiweißreicher Nahrung von Ammenbienen an Sammlerinnen, um das Pollensammeln zu regulieren,
    der Verwendung der Suchzeit, um Verhältnisse von Angebot und Nachfrage zu bewerten,
    sowie der Verwendung eines freundschaftlichen Wettkampfs auf dem Tanzboden, um Sammlerinnen auf Blumengruppen aufzuteilen.
    Heute dagegen erkennen wir in einem Bienevolk einen Interaktor [etwa: ein Träger von Erbanlagen, der diese schützt und verbreitet] auf der Ebene der Tiergesellschaft, der dem Überleben der Gene dient,
    und wir wissen, daß die natürliche Selektion es mit einem Reichtum genialer Mechanismen für ein erfolgreiches Funktionieren ausgestattet hat.[/quote] Inhalt: http://www.saarcarnica.com/Buecher/Honigbienen.htm


    Hier sind etliche Ergebnisse Seeleys eingearbeitet: Bewerten von Informationen, Verteilte Intelligenz:
    http://zool33.uni-graz.at/schm…pers/PAPER_FACTS_2003.pdf


    Auf meinem Rechner haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Pressemitteilungen u.a. mit den Forschungsergebnissen von Prof. Tautz und seinen Mitarbeitern angesammelt. Glücklicherweise kann ich es mir ersparen, daraus zu zitiern, denn in Kürze können wir alles in einer wohl einmaligen Zusammenfassung lesen.
    Hier nur die Quintessenz:
    18 )

    Fleyer zum Buch von <br>Prof. Dr. Jürgen Tautz &amp; Helga R. Heilmann: <br>'Phänomen Honigbiene' <br>[url schrieb:

    http://www.bienenforschung.bio….de/phaenomen_honigbiene/[/url]
    ] Der Superorganismus Bienenstaat ist mehr als die Summe aller seiner Bienen 
    Er besitzt Eigenschaften, die man bei den einzelnen Bienen nicht findet.
    Umgekehrt bestimmen und beeinflussen Eigenschaften der gesamten Kolonie im Rahmen ihrer Soziophysiologie viele Eigenschaften der Einzelbienen


    Man kann auf die Ausführungen dazu in diesem Buch gespannt sein.
    Wie Wilson und Hölldobler bei den Ameisen, so haben Seeley und Tautz bei der Honigbiene die Kenntnisse über die Eigenschaften des Superorganismus erweitert.



    Fazit:


    - Für Mehring war der Bien die Summe seiner Teile: eine geschlossene Einheit, ein System


    - Für Gerstung war der Bien mehr als die Summe seiner Teile: ein aus Organen bestehender Organismus


    - Für die moderne Soziobiologie ist das Bienenvolk ein Superorganismus: eine evolutionsbiologische Einheit


    Bei Zit.18 ist nur 1 "B" (= Bienen) enthalten;
    wenn man noch die 2 anderen traditionellen B's (= Bau und Beute) dazu nimmt, könnte man (frei nach Aristoteles) sagen:


    Der Superorganismus BIEN ist mehr als die Summe seiner Teile



    Drohn , Danke für Deine Anregung zu dieser Darstellung.
    Deine Eingangsfrage und der Tautz-Flyer (letztes Zit.18) sind bei mir gleichzeitig angekommen.
    Dieses zufällige Zusammentreffen veranlasste mich zu diesem Beitrag;
    mit einer Auswahl aus den mir zugänglichen Zitaten versuchte ich den Zusammenhang zu verdeutlichen ;)

    Mit freundlichen Grüßen
    Frieder


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  • Ein herzliches Dankeschön auch von mir! Eine Menge neues Lesefutter wartet da auf mich...



    Die Hinweise auf die Selektion über die Kolonie, anstatt über einzelne Bienen ist auch sehr interessant für die Praxis. Vor allem, wenn man die Wichtigkeit der verschiedenen Väterlinien dazu nimmt. Also die hohe Durchmischung und deren Bedingung für Eusozialität.


    Bernhard

  • Für Mehring war der Bien die Summe seiner Teile: eine geschlossene Einheit, ein System


    Mein von Anfang an leichter Zweifel an der Gültigkeit dieses Satzes verstärkte sich im Verlauf der letzten Wochen;
    nach der Lektüre von Tautz bin ich mir jetzt sicher, dass diese Aussage falsch ist und Mehring damit Unrecht geschieht.


    Das möchte ich mit diesen beiden Sätzen wieder gut machen:


    - Für die "Altvorderen" (vor 1869) war der Bien die Summe seiner Teile: ähnlich einer Herde, einem Rudel
    oder einem Schwarm (im Sinne von Fisch- oder Vogel-Schwarm)


    - Für Mehring war der Bien mehr als die Summe seiner Teile: ein "Ein-Wesen", d.h. eine geschlossene Einheit, ein System


    (NB:
    In der Zoologie sind Insektenstaaten "geschlossene anonyme Verbände",
    d.h. die Angehörigen kennen sich nicht persönlich, erkennen aber die anderen Mitglieder)


    Die von Mehring dem Bien zugeschriebene Eigenschaft "Einwesen" ist im Prinzip heute noch gültig,
    sie bekam lediglich 1911 den internationalen wissenschaftlichen Namen "Superorganismus" (bzw. Superorganism).
     

    Volksmund<br> schrieb:

    Ehre wem Ehre gebührt


    Der Schreiner und Imker Johannes Mehring (1815-1878) hat sich mit seinem Einwesensystem (wie er es 1869 selber nannte) ein bleibendes Denkmal in der Bienen-Biologie gesetzt.



    PS:
    Mehr zum Thema "Mehring und der Bien":
    http://imkerforum.de/showpost.php?p=117531&postcount=9


    Mehring und die Folgen:
    Wie man sich bei Google leicht überzeugen kann, hat der Superorganismus und seine "Schwarm-Intelligenz" (= kollektive Intelligenz) inzwischen sogar Einzug in die Technik gehalten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Frieder


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  • Hallo,


    Der Bien.


    So heißt eine neue Doppel-CD,
    auf der Professor Jürgen Tautz, B
    ienenforscher am Biozentrum der Uni Würzburg,
    spannende Geschichten aus der Welt der Honigbienen erzählt.


    http://idw-online.de/pages/de/news221113

    Mit freundlichen Grüßen
    Frieder


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